Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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August Wilhelm Schlegel



Vermischte Gedichte





An Fräulein Albertina von Staël bei ihrer Vermählung


Pisa 20. Februar 1816.

Ich wollte von den alten Weisen lernen
Der Zukunft dunkle Räthsel zu erspähn;
Der Vögel irren Flug in luft'gen Fernen
Und den Gesang der Haine zu verstehn.
Geschrieben wollt' ich in den ew'gen Sternen
Die Freuden eines theuern Lebens sehn,
Und priesterlich, dieß hohe Fest zu weihen,
Dir aller Götter Segen prophezeien.

Der Tag erscheint, und meinen Wunsch zu stillen
Bewegt sich nun die lang verschloß'ne Brust,
Daß mir die Töne von den Lippen quillen,
Ergriffen von Apollos heil'ger Lust.
Ich frage nicht die Blätter der Sibyllen,
Der innern Offenbarung mir bewußt;
Ich frage nur zwei himmlische Gestirne,
Der Mutter Augen unter sinn'ger Stirne.

Wann Deine Blick' in Ihren Blicken lesen,
Seh' ich der Seelen innigen Verein.
In solchem Bund muß jeder Gram genesen,
Die Thräne wird ein linder Thau nur sein.
Es glüht ein Strahl von Ihr in Deinem Wesen,
Noch halb verhüllt, ein holder Widerschein.
Früh hob dein Geist auf angebornen Flügeln,
Ihr nach, sich von der Erde niedern Hügeln

Schon in des Kindes ahndendem Gemüthe
Gedieh was irgend edel ist und zart.
Nun, prangend in der Jugend schönster Blüthe,
Hast Du die fromme Kindlichkeit bewahrt,
Und sanfte Heiterkeit und reine Güte
Entzückt an Dir, mit aller Huld gepaart.
Die Gottheit, die Natur, die Mutter schmückten
Mit allen Gaben Dich für den Beglückten.

Ein Schutzgeist naht sich aus vertrauen Hallen,
Den Du im Leben Vater oft genannt.
Ich seh' ihn der verehrten Gruft entwallen,
Fern vom Lemaner See zum Arnostrand.
Er schaut auf Dich herab mit Wohlgefallen,
Er leitet Dich an segensreicher Hand.
Nimm als Penaten mit zu Deinem Gatten
Der Mutter Bild und Ihres Vaters Schatten.




Zu Goethes Geburtstagfeier


28. August 1826.

Purpurglüh'nde Morgenröthe
Kündet uns den Tag, wo Goethe
Einst das Licht der Sonn' erblickt;
Wo der ganze Chor der Musen
Mit dem Nektar ihrer Busen
Das Heroenkind erquickt.

Eilf der flücht'gen Jahreswochen
Hat ein Gott ihm zugesprochen
Zu der Deutschen Wonn' und Preis:
In den Jahren eilfmal sieben
Sind die Musen hold geblieben
Wie dem Jüngling, so dem Greis.

Seine Silberlocken glänzen
Unter frischen Lorbeerkränzen,
Wie dem Sänger des Achill;
Und dem alten Zaubermeister
Folgen des Gesanges Geister,
Wann er ruft und wann er will.

Seinen Feinden soll vergeben
Wer als ächter Christ will leben,
Siebenzig mal siebenmal.
So viel Jahre mög' Er leben,
Dem ein edler Saft der Reben
Blinkt in diesem Festpokal.




Zu Goethes Geburtstagfeier


28. August 1829.

Et Sophocle à cent ans charmait encore Athènes,
Et senatit son vieux sang bouilloner dans ses veines.

Corneille.


Die Vorzeit hat von einem Quell gesungen,
Des Zauberkraft die Jugend brachte wieder.
Der matte Greis, ganz von der Zeit bezwungen,
Er tauchte kaum in dieses Bad die Glieder,
So war zum Herzen frisches Blut gedrungen,
So regte Lebenslust ihr neu Gefieder.
Selbst Tithon fänd' in solchen Wunderfluten
Sein blondes Haupthaar, und der Liebe Gluten.

Die Sage, nicht aus eitlem Wahn ersonnen,
Kann heut wie vormals wahrhaft sich bewähren.
Die Poesie ist jener Lebensbronnen.
Sie weiß die Welt im Spiegel zu verklären,
Hervorzurufen längst entschwundne Wonnen,
Den süßen Glauben jeder Brust zu nähren;
Und wer sich labt an ihren Göttergaben,
Wird im Gemüth die ew'ge Jugend haben.

Dein denk' ich hier, Verkündiger des Schönen!
Der Musen Bot' an das Jahrhundert! Goethe!
Du lehrtest Harmonie in allen Tönen,
Der Harfe, der Posaun' und sanften Flöte.
Wo giebt es Lorbeern, die dein Haupt nicht krönen?
Du kamest im Geleit der Morgenröthe:
Sei Tithon denn, stets geistig neu geboren,
Geliebt und nie betrauert von Auroren!

Gleich jenem Baum, dem Liebling der Pomone,
Der Nektar-Aepfel trägt mit goldnen Schalen,
Dem weiße Blüthen aus der dunkeln Krone
Zugleich mit Früchten jedes Alters strahlen,
Ausathmend Balsamduft der sonn'gen Zone,
In der glücksel'gen Inseln stillen Thalen:
So ward, ein Sprößling aus den Hesperiden,
Der Dichter unserm Vaterland beschieden.

Er überwölbt es mit den schatt'gen Aesten
Weit von den Alpen zu des Belts Gestaden.
Wie wir am Rhein, ist manche Schaar von Gästen
Zu gleicher Feier, nah und fern, geladen;
Viel Stimmen schallen heut in Ost und Westen,
Erwünschend ihm des Himmels reiche Gnaden.
Der Deutschland so viel Herrliches gegeben,
Soll in der Deutschen Brust unsterblich leben.




Am Tage der Huldigung


Berlin 6. Juli 1798.

O steig' empor, erquickendste der Sonnen,
Des schönen Tages hohe Heroldin!
Bestrahle glorreich dieses Festes Wonnen,
Sie zu erblicken werde dein Gewinn.
Der Himmel, in entwölktes Blau zerronnen,
Sei frei und heiter wie des Volkes Sinn.
Sieh! Weihrauch dampft von tausend Dankaltären,
Und lauter Jubel schallt bis an die Sphären.

Ein edler König ist der Welt gegeben,
Das Vaterland schwört ihm den heil'gen Bund.
Nicht Einer, der mit innerm Widerstreben
Ihm Treu' gelobt aus heuchlerischem Mund.
Gefühle, die in Aller Herzen leben,
Macht unwillkürlich jede Lippe kund;
Durch eine himmlische Gewalt gedrungen
Zu innigen, entzückten Huldigungen.

Ihr kennt Ihn ja, ihr frohen Millionen,
Ihr saht Ihn sichern Tritts zum Ziele gehn.
Sein Thun verdient Ihm angestammte Kronen,
Der Völker Wahl würd' Ihn dazu erhöhn,
Bei dem die Geister großer Ahnen wohnen,
In dessen Bild sie neu verjüngt sich sehn;
Den königlichen Mann, gerecht und gütig,
Mit Würde mild, mit Ruhe heldenmüthig.

Wie könnte je sich Ihm der Himmel schwärzen?
Er sucht' und fand der Liebe schönsten Lohn.
Louisens Lächeln heißt den Kummer scherzen,
Vor Ihrem Blick ist jedes Leid entflohn.
Sie wär' in Hütten Königin der Herzen,
Sie ist der Anmuth Göttin auf dem Thron;
Ihr zartes Werk, Ihr seligstes Gelingen,
In Seinen Lorbeer Myrten einzuschlingen.

Das Schicksal wird sein seltnes Wunder pflegen,
Wir dürfen still der dunkeln Zukunft traun:
Der heil'ge Lorbeer trotzt des Blitzes Schlägen,
Die Myrte sproßet nur auf Blumenau'n;
Die hohen Mächte laßen alle Segen
In Purpurwolken auf sie niederthaun;
Der Friede trägt die immer grüne Palme,
Und Ueberfluß neigt seine schweren Halme.

Es blickt auf Euch die Muse der Geschichte,
Erhabner Herrscher! holde Königin!
Ihr strenges Zeugniß wird zum Lobgedichte;
Sie ist der goldnen Zeit Verkünderin.
Ach! jüngst noch sah sie grausende Gesichte,
Der Griffel sank als Dolch ihr blutig hin.
So schritt sie ernst auf tragischem Kothurne,
Und ruhte sinnnend an der Menschheit Urne.

Ihr aber habt der Göttin Gram erheitert.
Hier, wo der Staat, ein ew'ger Tempel steht,
Nicht wanket wie das Schiff, das, eh' es scheitert,
Sich noch mit aufgespannten Segeln bläht,
Wird keine Kraft gedämpft, sie wird geläutert,
Hier gilt der freien Wahrheit Majestät;
Hier waltet Ruh, stürzt schon, verflucht, bewundert,
In seine Gruft mit Krachen das Jahrhundert.

Nur wenn er strebt, sein Wesen zu vollenden,
Bewährt der Mensch sein göttliches Geschlecht.
Der Adler muß den Flug zur Sonne wenden,
Er übet stolz sein angebornes Recht;
Des Lichtes Urquell kann ihn nimmer blenden,
Sein Fittig wird durch keinen Raum geschwächt.
Beglücktes Volk! zu solcher Tugend Siegen
Siehst du den Liebling Zeus voran dir fliegen.




Die h. Elisabeth


An Augusta, Prinzessin von Preußen, Kurfürstin von Hessen.


Am 1. Mai 1828. überreicht.

Du Tochter großer Helden-Ahnen,
Geschmückt mit aller Geisteszier!
Heil auf des Erdenlebens Bahnen
Ruf' ich, als treue Schwester, Dir!
Ich trug auf meinem Haupt die Krone,
Der Menschheit Weh in meiner Brust;
Dir ist, wie mir, auf hohem Throne
Hülfreiches Mitleid wohl bewußt.

Der Gottheit Abglanz, hat das Schöne
In Dir Begeistrung angefacht:
Die reine Harmonie der Töne,
Der Farben zauberische Pracht.
Du hast mich einst verklärt im Bilde,
Wie ich dem innern Sinn erschien;
Die eigne Huld, die eigne Milde
Hast meinen Zügen Du geliehn.

Heut lächelt Dir die erste Sonne
Bei linder Maienlüfte Wehn.
Sieh mich in ahndungsvoller Wonne
Dir, Segen bringend, nahe stehn!
Wann purpurn sich die Wolken säumen,
Schweb' ich um Deines Lagers Ruh:
Da lispelt Liebeswort in Träumen
Elisabeth Augusten zu.




Zum Empfang I.M. der Königin Elisabeth von Preußen


Bonn 14. Sept. 1842.

Das stille Bonn bringt seine Huldigungen,
Erhab'ne Königin, Dir schüchtern dar.
Die Rede, die sich minder kühn erschwungen,
Quillt aus der Herzen Fülle treu und wahr.

Prangt es schon nicht gleich andern Schwesterstädten,
Die jüngst Dein Fuß bei'm Jubelruf betreten,
Doch wacht in Bonn aus ferner Zeiten Lauf
An große Namen die Erinnrung auf.

Hier standen einst die röm'schen Legionen,
Germanicus hat oftmals hier verweilt;
Auch Agrippina, die mit ihm die Kronen
Der Tugend und des Römersinns getheilt.

Wir schau'n in Dir ein Abbild jener Hohen;
Und Dein Gemahl, vom Stamme der Heroen,
Der in der Eintracht Deutschlands Heil erkannt,
Wird der Germanische mit Recht genannt.

Wird unsrer Stadt, die Tacitus gepriesen,
Die ihre sieben Hügel hat wie Rom,
Die milde Huld des Herrscherpaars bewiesen,
So weicht sie keiner an des Rheines Strom.




In ein Stammbuch


In der Erinnrung zartes Heiligthum
Schreib' ich mich ein, bedacht auf eignen Ruhm.
Des Dichters Huldigung gebührt den Schönen;
Gern kränzt er sie, wenn ihn die Musen krönen.




In Adam Oehlenschlägers Stammbuch


Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein!
Willkommen gern im deutschen Dichterhain!
Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,
Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.




In das Stammbuch der Fräulein von W....l


Sinnvoll weilt Dir am Bilde die Hand, es mit Liebe vollendend,
Gleitet beflügelt und leicht über die Harfe dahin.
Also hegst Du was ernst das Leben erfüllt und es freundlich
Zieret, der Anmuth Scherz neben dem tiefen Gefühl.




In das Stammbuch des Erbgroßherzogs von M. St.


1838.

Der Sitten Anmuth und des Herzens Güte
Sind angestammt dem edeln Fürstensohn.
Wenn er sich ernst um Wißenschaft bemühte,
Beut ihm Erfahrung reifer Früchte Lohn.
Des Geistes Bildung, aller Künste Blüthe
Gewährt die schönste Zierde seinem Thron.
Kein leeres Weltgewühl, kein äußres Prangen
Genügt dem höher strebenden Verlangen.




In des jungen Goethe Stammbuch


Mit Stolz den großen Vater nennen dürfen, ist
Nur dem beschieden, der ihm nach wetteifernd ringt.
Dieß, wackrer Knabe, werde Deinem Muth zu Theil:
Des Vaters Züge tragend erbe seinen Geist!




An die Schwestern, Fräulein von W.


Juli 1841.

Ich sah, ich hörte kaum seit heut' und gestern
Drei Grazien, bezaubernd holde Schwestern;
Da führt ein rascher Wechsel schon sie fort:
Doch unvergeßlich bleibt ihr Bild, ihr Wort.




Flüchtiger Entwurf eines Bildnisses


August 1841.

Die Schönheit ist der Götter erste Gunst:
Aus Blüthen der Natur erwächst die Kunst.
Im Geiste Klarheit, tief Gefühl im Herzen;
Der Sitten Adel, wie im Ernst, in Scherzen;
Der Sprache Wohllaut aus beseeltem Mund:
Dieß macht nur halb Charlottens Wesen kund.




Die Nebenbuhlerinnen


August 1841.

Zwei Musen stritten sich um den Besitz
Charlottens, und Thalia sprach zur Schwester:
Was gleicht an Anmuth ihrem heitern Witz?
Mein ist sie; und ich halte sie nur fester,
Je mehr du sie verlockst zu deinem Thronensitz. -
Melpomene begann: Ich ruf' herbei, als Richter,
Den großen Britten, alle hohen Dichter.
Wer sah nicht in der herrlichen Gestalt
Der Leidenschaften Sturm, des Schicksals Allgewalt?
Wer weiht nicht, wenn sie klagt, ihr gern den Thau der Thränen,
Und fühlet süßen Gram und ein unnennbar Sehnen? -
Die Freundschaft trat hinzu, und flüsterte zu ihr:
Charlotte, hör' auch mich! Ich weile still bei dir.
Ja! deinem Genius wird jeder Zauber glücken;
Doch sei du selbst! du wirst mich mehr entzücken.




Die Küße


Des Freundes Zunge sprach zu der Geliebten Lippen:
Was ist's, das, mich zu bannen, euch bewegt?
Laßt mich nur Einmal euren Nektar nippen!
Ich bin ein Pfeil der keine Wunde schlägt.
Ich bin beredt, ich lisple Huldigungen,
Ich fleh' um Gunst und innigen Verein;
Und das vermag ich auch allein.
Doch das Gekose schwesterlicher Zungen,
Die, insgeheim, sich liebevoll umschlungen,
Wird überschwenglicher als alle Worte sein:
Es athmet Flammen und entzückte Pein.




Auf der Reise, nach einem Abschiede


Die Mondschein-Nacht ward stumm, und immer stummer,
Ich hörte nur der Rosse scharfen Trab.
Ein jeder Tritt, so sagte mir mein Kummer,
Führt von der Holden weit und weiter ab.
Und stets verscheucht' ein Zweifel mir den Schlummer:
Gedenkt sie wohl der Zeichen, die sie gab?
Erst als mein Haupt am Lorbeerkranze ruhte,
Den sie verschwiegen, still, mit sinn'ger Hand
Als Talisman mir für die Reise wand,
Fühlt' ich Erquickung in dem trüben Muthe.
Mir wies ihr lächelnd Bild ein heitrer Traum:
Doch ach! zu früh erschien Aurorens Purpursaum.




Lieder und Romanzen





Unter eine Lithographie meines Brustbildes


1842.

Die Poesie, die Liebe ziemt der Jugend;
Vom Alter fordert Weisheit man und Tugend.
Die Zeit verwandelt Neigung, Sinn, Gestalt:
Nur was unsterblich ist, wird nimmer alt.




Die neue Sehnsucht


Im Herbst 1788.

Hebst du wieder an zu streben,
Wunsch der Lieb' in meiner Brust?
Wie die Wellen sanft sich kräuseln,
Wenn am See die Lüfte säuseln,
Wie sie um's Gestade weben,
Also schmeichelt meiner Brust
Neue Sehnsucht, neue Lust.

Schmeichelt nur, ihr Wind' und Wellen!
Eure Tück' ist mir bewußt.
Wißt so kühl heran zu schwellen,
Wißt so lieblich einzuladen,
Sich in eurem Schooß zu baden:
Doch mit Kummer und Verlust
Lohnt ihr die bethörte Brust.

Einmal habt ihr mich belogen,
Schmeichellüfte, Silbersee!
Lüstern sprang ich vom Gestade,
Tauchte Stirn und Brust in Wogen;
Fortgewiegt im lauen Bade,
Sah ich rings nur glatten See,
Obenher azurne Höh.

Ach, die blaue Höh ward düster,
Wild der Waßerwogen Scherz,
Sausen ward des Winds Geflüster.
Zwischen Strudeln, zwischen Klippen,
Klagt' ich mit erblaßten Lippen,
Rief nach Rettung, und mein Herz
Fluchte nun auf Bad und Scherz.

Doch durch Aufruhr und Getümmel,
Nacht und Grausen, fern und nah,
Zog zu des Gestades Schilfe
Mich zurück der Götter Hülfe.
Sieh, da lächelte der Himmel!
Leise Lüfte, fern und nah!
Spiegelflut, wohin ich sah!

Und ich seufzte Dank den Rettern,
Schaute matt zur Himmelshöh.
Aber bald, entbrannt im Grimme,
Schwur ich, sang's mit rascher Stimme:
Nichts bei Menschen, nichts bei Göttern,
In der Tief' und auf der Höh,
Sei so falsch wie dieser See.

Fühllos schlanget zwar ihr Wellen
Meines Liedes Pfeil hinab.
Aber will, bei eurem Schwellen,
Nun mein Herz sich lüstern regen,
Donnert euch mein Schwur entgegen;
Schelt' ich vom Gestad' herab:
Glatter Abgrund! lächelnd Grab!




Ariadne


Hell gebadet in den blauen Wogen,
Schwebt der herrlichste vom Sternenchor,
Schwebt der Tagverkündiger empor,
Seine Stirn von goldnem Haar umflogen.
Auf die Inseln im Aegäer Meer
Lacht von Osten Titan lieblich her,
Und entküßt den Thau mit warmen Lippen
Paros weißen Marmorklippen.

Seht, ein Schiff mit stolzen Schwanenflügeln,
Aufgespannt am frischen Morgenwind,
Gleitet flüchtig durch das Labyrinth
Grüner Ufer, die im Meer sich spiegeln.
Dort von Naxos kommt es hergeflohn.
Und begrüßt dich, stille Delos, schon;
Fröhlich weiht der Schiffer laute Menge
Deinem Gotte Preisgesänge.

Eine Grotte liegt an Naxos Hafen,
So bequem vom Felsenwall verschanzt,
So mit braunen Ulmen rings umpflanzt,
Daß sich Stürme ließen da verschlafen.
In der Grotte ruht ein süßes Kind,
Schön wie Nymphen und Dryaden sind,
Ruht noch, da des Morgens helle Stunden
Alles schon vom Schlaf entbunden.

Ihre Wang' umspielt in zarten Flechten
Blondes Haar, vom Purpurnetze los;
Ihre Linke sinkt hinab zum Schooß
Und der Nacken ruhet auf der Rechten.
Würze haucht ihr halbgeschloßner Mund,
Und sein Lächeln thut verstohlen kund,
Wie sie gestern, von Entzücken trunken,
Auf der Liebe Bett gesunken.

Und wer ist die Tochter sanfter Freude,
Die auf weichem Liebeslager ruht? -
Es ist Minos königliches Blut,
Seines Hofes köstlichstes Geschmeide.
Liebe zog aus heimischem Pallast
Sie zur See mit einem fremden Gast.
Der, als könnten sie Verderben drohen,
Ihren Armen schlau entflohen.

Jetzt erwacht sie, weiß noch nichts von Harme,
Giebt nur Ahndungen der Wonne Raum,
Und erstreckt, noch halb im süßen Traum,
Nach dem Freund die liebevollen Arme.
Doch zu spät! sie fühlt die Stelle leer,
Sucht und findet keinen Theseus mehr.
Schrecken jagt den Schlaf ihr aus den Gliedern,
Reißt ihn von den Augenliedern.

Rasch im Sprunge rafft sie sich vom Bette,
Und ihr Blick durchsucht der Höhle Schooß.
»Theseus! ach, vielleicht zum Scherze bloß
Flohest du von meiner Schlummerstätte?«
Theseus! ruft sie, aber ohne Frucht;
Nur der Nachhall aus der Felsenbucht
Seufzet, da sie angstvoll horcht, der Armen
Theseus! zu, wie aus Erbarmen.

Losgegürtet, alles Schmucks entladen,
Nackten Fußes, läuft sie ohne Sinn,
Irrt am Strande zwischen Dornen hin,
Scheuet nicht, den Triebsand zu durchwaten.
Nun erklimmet sie die steilste Höh',
Vor ihr liegt die unbegränzte See;
Rings, so weit ein Auge spähen konnte,
Spähet sie am Horizonte.

Und sie sieht in den azurnen Fernen
Noch des Schiffes Segel, an der Luft
Wallend, und im feuchten Morgenduft
Halb verschwindend, gleich umwölkten Sternen.
»Theseus! rudre wieder an den Strand!
Schau, dein Schiff ist noch nicht voll bemannt!
O wie hast du die nicht mitgezählet,
Die du dir, die dich erwählet.

Willst du ohne sie die Flut durchmeßen,
Die dir Rettung, Lieb' und alles bot?
Jener Tag des Kampfes und der Noth
Und dein Schwur, ist alles schon vergeßen?
Arger Flüchtling! listiger Barbar!
Fluch sei dir und deiner Räuberschaar;
Darum nur entlocktest du, Verräther,
Mich den Sitzen meiner Väter?«

Kaum noch rief sie so, da schwand im Meere
Mit dem Schiff die letzte Hoffnung hin.
Nun erst wog ihr übermannter Sinn
Ruhig ihres Elends ganze Schwere.
Matt und stumm gelehnt an einen Stein
Scheint sie selbst ein Marmorbild zu sein,
Bis, die bange Seele zu entladen,
Thränen ihr die Augen baden;

Bis sie leise stöhnend ihre Klagen
In die Winde lispelt: Wehe mir!
Ausgeworfen auf dieß Eiland hier,
Einsam, hülflos, soll ich nicht verzagen?
Wehe mir! so weit mein Auge schaut,
Ist die Insel öd' und unbebaut:
Nirgends seh ich Rauch aus fernen Hütten,
Nirgends Spur von Menschentritten.

Keine Gärten seh' ich, keine Felder,
Keine Frucht, die Nahrung mir verspricht:
Um die hohen Felsenscheitel flicht
Sich allein das Schwarz der Tannenwälder.
Horch! wie fürchterlich der Waldstrom braust!
Und, wer weiß, wie manches Raubthier haust,
Schon mich witternd, und erhitzt auf Würgen,
Rings in Thälern und Gebirgen.

Goldne Sonne! goldner Tag des Lebens!
Labst du mich zum letzten Male schon?
Gute Götter! gilt vor eurem Thron
Kein Erbarmen? Alles Flehn vergebens?
Muß ich, ohne Trösterin und Freund,
Ohn' ein Auge, das mich sanft beweint,
Ohne Hände, die mich fromm bestatten,
Wandeln zu des Orkus Schatten?

Fluten bannen mich von deinen Gränzen,
Creta, süßes Land das mich gebar!
Wo ich sonst der Mädchen frohe Schaar
Angeführt bei Spiel, Gesang und Tänzen?
Aber liehe mir auch Dädalus
Seine Flügel, könnte mich mein Fuß
Leicht und sicher über Meere tragen,
Dennoch müßt' ich dir entsagen.

Denn, wie könnt' ich wohl vor Minos Grimme,
Vor den Wolken seiner Stirn bestehn?
Hab' ich nicht ihn richtend sitzen sehn,
Und gebebt beim Schelten seiner Stimme.
Ich verschwur um Liebe Sitt' und Recht,
Schändete mein göttliches Geschlecht,
Schonte nichts im Himmel und auf Erden,
Eines Sklaven Weib zu werden.

Eines Sklaven, den sein Looß zur Speise
Einem Ungeheuer übergab;
Der geworfen war, wie in ein Grab,
In des Labyrinths verborgne Kreiße;
Den mein Wort Erlösung hoffen ließ,
Als ihn Heil und Hoffnung schon verließ;
Dem ich mich zur Rückkehr von den Todten
Kühn zur Führerin geboten.

Damals klang, um meinen Sinn zu weiden,
Seine Schmeichelrede süß und schön:
»Komm, und sei Gebietrin von Athen!
Wähle mich zum Diener deiner Freuden!
Sieh! es soll ein goldnes Brautgemach
Unter Aegeus väterlichem Dach,
Längst geweiht zur Freude, dich empfangen,
Stolz mit seinem Kleinod prangen.«

Aber treulos nun und ohn' Erbarmen
Giebt er mir den bittern Tod zum Lohn,
Und verspottet wohl mich Arme schon,
Hoch beglückt in einer Andern Armen.
Allzugrausam, Theseus, warst du mir;
Mag es sein, daß Ariadne dir
Unwerth schien, um deine Hand zu werben:
Muß sie darum schmählich sterben?

Zwar zum Königsdiadem geboren,
Und erzogen unter Lust und Pracht,
Hätt' ich doch, statt meiner stolzen Tracht,
Einer Sklavin Hülle mir erkoren:
Jenem Weibe, das dein Herz besitzt,
Hätten diese Hände wohl genützt,
Hätten, ihren schönen Leib zu pflegen,
Ihr Gewänder sticken mögen.

Ariadne! ach, du bist gefallen,
Bist in Schmach gesunken! wehe dir!
Du vordem des Mutterlandes Zier,
Hoch und herrlich vor den Mädchen allen!
Schwestern! nie erfahrt was ich erfuhr:
Daß euch' trüg' ein leicht verwehter Schwur,
Amors Fackel Hymens Fest verkünde,
Und den Scheiterhaufen zünde.

Also klagte die verlaßne Schöne:
Die durchbohrte, liebekranke Brust
Hing am Schatten der verlornen Lust,
Und in Seufzer schmolzen alle Töne. -
So erweicht, ihr Götter, euch kein Flehn?
Soll sie hier am öden Strand vergehn?
Soll sie, weggerißen von der Erden,
Spiel der Wind' und Wellen werden?

Sieh! schon jaget mit verhängten Zügeln
Phöbus nah am Ziele seiner Bahn;
Dunkler strecken auf den Wiesenplan
Schatten sich von leichtbebüschten Hügeln?
Ariadne kennt nicht Rast noch Ruh,
Jetzo eilt sie dem Gestade zu,
Jetzt verbirgt sie sich mit trüber Seele
In den Grund der Felsenhöhle.

Aber horch! von was für lauten Stimmen
Wird die Klage plötzlich überschallt?
Voll Getümmels wird der nahe Wald,
Alles scheint in neuem Glanz zu schwimmen.
Bacchus lenkt heran sein Tigerpaar,
Bacchus naht, umringt von seiner Schaar;
Eines Pardels Fell um seine Lenden,
Einen Thyrsus in den Händen.

Bacchus liebt in öden Waldrevieren,
Liebt auf Klippeninseln, dort und da,
Thasos, Chiós und Ortygia,
Seine wilden Reigen aufzuführen.
Das Gebirg, von Ulmen überschirmt,
Das sich hoch auf Naxos Mitte thürmt,
Bot ihm heute, bei des Tages Schwüle,
Seinen Schooß voll Ruh und Kühle.

Jetzo, bei des Abends milderm Strahle,
Hatt' er mit erhöhter Jugendkraft
Sich vom Rasenbett' emporgerafft,
Und den Zug hinabgewandt zum Thale,
Wo er oft am Wiesenborn die Nacht
Bei dem Fest der Trauben durchgewacht;
Wo er oft, wenn schon der Morgen glänzte,
Den Pokal mit Schaum bekränzte.

Als er nun das schöne Weib in Trauer
Hier an diesem wüsten Ort erblickt,
Hält er plötzlich still und schaut entzückt,
Und sein Herz erbebt in süßem Schauer.
»Schau, Silen! erkennst du die Gestalt,
Welche dort mit leichtem Tritte wallt,
Jene dort im flatternden Gewande
An dem flutumrauschten Strande?

Wuchs und Größe, wie voll Würd' und Adel!
Wie viel Reiz um Nacken, Brust und Leib!
Sahest du auf Erden je ein Weib
So wie diese sonder Fehl und Tadel?
Ha, fürwahr! das sag' ich ohne Spott:
Schöner gieng mit ihrem lahmen Gott
Selbst Cythere nicht zur Hochzeitskammer.
Doch sie scheint voll Weh und Jammer.

Sieh, als ob mit ihr der Himmel zürne,
Wendet flehend sich ihr Aug' empor,
Und es wölkt sich, wie ein düstrer Flor,
Sorg' und Leid um ihre blaße Stirne.
Ach, es schleuderte vielleicht ihr Schiff
Sturm und Brandung an das Felsenriff,
Und sie hat, dem wilden Meer entronnen,
Einsam diesen Strand gewonnen.

Nein, noch soll ihr Leben nicht den Adern,
Nicht der Odem ihrem Mund' entfliehn!
Sie der Macht des Hades zu entziehn,
Wollt' ich selbst mit dem Verhängniß hadern;
Und schon eil' ich zu der Dulderin,
Schenk' ihr Trost und neubelebten Sinn,
Bringe nach dem Sturm ihr Frühlingswetter,
Bringe mich ihr zum Erretter!

Aber keiner folge meinem Schritte,
Von euch Satyrn und Thyaden nach!
Bleibt allhier und kühlt an diesem Bach
Eure Becher nach gewohnter Sitte!
Schrecken sollt ihr nicht mit tollem Schwarm
Die Verlaßne dort in ihrem Harm;
Sollet ihre Klag', ihr leises Stöhnen
Nicht durch euren Jubel höhnen.«

Bacchus sprach's, und schwang sich leicht vom Wagen,
Gieng und stand nun, Ariadnen nah,
Wie ein milder Friedensherold da,
Hülfe, Schutz und Heil ihr anzutragen.
Staunend sah sie ihn; ihr scheuer Blick
Wich vor seinem Götterglanz zurück,
Und sie fiel mit sittsamen Geberden
Bebend vor ihm hin zur Erden.

Doch es tönte von des Jünglings Lippen
Diese Rede sanft und traulich ihr:
»Welche Stürme, Holde, sage mir!
Warfen dich an dieses Eilands Klippen?
Sei getrost! bald sollst du doppelt schön
Das verlorne Land der Heimat sehn,
Bald des theuren Vaters Hals umfangen,
Und am Kuß der Mutter hangen.« -

›Ach, auf ewig ist für mich verloren
Wiederkehr, Geschlecht und Vaterland!
Aller Zorn ist gegen mich entbrannt,
Und zum Elend bin ich auserkoren.‹ -
»Wie? so wars kein Sturm, der dich verschlug?« -
›Nein, es war der Menschen Haß und Trug!‹
»Wer, o wer kann so viel Schönheit haßen,
Kann so grausam sie verlaßen?« -

›Laß mein Leiden, weil von ihm der Willen
Und die Macht von keinem Gott mich löst,
Weil mein Herz doch nimmermehr genest,
In verschwiegner Seele mich verhüllen!‹
»Nein, du Holde! kommt auch Trost und Rath
Allzuspät nach schon geschehner That:
O so mag's den kranken Geist doch weiden,
Auszuströmen seine Leiden!«

Also sprach er, und des Gottes Bitten
Schlichen zauberisch sich in ihr Ohr,
Lockten ihr Geständnisse hervor,
Gegen die noch Scham und Wehmuth stritten.
Halb errathen ließ ihn-ihr Geschick
Ihr gebrochner Ton, ihr matter Blick;
Unter Seufzern, Zeugen ihrer Schmerzen,
Quoll die Red' aus ihrem Herzen.

»O des Argen! So dich zu verlaßen!«
Bacchus rief's, und hielt vor Zorn sich kaum;
»Mag er fliehn bis an der Erde Saum,
Meine Rache soll ihn dennoch faßen!
Aber nun, o Nymphe, schone dein!
Er vergaß dich: so vergiß auch sein!
Laß mich dir den süßen Becher mischen,
Und dein mattes Herz erfrischen!«

Sprach's und bot ihr dar vom Saft der Traube.
Längst durchlief ihn schon geheime Glut;
Seine Schläfe schwellte reges Blut
Unter krausem kühlen Rebenlaube.
Funken blitzten von den Augen ihm,
Mit des heißen Durstes Ungestüm
Lüsterte den schönen Götterknaben
Nach der Liebe süßen Gaben.

Und schon hielt sein Arm sie fest umschlungen,
Und im Kuße, voll verwegner Lust,
Haucht' er Flammen in die junge Brust,
Die noch kaum mit Qual und Angst gerungen.
Was sie jüngst des Aegeus Sohn erlaubt,
Ward ihr leicht von einem Gott geraubt:
Einmal schon verstrickt in Amors Bande,
War sie schwach zum Widerstande.

Während Bacchus so in stiller Grotte
Aphroditens goldne Früchte stahl,
Harrt' auf ihn am Wiesenborn im Thal
Zechend seine weinbelaubte Rotte.
Ahndung von des Gottes hoher Lust
Hatte jetzt gewaltig jede Brust
Uebermannt, sich jedes Sinns bemeistert,
Alle Zungen wild begeistert.

Evoë, du starker Nymphenzwinger!
Also scholl ihr Dithyrambus laut,
Jubel deiner göttergleichen Braut,
Und Triumph dir, großer Thyrsusschwinger!
Hast du nicht sie glorreich unterjocht,
Daß ihr zartes Herz voll Inbrunst pocht,
Daß, von tausend Wonnen überschüttet,
Lispelnd sie um Gnade bittet?

Doch du selbst, Gigantenüberwinder,
Gabst dem Mädchen dich entwaffnet hin.
Ha! gefeßelt hat sie Kraft und Sinn
Dir, du wunderstarker Sinnenbinder!
Lechzend pflückst du was ihr Mund dir beut,
Diese Frucht voll reiner Süßigkeit.
Gleicht die Traub' in Chios Weingefilde,
Gleicht sie ihrem Kuß an Milde?

Preis dem Bacchus! Tanzt im Festgetümmel,
Evoë! und schwingt den Thyrsusstab,
Tanzet hügelauf und thalhinab!
Unsre Feier schalle bis zum Himmel.
Seht, schon tanzt den hochzeitlichen Chor
Luna uns mit heller Fackel vor!
Evoë! wie an den lichten Höhen
Jauchzend sich die Sterne drehen!

So erklang an Naxos Felsgestaden
Jubel, Paukenschlag und Cymbelschall.
Nymphen wachten auf am Waßerfall,
Staunend horchten rings die Oreaden.
Fortgewirbelt von des Taumels Flut
Sprang die Mänas; voll der raschen Wuth,
Lärmend mit Krotalen und Posaunen,
Sprangen krausgelockte Faunen.

Milde duftend thaute nun der Morgen,
Schwächer blinkte der Plejaden Chor;
Ariadne wankte still hervor
Aus der Gruft, die Bacchus Kampf verborgen.
Sie auf ihn nachläßig hingelehnt;
Er, durch frohen Siegerstolz verschönt,
Strebt die Wölkchen, die ihr Aug' umdüstern,
Wegzuschmeicheln, wegzuflüstern.

»Ariadne! Geberin der Wonne!
Sterblichen geziemt der Kummer nur:
Aber du, bei meinem höchsten Schwur!
Sollst unsterblich glänzen wie die Sonne.
Stammst du nicht aus meines Vaters Blut?
Auf dann! komm und hege Göttermuth!
Führen will ich dich zu Jovis Throne,
Gottheit fodern dir zum Lohne;

Dir zum Lohne will ich Gottheit fodern,
Ew'ge Schönheit, ew'gen Jugendglanz;
Deiner Scheitel halbverwelkter Kranz
Soll zum Denkmal bei den Sternen lodern.«
Also sprach er; ihn und seine Braut
Grüßten neue Dithyramben laut.
Beide wurden auf beschwingtem Wagen
Zum Olymp emporgetragen.




Die verfehlte Stunde


Quälend ungestilltes Sehnen
Pocht mir in empörter Brust.
Liebe, die mir Seel' und Sinnen
Schmeichelnd wußte zu gewinnen,
Wiegt dein zauberisches Wähnen
Nur in Träume kurzer Lust,
Und erweckt zu Thränen?
Süß berauscht in Thränen
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen!

Ach, ich gab ihm keine Kunde,
Wußt' es selber nicht zuvor;
Und nun beb' ich so beklommen:
Wird der Traute, wird er kommen?
Still und günstig ist die Stunde,
Nirgends droht ein horchend Ohr
Dem geheimen Bunde.
Treu im sel'gen Bunde
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen.

Hör' ich leise Tritte rauschen,
Denk' ich: ah, da ist er schon!
Ahndung hat ihm wohl verkündet,
Daß die schöne Zeit sich findet,
Wonn' um Wonne frei zu tauschen. -
Doch sie ist schon halb entflohn
Bei vergebnem Lauschen.
Mit entzücktem Lauschen
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen.

Täuschen wird vielleicht mein Sehnen,
Hofft' ich, des Gesanges Lust.
Ungestümer Wünsche Glühen
Lindern sanfte Melodieen. -
Doch das Lied enthob mit Stöhnen
Tief erathmend sich der Brust,
Und erstarb in Thränen.
Süß berauscht in Thränen
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen.