Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Adolf Friedrich von Schack



4. Verwehte Blätter





31.


Noch sind die Hähne alle stumm,
Und schwer liegt auf den Augenliden
Mir noch der Schlaf der Nacht; warum
Weckt ihr so überfrüh den Müden?

Kaum um den Himmelsrand spielt fern
Ein Schein, als ob die Dämmrung graute;
Schlaftrunken grüßt den Morgenstern
Die Lerche mit dem ersten Laute.

Und matt im Osten hebt der Tag
Sich halb empor vom Wolkensaume,
Dann auf den Pfühl, auf dem es lag,
Sinkt neu sein Haupt zurück zum Traume.

Drück mir die Augen wieder zu!
Fern von dem lauten Lebensschwarme,
Allmutter Nacht, vergönne du
Mir lang noch Rast in deinem Arme!




32.


Ob auch mein Abend längst begonnen,
Doch oft, hellleuchtend wie zuvor,
Noch steigen lang versunkne Sonnen
Vor meinem trüben Blick empor.

Dann ist mir, wieder herrlich glänze
Die Welt, wie ich sie einst gesehn;
Den Atem lang verblühter Lenze
Fühl' ich durch meine Seele wehn.

Kühl rauscht's in ihrer Wipfel Blättern;
Entgegen quillt mir Blütenduft,
Und lang gestorbne Lerchen schmettern
Von neuem hoch in blauer Luft.

O jubelt fort! Sanft auf dem Pfühle
Laßt mich entschlummern beim Gesang,
Der in des Sonnenaufgangs Kühle
Am Himmel meiner Kindheit klang!




33.


Ums Haupt der alten Bergesriesen
Spielt noch der erste Morgenstrahl
Und gleitet, auf dem Rauch der Wiesen
Hinzitternd, nieder in das Thal.

Leis beben von den Atemzügen
Der Schlafenden die Lüfte noch;
Noch ruht der Stier, bevor zum Pflügen
Der Ackersmann ihn schirrt ans Joch.

O weckt zu seinem Werk voll Mühe
Den Tag aus seinem Schlummer nicht!
Umfang uns lang noch, sel'ge Frühe,
Mit Morgenluft und Morgenlicht!




34.


Schon lagern über den Mooren
Die Nebel des Abends schwer;
Kaum zittert ein Strahl verloren
Durch der Dünste wallendes Meer.

Die Blätter, die Blüten siechen
Im kalten Oktoberhauch,
Und giftige Lüfte kriechen
Verheerend von Strauch zu Strauch.

Doch ich träume von grünenden Matten
Und Wiesen, mit Tau besprengt,
Darüber an felsigen Platten
Die Rose der Alpen hängt,

Von Gipfeln mit eisiger Firne,
Die hoch in den Himmel ragt
Und den Morgen auf ihrer Stirne
Schon trägt, bevor er noch tagt.

Wer je sich an deiner Quelle
Den Durst, o Liebe, gestillt,
Von ewiger Morgenhelle
Ist ihm die Seele erfüllt.




35.


Dahin der Jugend Wonnen,
Und selbst ihr süßes Weh
Zerstoben und zerronnen
Wie Frühlings-Blütenschnee.

Nicht jauchzt mehr zu den Sternen
Mein Herz wie sonst empor;
Es starrt in öde Fernen
Nach dem, was es verlor.

Nicht mehr in Schmerz zu bluten
Vermag's, wie einst es that,
Als es die roten Fluten
Erlabten wie ein Bad.

Nur wenn in holdem Sinnen
Dein Auge auf mir ruht,
Wohl regt sich noch tief-innen
In ihm die alte Glut.

Hoch klopfend dann entgegen
Pocht es dem jungen Glück -
Doch sinkt mit matten Schlägen
Bald neu in sich zurück.




36.


Wie war mir so beklommen,
Als ich am Fenster lag!
Ich sah, er war gekommen,
Der erste Wintertag.

In blassem, grauem Streife
Zog Heerrauch ob dem Moor,
Weiß angehaucht vom Reife
Erglänzte Halm und Rohr.

Ein Fink sang auf der Linde
Beim halbgestürzten Nest,
Welk bebten noch im Winde
Die Blätter am Geäst.

Erst in der Abendspäte
Erstarb die Stimme matt -
Der eis'ge Nordwind wehte
Herab das letzte Blatt.




5. Kampf und Sieg





Am Grabe Friedrichs des Zweiten


1864.

Aus Palermos Blütenfülle, die mit Duft den Sinn betäubt,
Aus dem Strahlenglanz, der blendend über Meer und Gärten stäubt,
In die Gräberhalle flücht' ich, fern dem lärmerfüllten Tag,
Dir den Totenkranz zu winden um den dunklen Sarkophag,
Mächt'ger, der um ein Jahrtausend deiner Zeit du schrittst voran,
Dessen Riesennamen bebend nur der Deutsche stammeln kann!
Laß in deiner heil'gen Stille, wo du, alles Wandels bar,
Nicht den Tag und nicht die Nacht kennst, nicht das Ist und nicht das War,
Laß mich denken, wie von Deutschlands Kaiserthrone schicksalsvoll
Einst gebietend durch die Länder deines Wortes Donner scholl;
Denken, wie vom Nord- zum Südmeer durch dein unermeßnes Reich
Du den Adler Ruhm, den kühnen, einem Edelfalken gleich,
Auf der starken Faust getragen und gespornt von Flug zu Flug,
Bis die Schwinge, alles wagend, ihn in Sonnenferne trug!
Um dich her mit Schild und Lanze, als ein eisenfester Wall,
Reihten sich die Erdenfürsten, jeder deines Throns Vasall,
Und, das Werk der Nacht zerstörend, für des Priesters Bannfluch taub,
Tratst du, die ihn dreifach krönte, die Tiara in den Staub,
Während an dein eh'rnes Deutschland du das sonn'ge Morgenland
Und des Südens heitre Küsten bandest mit gewalt'ger Hand. -
Aber weh! die hehren Bilder, wer verhüllt sie meinem Blick?
Neuen, immer neuen Wechsel bringt das rollende Geschick,
Und durch siebenhundert Jahre seh' ich wie im Traumgesicht
Finstrer stets den Himmel kreisen mit erloschnem Sternenlicht,
Seh' dein Reich in Trümmer sinken, daß, zerbröckelt und zernagt,
Selten noch ein halbgebrochner Pfeiler aus dem Schutte ragt;
Weithin geht durch seine Zinnen, seinen Wall der Riß hindurch,
Und am Boden liegt die starke, liegt die heil'ge Völkerburg.
Trauernd über deinem Lande hat der Genius sich verhüllt;
Von den eignen Söhnen wurde seiner Schande Maß erfüllt;
Seine Lenker in Verblendung denken nicht der Zeit, die war,
Als sich herrschend über alle schwang der doppelhäupt'ge Aar,
Nicht sein Volk, daß ihm der Kaiser, was dem Schiffer der Pilot;
Ohne ihn auf stürm'schem Meere sinkt es selbst im lecken Boot.
Nun verzagend stehn sie alle, da der Boden kracht und wankt;
Wilder tobt um sie die Woge, und der Kompaß trügt und schwankt;
Doch vergebens rollt der Donner mahnend über ihrem Haupt;
In den jähen Abgrund stürzen sie sich selber sinnberaubt.
So dein Land, erhabner Kaiser! Morsch ist alles drinn und hohl;
In der Zeiten Wirbelströmen treibt es ohne Stern und Pol.
Wohl dir, daß dein Auge nimmer schaut dies deutsche Jammerbild!
Möge Trauerflor umhüllen dein berühmtes Wappenschild!
Um dich her im Traume magst du deine Heldensöhne stehn
Und die Schatten der vergangnen großen Tage gleiten sehn;
Doch kein Laut des Lebens dringe, Herrlicher, zu dir herab,
Als das Rauschen deiner Fahnen, wie sie wehen um dein Grab.