Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

Index: Autoren A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Aloys Blumauer



Lyrische Gedichte





Mein System


Nach dem Französischen des Verfassers der Rhapsodien.

In meines Lebens Flitterjahren
Bestürmt' ich Paphos, Heiligthum,
Doch kaum als die vorüber waren,
Da winkten Ehre mir und Ruhm.

Ich griff zugleich nach Schwert und Leyer,
Allein die Musen gaben mir,
Wie Manchem ihrer lauen Freyer,
Den Korb, und wiesen mir die Thür.

Ich baute nun auf Mavors Gnade,
Auch lud er mich gefällig ein,
Ich hoffte auf dem grossen Rade
Fortunens glücklicher zu sein,

Von einem Ordensband umwunden,
Träumt' ich den schönsten Lorbeerstrauß,
Schnell war dies Luftphantom verschwunden,
Ein jeder Friede blies es aus.

Nun bot ich der Vernunft die Ehre
Von meiner späten Huldigung:
Ein Vierziger, so dacht' ich, wäre
Nun wohl für sie nicht mehr zu jung.

Allein sie fand es noch gefährlich,
Und stellte sich, o Nilis, dar
In deinem Bilde, weil sonst schwerlich
Der Flüchtling fest zu halten war.

O ja, sie brauchte nicht vergebens
Dich, Zauberin, zu ihrer List,
Die bald die Freude meines Lebens,
Bald meiner Launen Geisel ist.

Genüglich, wenn jetzt mit Vergnügen
Mir der Geschmack die Tafel würzt,
Zufried'ner als bei Nektarzügen,
Wenn mir ein Freund die Zeit verkürzt:

Gleich fertig, meinen Arm zu heben,
Wenn Joseph mich zu Schlachten zieht,
Als willig, mir allein zu leben,
Wenn mich sein Wahlblick übersieht;

Will ich ihn Sieg auf Sieg mit Freuden
Um seine Schläfe winden seh'n,
Und nur die Glücklichen beneiden,
Die ihm dabei zur Seite steh'n.

Wenn and're ihren Kriegsruhm lieber
Auf faule Zeitungslügen bau'n,
Als ihren Feinden gegenüber
Dem Tode selbst in's Auge schau'n;

Will ich der grossen Männer Schatten
Beneiden um ihr Heldenthum,
Und nur nach ihren grossen Thaten
Mich sehnen, nicht nach ihrem Ruhm.

Und wenn dereinst mit milder'm Blicke
Das Schicksal nieder auf mich sieht,
Dann nehm' ich halb von meinem Glücke,
Und halb theil' ich es andern mit.

Belehrt vom Werth des Glücks hienieden
Durch eig'ne Widerwärtigkeit,
Leb' ich mit meinem Loos zufrieden
In gold'ner Mittelmässigkeit.

Wenn so ein Leben ohne Plage
Dann Nilis werth zu leben hält,
O dann sind meine Greisentage
Mit Jugendschimmer noch erhellt.




An eine Linde zu P***


Liebe Linde, du vor allen Bäumen
Meinem Herzen lieb und werth!
Dank dir, daß du meinen Liebesträumen
Schutz und Schatten oft gewährt.

Ach, wie wohl that's, wenn dein heilig Schweigen
Oft in trauten Arm mich nahm,
Und herab aus deinen dunkeln Zweigen
Liebesschauer auf mich kam!

Dich ernähr' und pflege Mutter Erde
Lange noch in ihrem Schoos!
Blühe, wachse, und gedeih' und werde,
Werde noch einmal so groß.

Daß den Wand'rer Schauer einst durchfahren,
Wenn er deine Größe sieht,
Und ein Jüngling noch nach hundert Jahren
Liebgedrungen zu dir flieht.

Doch, daß künftig hin auch, liebe Linde,
Gute Mädchen hold dir sei'n,
Sieh, so schneid' ich hier in deine Rinde
Meines Mädchens Namen ein.

Jünglinge und Mädchen werden kommen,
Ihre Namen dir zu weih'n;
Und von nun an wirst du allen frommen
Edlen Seelen heilig sein.

Will dein Herr dereinst in's Grab dich senken,
Werden ihm die Namen dräu'n,
Schaudernd wird an seine Lieb' er denken,
Und gerührt dich nicht entweih'n.




An die Muse


Wer, Muse, dein göttliches Angesicht sieht,
Dem lodert's im Busen, dem zittert und glüht
Im Auge die brünstige Liebe;
In dreimal gedoppelten Schlägen geht hoch
Das Herz ihm, pocht höher und mächtiger noch
Vom stärksten der himmlischen Triebe.

Und beutst du ihm oben gefällig den Schoos,
So kämpft er von irdischen Banden sich los,
Und schwingt sich mit ringendem Fluge
Zu dir auf, und hängt an Mund dir und Brust,
Und trinket sich Wonne, und trinket sich Lust
Im langen, verschlingenden Zuge.

Und faßt ihn dein Arm, und befeur't ihn dein Kuß,
So strömet ihr taumelnd im feurigen Guß,
Wie Flamme mit Flamme zusammen:
Da reißt er dir ringend den Gürtel entzwei,
Und wohnet in männlicher Fülle dir bei,
Und schenket zu Kindern dir Flammen.

Doch jeglichem, der eine Metze dich glaubt,
Und geil mit Gewalt dir Umarmungen raubt;
Dem lohnest den Frevel du bitter;
Er windet sich kraftlos und stillet an dir
Die schnöde, sich selbst überlegene Gier,
Und zeuget sich - Krüppel und Zwitter.




Lied, gesungen auf der Landpfarre zu B***


den 21. Junius 1786.

Auf laßt uns ein Liedchen beginnen;
Denn lieblicher, Freunde! verrinnen
Beim Sange die Zeit und der Wein.
Wir füllen beim Sang die Pokale,
Und trinken am fröhlichen Mahle
Auf unseres Wirthes Gedeih'n.

Der Diener der Kirche soll leben,
Der auch auf die irdischen Reben
Im Weinberg des Herren noch sieht!
Es leb' auch die Kirche nicht minder,
Die mütterlich pflegt ihre Kinder!
Und keines beim Wasser erzieht!




Trinklied


Gesungen im Brühl den 18. Mai 1783.

Hört Brüder, die Zeit ist ein Becher,
D'rein giesset das Schicksal dem Zecher
Bald Galle, bald Wasser, bald Wein.
Was gestern als Wein uns erfreute,
Verwandelt in Wasser sich heute,
Und morgen kann Galle d'rin sein.

Doch weisere Zecher verstehen
Mit Klugheit zu trinken, und sehen
Zuvor in den Becher hinein:
Und blinket es golden, so trinken
Sie hastigen Zuges, und dünken
Sich heute nur durstig zu sein.

D'rum füllt euch das Schicksal, ihr Zecher,
Mit fließendem Golde den Becher,
Und ladet zum Trinken euch ein;
So laßt euch das Wasser von morgen,
Die Galle von gestern nicht sorgen,
Und trinket den heutigen Wein.




An Lesbien


Nach Catull.

O Mädchen, mehr als Götterglück,
Ja mehr noch fühlt der Mann,
Der dir gen über, Blick an Blick
Geheftet, sitzen kann.

Von deines Lächelns Anschau'n ward
Mir trunken Geist und Sinn;
Mein Blick erlischt, die Zunge starrt,
So lang ich bei dir bin.

Aus deinem Feuerauge fährt
Die Liebe dann in mich,
Und tobt im Innern, und verzehrt
Mich Armen sichtbarlich.

Mein ganzes Wesen lodert hoch
In helle Flammen auf:
O thaue, Mädchen, thaue doch
Ein Tröpfchen Gunst darauf!




Lied, in Abwesenheit des Geliebten zu singen


Teuthold, mein Trauter, ist gangen von hier,
Wälder und Berge verbergen ihn mir;
Sonst wohl erzielte noch fern ihn mein Blick:
Winkt' ich, dann winkt' er mir wieder zurück.

Säh' ich ihn jetzt des Maienmonds freu'n,
Wäre die Hälfte der Freuden auch mein;
Pflückt' er ein Blümchen, so pflückt' er es mir;
Säng' er ein Liedchen, so säng' er es mir.

Säh' ich ihn wandeln im traulichen Wald,
Hört' ich des Sehnenden Seufzen gar bald:
Liebend, allliebend umfing ich ihn dann,
Schmiegt' an den Trauten mich inniglich an.

Hätt' ich, o hätt' ich doch Feengewalt,
Mich zu verwandeln in jede Gestalt,
Könnt' ich ihm spielen manch' wunderlich Spiel,
O, wie genöss' ich der Freuden so viel!

Ging' er stilldenkend am kühlenden Bach,
Schwämm' ihm ein Blümchen Vergißmeinnicht nach;
Hascht' er das Blümchen, und nähm' es zu sich,
Hätt' er in liebenden Händen dann mich.

Sucht er im Schatten der Linde sich Ruh'
Deckt' ich mit duftenden Blättern ihn zu;
Ging er auf Blumengefilden einher,
Flög' ich als Schmetterling rund um ihn her.

Fügt' er zu Büchern in's Kämmerlein sich,
Setzt' ich an's Fenster als Nachtigall mich,
Sänge sein eigenes Liedchen ihm vor:
Würd' er nicht lauschen und spitzen sein Ohr?

Brächte mein liebendes, sehnendes Ach
Doch ein gefälliger Zephyr ihm nach!
Wäre nur leicht und geflügelt mein Kuß,
Brächt' er wohl stündlich ihm freundlichen Gruß.




Mina's Augen


Zwei Augen sind's, aus deren Blicken
Die Sonne selbst ihr Feuer stahl,
Seht, Männerherzen, gleich den Mücken,
Dreh'n taumelnd sich in ihrem Strahl.

O sonnt' ich doch in diesen Augen,
Den Mücken gleich, mein Angesicht,
O dürft ich Lieb' aus ihnen saugen,
Und wärmen mich an ihrem Licht!




Der Blick der Liebe


Wie die Sonne das, was Mutter Erde
Todt in ihrem Schoosse trägt,
Mächtig, wie des hohen Schöpfers Werde,
Auf in's neue Leben weckt;

Wie sich alle Lebenspulse heben
Von der Sonne Strahl durchzückt,
Und empor der jungen Keime Streben
Aus dem Schoos der Erde drückt;

Wie beseelt der Schöpfung Fiebern beben,
Wenn der Strahl, der sie durchglüht,
Allbefruchtend Millionen Leben
Weckt und aus dem Grabe zieht;

So ein Leben, fühl' ich, strahlet Liebe
In dem Feuerauge dir,
Und ein Regen hundertfält'ger Triebe
Pocht in Herz und Seele mir.




Freude des Wiedersehens


O, wie süsse
Lebt es sich!
Ich geniesse
Wieder mich.
In der Nähe
Hab' und sehe
Ich mein All;
Wer sie kennet,
Der durchrennet
Berg und Thal;
Ach, ich kannte,
Ach, ich rannte
Weit, o weit,
Sie zu küssen
Und im süssen
Unbefang
Hing ich trunken,
Wie versunken,
Stundenlang.
Wie ein Engel
Kam ich ihr,
Ihre schönen
Wonnethränen
Sagten's mir;
Und ihr Blicken
Und ihr Drücken
Sagt' es mir,
Mein Verflummen
Mein Verstummen
Sagt es ihr.
All' mein Sehnen,
All' mein Thränen
Ist dahin;
All' erheitert,
Und erweitert
Herz und Sinn,
Fühl ich wieder,
Was ich bin,
Singe Lieder,
Hüpfe hin,
Herze meine
Liebe, kleine
Pflegerin.