Lugano
O die Stunden sind unvergessen,
Als wir, ferne der sterblichen Welt,
Weilten im traulichen Alpenthale,
Wo in des Lichtes südlichem Strahle
Froh sich sonnen die ersten Cypressen,
Denen sich schüchtern die Myrte gesellt.
Dort auf des Sees tiefpurpurne Wellen
Schauten wir trunken hinab vom Altan,
Wie die Villen von rebenbekränzten
Felsvorsprüngen herniederglänzten
Und helleuchtend hervor die Kapellen
Aus den Kastanienwäldern sahn.
Oder vorbei an umrankten Ruinen
Stiegen wir, rings von Bächen umrauscht,
Bis wir zur Alpenfirne geklommen,
Keinen Ton mehr des Lebens vernommen
Und mit dem Donner der wilden Lawinen,
Statt mit den Menschen, Worte getauscht.
Abends am Hang, wo mit silbernen Locken
Die Kaskade vom Felsen springt,
Ruhten wir unter den Duftgestäuden,
Während ewig wechselnde Freuden,
Bunt, wie umher die stäubenden Flocken,
Uns umgaukelten, leicht beschwingt.
Uebertäubt von dem brausenden Strome,
Starb auf den Lippen uns jeder Laut.
Arm in Arme und Mund am Munde
Hingen wir, während zum ewigen Bunde
Unter dem heiligen Sternendome
Uns die heilige Nacht getraut.
In der Brianza
Dichte Wolken, schwer und dunkelnd,
Hängen nieder in das Thal;
Hie und da, die Nacht durchfunkelnd,
Zuckt herab ein Wetterstrahl,
Daß die schlaferfüllten, stillen,
Halb im Laub versteckten Villen
An den blauen Alpenseen
Und im Lorbeergrün die blassen
Marmorbilder der Terrassen
Aus dem Dunkel auferstehn.
Donner nun! Von hellern Blitzen
Wird durchflammt die Finsternis,
Und die weißen Gletscherspitzen
Leuchten durch der Wolken Riß;
Längs der grünen Rebenmauern
Zittert heißes Wonneschauern,
Und in Wollust bebt die Flur,
Da die ersten Tropfen rauschen;
Aber wag' ich's, zu belauschen
Dieses Brautfest der Natur?
Sommernacht
Nacht des Südens, blau und heiter,
Durch des Abends goldnes Thor
Schwebst du leuchtend wie ein zweiter,
Wie ein schönrer Tag empor.
Deine Schatten selbst sind heller
Als im Norden unser Licht,
Und die Stunden rinnen schneller,
Denn die Trauer kennst du nicht.
Wem das Herz noch unzerfallen
Und die Seele klar wie du,
Sanft in deinen Schlummerhallen
Schließe dem das Auge zu!
Aber mir, dem Ruhelosen,
Ist vertrauter dort die Nacht,
Wo die Wetterbäche tosen
Und im Sturm die Föhre kracht;
Wo die schweren Nebel triefen
Um den Klippenstrand der Seen,
Und aus dunklen Wassertiefen
Schattenbilder auferstehn.
Barcarole
Um der fallenden Ruder Spitzen
Zittert und leuchtet ein schimmernder Glanz,
Flieht bei jedem Schlage mit Blitzen
Hin von Wellen zu Wellen im Tanz.
Mir im Busen von Liebeswonnen
Zittert und leuchtet das Herz wie die Flut,
Jubelt hinauf zu den Sternen und Sonnen,
Bebt zu vergehn in der wogenden Glut.
Schon auf dem Felsen durchs Grün der Platane
Seh' ich das säulengetragene Dach,
Und das flimmernde Licht am Altane
Kündet mir, daß die Geliebte noch wach.
Fliege, mein Kahn! und birg uns verschwiegen,
Birg uns, selige Nacht des August!
Süß wohl ist's, auf den Wellen sich wiegen,
Aber süßer an ihrer Brust.
Notturno
Heimwärts ging der letzte Beter
Von dem Bild der lieben Frau;
Nur noch selten fliegt ein später
Nachen durch das Wogenblau;
Sommerliche Lüfte holen
Aus dem Kelche der Violen
Düfte, heiß und atemschwer,
Und auf weißer Lilien Spitzen
Hüpfen, gleich verirrten Blitzen,
Rote Flammen hin und her.
Siehe! und Johanniskäfer
Schweben leuchtend durch die Nacht;
Glaub' mir, Kind, es sind für Schläfer
Solche Stunden nicht gemacht!
Lud in solcher Nacht Juliette
Doch zur trauten Minnestätte
Den geliebten Romeo,
Und sie kosten Wang' an Wange,
Bis beim Lerchen-Frühgesange
Er aus ihren Armen floh!
Leicht empor auf die Terrasse
Schwing' ich mich aus meinem Boot;
Komm! und auf dies sehnsuchtblasse
Antlitz breite neues Rot!
Laß uns ruhn im sanftverwirrten
Dickicht von Jasmin und Myrten.
Wo sich Zweig mit Zweig verschlingt
Und kein Licht, das uns verrate,
Nur der flammenden Granate
Schimmer aus dem Laube dringt!