Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Arno Holz



Buch der Zeit





Zum 2. September


Vieltausend Männer und Knaben,
Vieltausend, Schaar bei Schaar,
Begraben, begraben, begraben
An Mosel, Maas und Saar!
O, der Wittwen und der Waisen
O, der armen Eltern nun!
Und immer noch darf das Eisen
Das blutige, nicht ruhn.

Ferdinand Freiligrath


O Tag, an dem in leuchtender Wehr
Noch immer schwarzweissroth
Die deutsche Flagge von Fels zu Meer
Nord-, ost- und westwärts loht:
In Einigkeit verbunden
Durch die heilige Schaar, die an Dir verblich,
O Tag voll Blut und Wunden,
Wir grüssen Dich! Wir grüssen Dich!

Denn oft noch wird Dein Morgenwind
Durch die Reiser an unsern Helmen wehn
Und manche Mutter mit ihrem Kind
Lautweinend am Wegrand stehn.
Nur Waffen hört man schmieden
Vom Bodensee bis an den Belt;
Den Traum vom ewigen Frieden,
Lügen straft ihn die heutige Welt!

Die Zeit, die Eisen und Blut verschweisst,
Wir ahnen sie längst vor den Thüren stehn:
Die Trommel, die wirbelnd die Luft zerreisst,
Kann schon morgen durch unsere Reihen gehn.
Dann werden auf deutschem Herde
Die alten Gluten noch einmal glühn
Und roth auf französischer Erde
Um junge Gräber Rosen blühn.

Nicht die Welt zu knechten ist unsre Begier,
Brandfackeln zu werfen in fremdes Glück:
Ein schwäbischer Bauer ist kein Baschkir
Und ein pommerscher Landwehrmann kein Kalmück!
Was thut's, wenn der Ruhm unsre Siege
Auf seine thönernen Tafeln schreibt?
Sie gelten dem Weib an der Wiege
Und dem Schäfer, der seine Schafe treibt!

Doch weh, wenn die Kraft, die einst Kronen zerbrach,
Nicht länger mehr unsre Schwerter umsprüht
Und die alte Zeit der alten Schmach
In unsre Stirnen ihr Schandmahl glüht!
Wenn Franzosen, Russen und Czechen
Ihre Fangarme um unser Land gekrallt -
Doch schon zu denken daran, ist Verbrechen,
Nach blitzt ja die Wacht auf dem Niederwald!

Drum, Du Tag, an dem in leuchtender Wehr
Noch immer schwarzweissroth
Die deutsche Flagge von Fels zu Meer
Nord-, ost- und westwärts loht:
In Einigkeit verbunden
Durch die heilige Schaar, die an Dir verblich,
O Tag voll Blut und Wunden,
Wir grüssen Dich! Wir grüssen Dich!






Von Ewigkeit zu Ewigkeit


Nimm hin mich, Leben, ich bin dein! Wie hoch die Fluth auch gehe,
Ich zage nicht vor deinen Mühn und nicht vor deinem Wehe;
Du führst die Menschheit an ihr Ziel durch alle Wandelungen,
Und dem nur winkt der Siegespreis, der tapfer mitgerungen;
Doch eine Stunde jedes Tags dem drängenden Gewühle,
Das rastlos um uns tobt und braust, wie eine Riesenmühle,
Ja, eine will ich ihm entfliehn, dass ich in stiller Weihe
Der grossen Hymne der Natur das Ohr voll Andacht leihe!

Adolf Friedrich Graf von Schack


Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken
Und doch ist ihre goldne Blüthezeit
Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken.
Denn jene Welt der Sagenpoesie
Ist nicht nur Traum, ist Wirklichkeit gewesen,
Und wem das Schicksal Seherkraft verlieh,
Kann das noch heute aus den Sternen lesen.

Wer zählt die Sprossen, die zertrümmert sind
Aus jener gotterbauten Himmelsleiter?
Die Sonne glüht und kühlend weht der Wind
Und unaufhaltsam rollt das Rad sich weiter.
Die leuchtend kreisen durch das dunkle All,
Erhaben gross ist noch die Zahl der Welten;
Und kommt allnächtlich eine auch zum Fall,
Was kann dem Meere wohl ein Tropfen gelten?

Doch wem sich das Geheimniss der Natur
Nicht unterm Sternenzelt mag offenbaren,
Der wandle mit mir durch die Erdenflur,
So wie sie war vor hunderttausend Jahren.
Noch stritt kein Jason um das goldne Vliess,
Die Menschheit knechtete kein Triumphator,
Doch endlos dehnte sich ein Paradies
Vom Nordpol bis hinunter zum Aequator.

Wo heute sich durch eisumstarrten Belt
Die Walfischfahrer ihre Strasse bahnen,
Erhub sich ehmals eine Inselwelt,
Beblüht von üppig wuchernden Bananen.
Und lächelnd kränzte sich die Meeresfee
Mit bunten Perlenmuscheln und Korallen,
Wo längst verweht vom Wüstenkörnerschnee
Die Isistempel in sich selbst zerfallen.

Nicht trübte schon den funkelnden Azur
Der Riesenschlote schmutzigfeuchter Brodem,
Denn unentweiht noch träumte die Natur
Und jeder Windhauch war ein Gottesodem.
Kein Erdgeborner fühlte sich entbrannt
Nach fremden Wundern einer fremden Zone
Und brach mit seiner frevlen Menschenhand
Sich Stein auf Stein aus Gottes Schöpfungskrone.

Doch jede Zeit singt sich ihr eignes Lied
Und jenes Lied ist lange schon verklungen;
Die Melodie, die heut die Welt durchzieht,
Verhöhnt die alten Ueberlieferungen.
Die Menschheit hat sich zum Titanenkampf
Mit ihrer Mutter, der Natur, gerüstet
Und denkt nur noch mit Eisen, Blut und Dampf,
Weil sie's dem Schöpfer gleich zu thun gelüset.

Erloschen ist der kindlichfromme Zug
Aus ihres Angesichts versteinten Mienen,
Und unbekümmert um den alten Fluch,
Zwingt sie die Elemente ihr zu dienen.
Im Bergschooss gräbt nach Schätzen sie umher
Und macht den Feuergeist sich zum Vertrauten,
Die Weltumsegler schickt sie übers Meer
Und in die Luft die kühnen Aeronauten.

Ja, bis gen Himmel, den der Herr sich schuf,
Auf dass er würdig seine Schöpfung kröne,
Erhebt sich schon der schicksalsschwangre Ruf
Der staubentsprossenen Gigantensöhne.
Denn hier auf diesem engen Erdenkreis
Ist kaum ein Fels noch für sie zu verschieben,
Der Steppensand nur und das Gletschereis
Ist unentweiht vor ihrer Wuth geblieben.

Doch drückt sie auch das auferlegte Joch
Und seufzt sie auch um Tage, die verwehten,
Ein Prachtjuwel blieb unsre Erde doch
Im Kronendiademe der Planeten!
Denn unbekümmert um die Weltenuhr
Lässt sie die tausendfältgen Kräfte sprühen
Und nach dem heilgen Rathschluss der Natur
Die Quellen springen und die Blumen blühen.

Wie herrlich steigt der erste Frühlingstag
Doch immer noch vom Himmel zu ihr nieder!
Und schreitet erst der Sommer durch den Haag,
Dann fühlt sie ihre ganze Jugend wieder.
Und stehst du dann, umwallt von all dem Duft,
Dann lacht die Flur und ihre Ströme blitzen
Und fernher schimmern durch die blaue Luft
Die ewig eisgezackten Gletscherspitzen.

Da horch! Ein leiser Hauch im Blätterdach,
Und durch die Wipfel geht ein seltsam Rauschen;
Wie Stimmen flüstert's durch das Laubgemach,
Und andachtsvoll musst du den Tönen lauschen.
Das ist der Wind, der ruhlos durch die Welt
Dahinrollt auf den nie erschauten Gleisen,
Der nun im Bergwald seinen Einzug hält
Und dir erzählt von seinen weiten Reisen.

Erst ist, vergleichbar einem wilden Schwan,
Er majestätisch durch die Luff gezogen
Und stieg dann nieder in den Ocean
Und spielte mit den grüngewellten Wogen.
Doch bald verlockte ihn der nahe Strand
Und hinter sich liess er das Meergebrause
Und ging mit Riesenschritten übers Land
Und hielt dann Rast in einer Felsenklause.

Da lag denn nun tief unter ihm die Welt
Idyllisch da im Sommersonnengolde
Und athmete gen Himmel, duftgeschwellt,
Wie eine farbenprächtge Blüthendolde.
Und Meereswellenschaum und Gottesluft,
Dazu die paradiesischen Gefilde,
Verwoben lieblich sich im Sonnenduft
Zu einem nie geschauten Wunderbilde.

Dir aber schwillt das Herz vor hoher Lust
Bei solcher windgetragnen Himmelskunde,
Und das Gefühl der übervollen Brust
Gestaltet sich zum Wort in deinem Munde.
Du preist Natur und ihre Herrlichkeit,
Die Gott in seinen eignen Werken loben,
Und lächelst über den Pygmäenstreit,
Den wider ihn die Sterblichen erhoben.

Die eitle Selbstsucht menschlicher Kultur
Vermag nur eben das, was ihr von Nöthen,
Sie weiss die Herrlichkeit der Gottnatur
Zu untergraben wohl, doch nie zu tödten.
Und ist auch ihre goldne Blüthezeit
Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken,
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken!






Ecce homo!


An das klopfende
Herz ihres Volkes
Legen die Dichter
Ihr lauschendes Ohr
Und hören sie rauschen
Von Ferne
Die Taufbronnen des neuen Heils,
Die Jordansströme
Der neuen Zeit.
Nicht an die Weisen
Und Schriftgelehrten,
An die Männer
Von Weihwasser und Weihrauch,
Wendet um Rath sich
Die neue Menschheit;
Es lehrt als Priester
Der neuen Zeit
Der Sohn des Volkes
Im schlichten Gewande.

Alfred Meissner


Ich sah ihn Tag für Tag,
Als wäre nichts geschehn,
Still mit dem Glockenschlag
An seine Arbeit gehn;
Das Halstuch roth wie Blut,
Von Locken wirr umflogen,
Den Kalabreserhut
Tief in die Stirn gezogen.

Ein jeder Zoll Genie,
Ein Volksmann, ein Poet,
Scheint er mir öfters, wie
Ein biblischer Prophet.
Das ganze Viertel kennt
Und ehrt in ihm den Führer,
Der oft im Parlament
Auftrat, ein wilder Schürer.

Weh jeder Tyrannei,
Wenn er bis Mitternacht
Am Pult der Druckerei
Geschrieben und gedacht!
Wem seine Blitze sprühn,
Vergisst das Athemholen,
Denn seine Worte glühn
Im Hirn wie rothe Kohlen.

Ein rechter Proletar!
Ein wahres Zorngedicht!
Wer seine Mutter war?
Er weiss es selber nicht!
Vielleicht ein Kind der Lust,
Das, weil die Noth es taufte,
Das Herz aus seiner Brust
Um schnödes Gold verkaufte.

Vielleicht auch nur, ja nur,
Ein Weib in Goldbrokat,
Das trotz Moraldressur
In eine Pfütze trat.
Vielleicht liegt sie schon todt
In einer eklen Gosse,
Vielleicht bespritzt mit Koth
Ihn ihre Staatskarosse.

Ein armes Findelkind,
Im ersten Morgengrau,
Umweht vom Winterwind,
Fand ihn die Zeitungsfrau.
Er that's ihr lächelnd an,
Der rosige Rebeller,
Und auf nahm ihn ihr Mann
In seinen Schusterkeller.

Hier wuchs er in die Welt,
Ein Bursch mit blondem Haar,
Sein einzig Tummelfeld
Das Grossstadt-Trottoir.
Wohl schwoll der Stiefelkram,
Doch auch das Taufregister,
Und nach und nach bekam
Er sieben Milchgeschwister.

Und knapper ward das Brot,
Der Junge musste ran!
Und bleich im Dienst der Noth
Hub nun sein Elend an.
Er stand im Setzersaal,
Die Hand am Letternkasten,
Und half das Volksjournal
Des Nachts zusammenhasten.

Die Uhr vom Thurm her klang
Wie tief in eine Gruft,
Ein fetter Oelgestank
Schwamm ranzig durch die Luft.
Man hörte wie im Traum
Die Winkelhaken klirren
Und im Maschinenraum
Die Lederriemen schwirren.

Um ging von Hand zu Hand
Ein Bräu aus Schnaps und Bier,
Als Etikett drauf stand:
Gesundheit-Elixir!
In schmutzgen Zoten sprach
Frech das Maschinenmädel,
Das Gaslicht aber stach
Ihm grell auf seinen Schädel.

Er aber: Griff auf Griff
That er mit düsterm Blick,
Durchs offne Fenster pfiff
Der Wind ihm ins Genick.
Er strich um ihn herum
Und blies ihm in die Ohren:
»So recht! So recht! Warum
Bist Du nicht »hoch« geboren?

Warum beim Stümpfchen Talg
Hat Dich das Glück geheckt
Und nicht als Wechselbalg
In Eiderdun gesteckt?
Dann stündest Du nicht hier,
Behängt mit schmutzgen Lappen,
Dann wärst Du auch kein Thier
Und pochtest auf Dein Wappen.

Du wärst auch nicht wie nun
An Leib und Seele krank,
Du brauchtest nichts zu thun
Und sagtest: Gottseidank!
Auch hättest Du dann Geld,
Wie Rothschild ganze Frachten,
Und könntest diese Welt
Noch mehr als jetzt verachten!«

So stand er düster da
Und rang mit seinem Groll
Und sein College sah,
Wie ihm die Ader schwoll.
Zu tief sass es, zu tief,
Er grollte, sann und dachte,
Bis sie, die in ihm schlief,
Die Urkraft, jäh erwachte.

Und heiss ins Hirn empor
Kam ihm das Blut gespritzt,
Wie wenn ein Meteor
Nachts durch den Himmel blitzt.
Denn plötzlich riesengross
Sah er ein Schreckbild thronen -
Es war sein eignes Loos,
Das Loos von Millionen!

Da deutlich, schwarz auf weiss,
Stand's da und sah ihn an,
Dass ihm das Blut wie Eis
Kalt durch die Adern rann.
Es war nur ein Fragment,
Ein abgerissner Fetzen,
Ein neustes Testament,
Und er, er sollt es setzen!

»Ein armer Bettler kroch
Vor seines Bruders Haus
Und bat, o reich mir doch
Ein Stückchen Brot heraus!
Vor meinen Augen flirrt's
Ich habe nichts zu essen,
Der liebe Herrgott wird's
Dir sicher nicht vergessen!

Sein Bruder aber schrie
Und strich sein Doppelkinn:
Was willst du, tolles Vieh?
Scheer dich wo anders hin!
Das sauft nur immer Wein
Und ekelt sich vor Wasser -
Da hier, friss diesen Stein ...
Doch, sag ›Schöndank!‹ du Prasser!

Da schrie der Aermste auf,
Zu teuflisch war der Hohn,
Und eine Stunde drauf
Lag er im Wasser schon.
Derweil nach dem Diner
Hielt lammfromm vor dem Städtchen
Sein Bruder, Herr P.P.,
Sein Mittagspromenädchen!

O, nun zum ersten Mal
Verstand er Wort für Wort,
Fürs Volk war das Journal
Und dies war ja ein Mord!
Es war ein Mord und mehr,
Es war die alte Fabel,
Wie einst - o lang ist's her -
Der Kain schlug den Abel!

Mit Augen, thränenroth,
Verschlang er, was er las,
Bis knöchern ihm der Tod
Im weichen Herzen sass.
Den Otternkranz im Haar,
Umtanzten ihn die Furien,
So sinnverwirrend war
Kein Zerrbild aus Lemurien!

Und tage- wochenlang
Lief er umher wie wild,
In seine Träume schlang
Sich jenes wüste Bild.
Er sah es riesengross
In jedem Winkel thronen,
War's doch sein eignes Loos,
Das Loos von Millionen!

In Stoppeln stand sein Bart,
Sein Herz war wie verdorrt,
Er - lachte nur und ward
Ein Anderer hinfort!
Sein Weichmuth bis ins Gras,
Ihn kniff's wie eine Zange
Und hochauf schwoll sein Hass
Wie eine Tigerschlange.

Da winkte wie ein Ziel
Ihm fern ein goldner Schein
Und mehr als einmal fiel
Ihm der Messias ein.
Er grübelte und sah:
Noch wird das Volk geknutet,
Das Herz von Golgatha
Hat sich umsonst verblutet!

Nun sprach das Ideal
Ihm tief zu Herz und Hirn,
Sein blutig Kainsmal
Stand roth auf seiner Stirn.
Er floh das Volksgewühl
Und schlief nur wenig Stunden
Und liess dann sein Gefühl
Sich zu Gedanken runden:

»Ein Fluch auf diese Zeit!
Was grad wuchs, biegt sie krumm!
Mein Herzblut aber schreit:
Warum, o Gott, warum?
Wozu denn Herr und Knecht?
Was arm, was reich auf Erden?
Für das zertretne Recht
Will ich der Anwalt werden!

Drum her, o her zu mir,
Die ihr beladen seid!
Mein Reich ist ja von hier!
Mein Reich ist diese Zeit!
Ihr, die hier wild in sich
Den Schrei der Wuth ersticken,
Kommt alle her, denn ich,
Ja ich will euch erquicken!

Ich will ins Morgenroth
Der nahen Zukunft sehn
Und euer Schrei nach Brot
Wird in Erfüllung gehn.
Der Knechtschaft Dorngesträuch,
Mein Schwert soll es zerkrachen,
Ich will aus Sklaven euch
Zu freien Menschen machen!

Ihr aber, die ihr faul
Auf euerm Geldsack sitzt,
Indess das Volk, der Gaul,
Vor euerm Karren schwitzt:
Lasst euern Wanst gedeihn,
Lasst eure Hunde bellen,
Ich werde »Feuer!« schrein,
Bis euch die Ohren gellen!

Ich stosse von dem Thron
Das Wörtchen »mein und dein«,
Das brave Volk wird schon
Auf seinem Posten sein.
Drum tanzt nur! Der Vulkan
Wird bald in Feuer kreissen,
Dann wird es Zahn um Zahn
Und Aug um Auge heissen!«

Was er nur halb durchdacht,
Er rief es wildverstört
Und manche stille Nacht
Hat seinen Fluch gehört.
Die Furcht vor Gold und Rang
Verschwur er hoch und theuer,
Ein wilder Wissensdrang
Rann ihm durchs Hirn wie Feuer.

Wohl stand er hart in Frohn,
Ein armer Proletar,
Doch blieb sein halber Lohn
Beim Bücher-Antiquar.
An jedem Wahltag strich
Er ruhlos um die Thüren
Und haschte Zettel sich,
Flugblätter und Broschüren.

O, wenn er las und schrieb,
Schlug ihm das Herz so warm,
Und unverstanden blieb
Ihm sein Collegenschwarm.
Wenn der in Saus und Braus
Sich Sonntags amüsirte,
Dann sass er still zu Haus
Am Werktisch und studirte.

Die Schusterkugel warf
Aufs Buch ihr Licht herab
Und seitlich hub sich scharf
Sein schwarzer Schatten ab.
Man sah ihn, wenn er kroch,
Bis an die Decke schwanken,
Doch höher reichten noch
Des Schwärmers Traumgedanken.

Er träumte, seine Saat
Ging auf im Zeitverlauf
Und schon schloss ein Mandat
Ihm auch den Reichstag auf.
Sein Wort flog wie ein Ball,
Er stand auf der Tribüne,
Halb Rousseau, halb Lassalle,
Und sprach von Schuld und Sühne.

Er sprach, und wenn er schwieg,
Klang's linksher wie Hurrah,
Denn hüben war's ein Sieg
Und drüben ein Eclat.
Und flog's dann durch das Land,
Wo heisse Stirnen tropften,
Dann gab man sich die Hand
Und tausend Herzen klopften.

Und wieder schlug's ihm dann
Vertrauter ans Gehör,
Er war ein schlichter Mann,
Ein Zeitungsredakteur.
Er sass am Pult und schrieb,
Es waren grosse Züge,
Und jeder Satz ein Hieb,
Ein Hieb ins Herz der Lüge.

Er schrieb, und lag das Blatt
Dann auf dem Tisch der Noth,
Dann war die Armuth satt
Und schrie nicht mehr nach Brot.
Ein Balsam war sein Wort,
Es stand ein Held auf Wache
Und war ein rechter Hort
Für jede gute Sache.

Die Hände vorm Gesicht,
So sass er träumend da,
Bis bleich das Morgenlicht
Durchs Kellerfenster sah.
Dann, müd und überwacht,
Ging's in die neue Woche -
O, er war Tag und Nacht
Ein Pegasus im Joche!

So rollte abgrundwärts
Von dannen Jahr um Jahr
Und heller ward sein Herz
Und dunkler ward sein Haar.
Wie Chopins Melodien,
Er war nicht zu verkennen,
In seinen Augen schien
Ein blauer Stern zu brennen.

Er stand nicht mehr bestaubt
Am Werktisch um Gewinnst,
Das Glück wob ihm ums Haupt
Sein lichtes Goldgespinnst.
Erschallen liess er frank,
Ein Herold, seine Rufe
Und jubelte und schwang
Von Stufe sich zu Stufe.

Er flehte: Herz, sei hart
Und rühr's nicht an, das Gold!
Bis er es endlich ward,
Was er so heiss gewollt.
O, nur ein Mann, ein Wort,
Ein Volkssoldat auf Wache,
Ein echter, rechter Hort
Für jede gute Sache!

Sein Bild hängt nun bekränzt
Die Noth an ihre Wand,
Auf seinem Haupt erglänzt
Des Freimuths Krondemant.
Sein Wort klirrt wie von Erz
Und nennst du seinen Namen,
Dann schlägt dem Volk das Herz
Und heimlich spricht es: Amen!

An seinen Werken schweisst
Das ringende Geschlecht,
Sein Wahlspruch aber heisst:
Die Freiheit und das Recht!
So kämpft als Paladin
Der Schusterssohn von weiland
Und alles schaut auf ihn,
Wie auf den neuen Heiland.

Doch stösst ein Volkstribun
Allorts auf einen Stein,
Kein Wunder drum, wenn nun
Auch viele »Kreuzigt!« schrein.
Dies Wort war ja von je
Ein gute Wehr und Waffen -
So lehrt's das Abc
Der Junker und der Pfaffen!

Das Volk, hat's ein Idol,
Dann will's zum Brot auch Salz:
Die Herren wissen wohl,
Es geht an ihren Hals!
Drum zetern sie: Er ist
Ein Teufelsflammenschürer,
Ein wilder Antichrist,
Ein schlauer Volksverführer!

Er aber lacht sie aus,
Er weiss, der Sieg ist sein;
Und treiben sie's zu kraus,
Dann donnert er darein:
»Ja, tanzt nur! Der Vulkan
Wird bald in Feuer kreissen,
Dann wird es Zahn um Zahn
Und Aug um Auge heissen!«

So klingt - bald Moll, bald Dur -
Sein grosses Tongedicht;
Ob er ein Schwärmer nur?
Je nun, ich glaub es nich!
Ein rechter Demokrat
Grollt auch im Festungsgraben,
Zu einem Manne der That
Scheint er das Zeug zu haben.

Einstweilen stürzt sein Zorn
Ihn noch nicht in den Streit;
Er freut sich, wie das Korn,
Das er gesät, gedeiht.
Schon kann er's hoch und dicht
Mit beiden Händen greifen,
Doch noch ist's Austtag nicht,
Er lässt es reifen, reifen ....

Ich seh ihn Tag für Tag,
Als wäre nichts geschehn,
Still mit dem Glockenschlag
An seine Arbeit gehn;
Das Halstuch roth wie Blut,
Von Locken wirr umflogen,
Den Kalabreserhut
Tief in die Stirn gezogen.






Religion


O Erd', voll Licht und Finsternissen,
Der Geister schönstes Mutterland!
Vom Jenseits mag ich nichts mehr wissen,
Seit ich das Diesseits erst erkannt.

Dein bin ich, dein, die du mit Kosen
Um jedes deiner Kinder wachst
Seitdem ich weiss, dass du zu Rosen
Selbst das Gebein der Toten machst!

Alfred Meissner


Ihr Priester, die ihr einst vor Zeiten
Mit Blut geeifert wider Baal
Und heut in andern Erdgebreiten
Den Kampf erstickt ums Ideal:
Kehrt um und wählt ein ander Zeichen,
Das Feld des Zweifels steht behalmt;
Das Rad der Zeit dreht seine Speichen,
Und wer hineingreift, wird zermalmt!

Wohl wärmt ihr eure alten Wunder
Uns immer noch von Neuem auf,
Doch ward ihr Flitter längst zum Plunder
Und niemand nimmt ihn mehr in Kauf.
Gesprengt hat seine dumpfen Bande
Der freie Geist und jauchzte: Licht!
Und trägt nun jubelnd durch die Lande,
Der Schöpfung grofses Weltgedicht.

Verlästert viel und viel bewundert,
Strebt höher er von Jahr zu Jahr;
Er ahnt das kommende Jahrhundert,
Und jedes Herz wird sein Altar.
Denn nicht im Staub der Pergamente
Verlor sich seines Suchens Spur:
Er fragte kühn die Elemente
Und Antwort gab ihm die Natur.

Die Sterne, die seit Uräonen
Ihr räthselhaftes Feuer sprühn,
Die Thierwelt neuerschlossner Zonen,
Ja, selbst die Blumen, die verblühn:
Nicht stumm mehr wie vor tausend Jahren
Schaut ihm ihr Sphinxbild ins Gesicht,
Sie alle, alle offenbaren
Das grosse Weltwort: Licht, mehr Licht!

Das Blättchen der versteinten Pflanze
Singt vom verlornen Paradies,
Und nur für ihn grub Schwert und Lanze
Die Vorzeit in den Uferkies.
Es wob der Traum vom ewigen Frieden
Ums Haupt ihm seinen Glorienschein,
Und bis ins Herz der Pyramiden
Drang forschend seine Fackel ein.

Das Wissen, nicht der Glaube frommt ihm,
Ihm schien die Sonne bis ins Mark!
Ihr aber näselt nur und kommt ihm
Mit euerm abgestandnen Quark!
Umsonst mit euern Anathemen
Habt ihr zu bannen ihn versucht -
Was soll der Welt denn auch ein Schemen
Von einer Liebe, die nur flucht? ...

Da liegt sie nun zerbrochnen Stempels
Die Münze, die ihr falsch geprägt!
Schon ist zum Bau des neuen Tempels
Das grosse Fundament gelegt!
Schon grüsst den kommenden Messias
Das junge, werdende Geschlecht
Und seine goldne Zukunftstrias
Jauchzt: Wahrheit, Freiheit nur und Recht!

Und steigt der grosse Ueberwinder
Erst wieder erdwärts, nackt und blos,
Dann wieder birgst du deine Kinder,
Natur, in deinem Mutterschooss!
Der Menschheit zukunftstrunkne Seher
Sind dann die Jünger, die er wirbt,
Bis mit dem letzten Kantschudreher
Einst auch der letzte Hundsfott stirbt!

Dann wird kein Thron mehr goldig gleissen,
Vom Pfaffenhimmel überdacht,
Denn jene Welt, die uns verheissen
Ist lächelnd dann ins Licht erwacht.
Dann hört die Hoffnung auf zu bluten,
Die Liebe weint vor lauter Lust
Und jauchzend sinken alle Guten
Sich Bruderbrust an Bruderbrust!

Drum ihr dort, die ihr einst vor Zeiten
Mit Blut geeifert wider Baal
Und heut in andern Erdgebreiten
Den Kampf erstickt ums Ideal:
Kehrt um und wählt ein ander Zeichen,
Das Feld des Zweifels steht behalmt;
Das Rad der Zeit dreht seine Speichen,
Und wer hineingreift, wird zermalmt!