Beim Betrachten einer Menschenlunge
in Spiritus
Ganz ohne Grauen frißt du täglich totes Fleisch.
Und totes Blut ist dir ein süßer Saft.
Erschrickst du nicht? -
Zwar haben deine frühsten Väter auch
Und ehe du erwachtest wurde schon
Dir tausend Totes in den Leib gestopft.
Wie aber muß der erste, der das Tier
Erschlug, herzlich erschrocken sein -
Da, als er sah, daß das, was flatterte,
Was sprang und schreien konnte und im Sterben noch
So flehende Welt in den Augen hatte,
Mit einemmal
Nicht mehr da war.
In der Lungenheilstätte
Viele kranke Leute gehen in den Gärten
Her und hin und liegen in den Hallen.
Die die Kränksten sind, verfiebern
Alle armen Tage in dem heißen
Grab der Betten.
Ach, katholische Schwestern schweben
Müd umher in schwarzen Gewändern.
Gestern ist einer gestorben. Heute kann einer sterben.
In der Stadt feiern sie Fasching.
Den Unterschied
Möchte ich Klavier spielen können.
Sonntag
Ein Kaufmann geht mit Frau und Kind spazieren.
Schulbuben fahren um die Wette Rad.
Frau Sonne trocknet einen Leichenkutscher.
Ein Spieler setzt den anderen schachmatt.
Korrekte Leute wandern in die Kirchen.
In einem Zimmer hängt sich einer auf.
Todmüder Dichter wirft in schönster Stunde
Zum letztenmal die kranke Faust hinauf.
Die Zeichen
Die Stunde rückt vor.
Der Maulwurf zieht um.
Der Mond tritt wütend hervor.
Das Meer stürzt um.
Das Kind wird Greis.
Die Tiere beten und flehen.
Den Bäumen ist der Boden unter den Füßen zu heiß.
Der Verstand bleibt stehen.
Die Straße stirbt ab.
Die stinkende Sonne sticht.
Die Luft wird knapp.
Das Herz zerbricht.
Der Hund hält erschrocken den Mund.
Der Himmel liegt auf der falschen Seite.
Den Sternen wird das Treiben zu bunt.
Die Droschken suchen das Weite.
Das Ende
Ein Windkloß überzieht wie weißer Schwamm
Die grüne Leiche der verlornen Welt.
Erfrorne Flüsse sind ein Eisendamm,
Der morsche Reste noch zusammenhält.
In einer kleinen Regenecke steht
Die letzte Stadt in steinerner Geduld.
Ein toter Schädel liegt - wie ein Gebet -
Schief auf dem Leib, dem schwarzen Büßerpult.
Die Gedichte des Kuno Kohn
Mein Ende
Halbe Hände halten mein Schicksal.
Wo wird es sinken ...
Meine Schritte sind winzig wie die Schritte von Fraun.
Ein Abend hat alle Träume verwüstet.
Kein Schlaf fällt mir ein -
Lied der Sehnsucht des Kuno Kohn
Die Falten des Meeres platzen wie Peitschen auf meiner Haut.
Und die Sterne des Meeres reißen mich auf.
Von schreienden Wunden ist der Abend des Meeres Einsamen.
Aber die Liebenden finden den guten verträumten Tod ...
Sei bald da, Schmerzäugige, das Meer tut so weh.
Sei bald da, Liebleidende, das Meer erschlägt mich so.
Deine Hände sind kühle Heilige. Hüll mich mit ihnen, das Meer brennt auf mir.
Hilf doch! Hilf doch! ... Deck mich. Rette mich. Heil mich, Freundin.
Mutter ... du -
Überfall
Schon Untergang -
Das war aber schnell ...
Kaum Spur von Aufgang - -
Ich bin über die Welt gewachsen.
Ich bin der Allgott geworden
Und furchtbar wach.
Und jetzt muß ich den Tod wegwerfen ...
Mein Sterben ist stumm
Und ohne Bilder ...
Ohne Erlösung - - -
Pathos
Du liebst mich nicht ... Ich hab dich nie gereizt ...
War nie dein Typ ...
Und meine harten Augen sind dir lästig, Liebchen ...
Ich bin dir viel zu finster. Und zu grob -
Und meine weißen Zähne blitzen so brutal
Und meine blutgen Lippen sind so schrecklich sichlich.
Ach, was du sagst - -
Doch, du hast wirklich recht. Ich geb dich ... frei.
... Und morgen in der Früh fahr ich zu einem Meer,
Das blau und ewig ist ...
Und liege da am Strand ...
Und spiele lächelnd, bis ein Tod mich greift,
Mit Sand und Sonne und mit einer weißen
Schlanken Hündin.
Liebeslied
Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.
In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten.
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.
Ich muß dich immer ansehen.
Der Entleibte
Weiß lieg ich
Auf einem Rest von einem Rummelplatz
Zwischen zackigen Bauten -
Brennende Blume ... leuchtender See ...
Zehen und Hände
Streben ins Leere.
Sehnsucht zerreißt den weinenden Körper.
Über mich gleitet der kleine Mond.
Augen greifen
Weich in tiefe Welt,
Hüten versunken
Wandernde Sterne.