Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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August Wilhelm Schlegel



Lieder und Romanzen





Die Erhörung


Romanze.

Schöne Fatme! schöne Fatme!
Drunten in des Vaters Garten
Blühen sieben Mandelbäume:
Willst du nicht der Blüthen warten?

In der Mandelbäume jedem
Sitzt ein Paar von Nachtigallen:
Willst du kommen, willst du lauschen,
Wie die süßen Lieder hallen?

In der Mandelbäume Schatten
Sprudelt eine Wasserquelle:
Willst die warme Nacht nicht ruhen
An dem Brunnen kühl und helle?

Schon so viele Monden wandl' ich
Alle Nächte hier, du Spröde,
Und du kommst nicht an dein Fenster,
Giebst mir weder Gruß noch Rede.

Sieh, ich weiß die Schlich' und Gänge,
Lange lag ich auf der Lauer.
Drüben bei dem Dornenhügel
Ueberklettr' ich leicht die Mauer.

»Böser Sänger! böser Sänger!
Störst mich so in meinem Schlafe.
Leise! leise! daß die Mutter
Nicht erwach' und mich bestrafe.

Böser Sänger! böser Sänger!
Muß ich so hinunter schleichen,
Muß den Thau mit zarten Füßen,
Armes Kind! vom Rasen streichen.

Nur behutsam, guter Abdul,
Nur behutsam spring die Mauer!
Wenn du fällst und dich verwundest,
Ach, du giebst mir Noth und Trauer.«




Arion


Romanze.

Arion war der Töne Meister,
Die Cither lebt' in seiner Hand;
Damit ergötzt' er alle Geister,
Und gern empfieng ihn jedes Land.
Er schiffte goldbeladen
Jetzt von Tarents Gestaden,
Zum schönen Hellas heimgewandt.

Zum Freunde zieht ihn sein Verlangen,
Ihn liebt der Herrscher von Korinth.
Eh in die Fremd' er ausgegangen,
Bat der ihn, brüderlich gesinnt:
Laß dir's in meinen Hallen
Doch ruhig wohlgefallen!
Viel kann verlieren wer gewinnt.

Arion sprach: »Ein wandernd Leben
Gefällt der freien Dichterbrust.
Die Kunst, die mir ein Gott gegeben,
Sie sei auch vieler Tausend Lust.
An wohlerworbnen Gaben
Wie werd' ich einst mich laben,
Des weiten Ruhmes froh bewußt!«

Er steht im Schiff am zweiten Morgen,
Die Lüfte wehen lind und warm,
»O Periander, eitle Sorgen!
Vergiß sie nun in meinem Arm!
Wir wollen mit Geschenken
Die Götter reich bedenken,
Und jubeln in der Gäste Schwarm.« -

Es bleiben Wind und See gewogen,
Auch nicht ein fernes Wölkchen graut,
Er hat nicht allzuviel den Wogen,
Den Menschen allzuviel vertraut.
Er hört die Schiffer flüstern,
Nach seinen Schätzen lüstern;
Doch bald umringen sie ihn laut.

»Du darfst, Arion, nicht mehr leben:
Begehrst du auf dem Land' ein Grab,
So mußt du hier den Tod dir geben;
Sonst wirf dich in das Meer hinab.«
So wollt ihr mich verderben?
Ihr mögt mein Gold erwerben,
Ich kaufe gern mein Blut euch ab.

»Nein, nein, wir laßen dich nicht wandern,
Du wärst ein zu gefährlich Haupt.
Wo blieben wir vor Periandern,
Verriethst du, daß wir dich beraubt?
Uns kann dein Gold nicht frommen,
Wenn wieder heimzukommen
Uns nimmermehr die Furcht erlaubt.« -

Gewährt mir denn noch Eine Bitte,
Gilt, mich zu retten, kein Vertrag;
Daß ich nach Citherspieler-Sitte,
Wie ich gelebet, sterben mag.
Wann ich mein Lied gesungen,
Die Saiten ausgeklungen,
Dann fahre hin des Lebens Tag.

Die Bitte kann sie nicht beschämen,
Sie denken nur an den Gewinn,
Doch solchen Sänger zu vernehmen,
Das reizet ihren wilden Sinn.
»Und wollt ihr ruhig lauschen,
Laßt mich die Kleider tauschen:
Im Schmuck nur reißt Apoll mich hin.« -

Der Jüngling hüllt die schönen Glieder
In Gold und Purpur wunderbar.
Bis auf die Sohlen wallt hernieder
Ein leichter faltiger Talar;
Die Arme zieren Spangen,
Um Hals und Stirn und Wangen
Fliegt duftend das bekränzte Haar.

Die Cither ruht in seiner Linken,
Die Rechte hält das Elfenbein.
Er scheint erquickt die Luft zu trinken,
Er strahlt im Morgensonnenschein,
Es staunt der Schiffer Bande;
Er schreitet vorn zum Rande,
Und sieht in's blaue Meer hinein.

Er sang: »Gefährtin meiner Stimme!
Komm, folge mir ins Schattenreich!
Ob auch der Höllenhund ergrimme,
Die Macht der Töne zähmt ihn gleich.
Elysiums Heroen,
Dem dunkeln Strom entflohen!
Ihr friedlichen, schon grüß' ich euch!

Doch könnt ihr mich des Grams entbinden?
Ich laße meinen Freund zurück.
Du giengst, Eurydicen zu finden;
Der Hades barg dein süßes Glück.
Da wie ein Traum zerronnen
Was dir dein Lied gewonnen,
Verfluchtest du der Sonne Blick. -

Ich muß hinab, ich will nicht zagen!
Die Götter schauen aus der Höh.
Die ihr mich wehrlos habt erschlagen,
Erblaßet, wenn ich untergeh'!
Den Gast, zu euch gebettet,
Ihr Nereïden, rettet!« -
So sprang er in die tiefe See.

Ihn decken alsobald die Wogen,
Die sichern Schiffer segeln fort.
Delphine waren nachgezogen,
Als lockte sie ein Zauberwort:
Eh Fluten ihn ersticken,
Beut einer ihm den Rücken
Und trägt ihn sorgsam hin zum Port.

Des Meers verworrenes Gebrause
Ward stummen Fischen nur verliehn;
Doch lockt Musik aus salz'gem Hause
Zu frohen Sprüngen den Delphin.
Sie konnt' ihn oft bestricken,
Mit sehnsuchtsvollen Blicken
Dem falschen Jäger nachzuziehn.

So trägt den Sänger mit Entzücken
Das menschenliebend sinn'ge Thier.
Er schwebt auf dem gewölbten Rücken,
Hält im Triumph der Leier Zier,
Und kleine Wellen springen
Wie nach der Saiten Klingen
Rings in dem blaulichen Revier.

Wo der Delphin sich sein entladen,
Der ihn gerettet uferwärts,
Da wird dereinst an Felsgestaden
Das Wunder aufgestellt in Erz.
Jetzt, da sich jedes trennte
Zu seinem Elemente,
Grüßt ihn Arions volles Herz:

»Leb' wohl und könnt' ich dich belohnen,
Du treuer, freundlicher Delphin!
Du kannst nur hier, ich dort nur wohnen:
Gemeinschaft ist uns nicht verliehn.
Dich wird auf feuchten Spiegeln
Noch Galatea zügeln,
Du wirst sie stolz und heilig ziehn.« -

Arion eilt nun leicht von hinnen,
Wie einst er in die Fremde fuhr;
Schon glänzen ihm Korinthus Zinnen,
Er wandelt singend durch die Flur.
Mit Lieb' und Lust geboren,
Vergißt er was verloren,
Bleibt ihm der Freund, die Cither nur.

Er tritt hinein: »Vom Wanderleben
Nun ruh' ich, Freund, an deiner Brust.
Die Kunst, die mir ein Gott gegeben,
Sie wurde vieler Tausend Lust.
Zwar falsche Räuber haben
Die wohlerworbnen Gaben;
Doch bin ich mir des Ruhms bewußt.«

Dann spricht er von den Wunderdingen,
Daß Periander staunend horcht.
»Soll Jenen solch ein Raub gelingen?
Ich hätt' umsonst die Macht geborgt.
Die Thäter zu entdecken
Mußt du dich hier verstecken,
So nah'n sie wohl sich unbesorgt.« -

Und als im Hafen Schiffer kommen,
Bescheidet er sie zu sich her.
»Habt vom Arion ihr vernommen?
Mich kümmert seine Wiederkehr.« -
Wir ließen recht im Glücke
Ihn zu Tarent zurücke. -
Da, siehe! tritt Arion her.

Gehüllt sind seine schönen Glieder
In Gold und Purpur wunderbar.
Bis auf die Sohlen wallt hernieder
Ein leichter, faltiger Talar;
Die Arme zieren Spangen,
Um Hals und Stirn und Wangen
Fliegt duftend das bekränzte Haar.

Die Cither ruht in seiner Linken,
Die Rechte hält das Elfenbein.
Sie müßen ihm zu Füßen sinken,
Es trifft sie wie des Blitzes Schein.
»Ihn wollten wir ermorden;
Er ist zum Gotte worden:
O schläng' uns nur die Erd' hinein!« -

»Er lebet noch, der Töne Meister;
Der Sänger steht in heil'ger Hut.
Ich rufe nicht der Rache Geister,
Arion will nicht euer Blut.
Fern mögt ihr zu Barbaren,
Des Geizes Knechte, fahren;
Nie labe Schönes euren Muth!«




Kampaspe


Schönheit ist dem Muth beschieden,
Lieb' erobert sich der Held;
Nach den Kämpfen ward Alciden
Hebe's Blüthe zugesellt.
Rasch besiegt von Alexandern
Bot die Welt ihm Wahl und Lust:
Eine doch, vor allen andern,
War das Kleinod seiner Brust.

Von der Perlen Vaterlande
Als die köstlichste bewahrt,
Sproßte sie an Indus Strande,
Eine Blume, schlank und zart.
Nun aus mütterlichem Schatten
Weit verpflanzt in fremde Luft,
Athmet willig sie dem Gatten
Leise Kühlung, süßen Duft.

Ihre Jugend darzustellen,
Eh die Zeit sie angehaucht,
Ruft Philippus Sohn Apellen,
Der in Reiz den Pinsel taucht.
»Was sie schönes hat und holdes,
Laß es mir unsterblich sein,
Und des Ruhmes und des Goldes
Sei, so viel du wünschest, dein.«

Die ein Sohn des Zeus erkoren,
Spricht der Mahler froh entzückt,
Ist, zum Götterlooß geboren,
Schon der Sterblichkeit entrückt.
Ja, du sollst die Göttin schauen,
Wie sie halb noch knieend schwebt,
Wie die Locken um sie thauen,
Da sie aus dem Schaum sich hebt.

Still gesenkt die Augenlieder,
Folgt Kampaspe dem Geheiß,
Hinzuleihn die zarten Glieder
In des Künstlers Zauberkreiß.
Sie enthüllt sich, und erröthend
Flieht sie in sich selbst zurück;
Sterbend und in Glut ertödtend
Schwimmt ihr süß verwirrter Blick.

Und sie neigt sich, an Geberden,
Wie an Haupt und Leib und Brust,
Aphrodite ganz zu werden,
Ohne Zwang und unbewußt.
Stammelt sie in Hellas Tönen,
Faßt sie doch den Künstler schnell;
Von der Anmuth und dem Schönen
Spricht sein Auge glänzend hell.

Es verklärt sich mit den Zügen,
Die sein Pinsel scheu entwirft;
Kein Betrachten kann ihm gnügen,
Wie er auch den Nektar schlürft.
Göttin nannt' er sie der Liebe:
Ach! er fühlet ihr Gesetz,
Und befangen alle Triebe
In der eignen Dichtung Netz.

Ruh und Sinn ist ihm entflohen,
Daß er träumend alles thut.
Nicht den zürnenden Heroen
Fürchtet sein entflammter Muth.
Aber sein Vertrau'n beschämen?
Raub am theuren Pfand begehn?
Nein, er will sich streng bezähmen,
Und die Wünsche nicht gestehn.

Forschend nach der Schönen Bilde
Tritt der junge Held herein:
Prangend hoch in Helm und Schilde
Kommt er aus der Krieger Reihn.
Er ist Ares, sie Cythere;
Beide knüpft die schönste Wahl,
Und sein Werk, des Meisters Ehre,
Wird ein Denkmal seiner Qual.

Ob er lächelnd sie verhehle,
Ihn durchschaut des Königs Blick.
Er beherrscht die große Seele,
Und beschließt des Freundes Glück.
»Magst du nur mich treulos schelten!
Wunderbar gelang dein Fleiß,
Doch ich will ihn nicht vergelten:
Fordre von ihr selbst den Preis.

Du bist ihrer Schönheit Spiegel,
Und sie wäre dir nicht hold?
Hier nimm meine Hand zum Siegel,
Daß ich euren Bund gewollt.
Kannst du ihren Reiz entwenden,
So erwirb auch ihre Gunst,
Und die Liebe laß vollenden
Was begonnen deine Kunst.«




Der heilige Lucas


Legende.

Sanct Lucas sah ein Traumgesicht:
Geh! mach dich auf und zögre nicht,
Das schönste Bild zu mahlen.
Von deinen Händen aufgestellt,
Soll einst der ganzen Christenwelt
Die Mutter Gottes strahlen.

Er fährt vom Morgenschlaf empor,
Noch tönt die Stimm' in seinem Ohr;
Er rafft sich aus dem Bette,
Nimmt seinen Mantel um und geht,
Mit Farbenkasten und Geräth
Und Pinsel und Palette.

So wandert er mit stillem Tritt,
Nun sieht er schon Mariens Hütt'
Und klopfet an die Pforte.
Er grüßt im Namen unsers Herrn,
Sie öffnet und empfängt ihn gern
Mit manchem holden Worte.

»O Jungfrau, wende deine Gunst
Auf mein bescheidnes Theil der Kunst,
Die Gott mich üben laßen!
Wie hoch gesegnet wär' sie nicht,
Wenn ich dein heil'ges Angesicht
Im Bildniß dürfte faßen!« -

Sie sprach darauf demüthiglich:
Ja, deine Hand erquickte mich
Mit meines Sohnes Bilde.
Er lächelt mir noch immer zu,
Obschon erhöht zur Wonn' und Ruh
Der himmlischen Gefilde.

Ich aber bin in Magdgestalt,
Die Erdenhülle sinkt nun bald,
Die ich auch jung verachtet.
Das Auge, welches alles sieht,
Weiß, daß ich nie, um Schmuck bemüht,
Im Spiegel mich betrachtet. -

»Die Blüthe, die dem Herrn gefiel,
Ward nicht der flücht'gen Jahre Spiel,
Holdseligste der Frauen!
Du siehst allein der Schönheit Licht
Auf deinem reinen Antlitz nicht:
Doch laß es Andre schauen.

Bedenke nur der Gläub'gen Trost,
Wenn du der Erde lang entflohst,
Vor deinem Bild zu beten.
Einst tönt dir aller Zungen Preis,
Dir lallt das Kind, dir fleht der Greis,
Sie droben zu vertreten.«

Wie ziemte mir so hoher Lohn?
Vermocht' ich doch den theuren Sohn
Vom Kreuz nicht zu entladen.
Ich beuge selber spät und früh
In brünstigem Gebet die Knie
Dem Vater aller Gnaden. -

»O Jungfrau! weigre länger nicht,
Er sandte mir ein Traumgesicht,
Und hieß mir, dich zu mahlen.
Von diesen Händen aufgestellt,
Soll vor der weiten Christenwelt
Die Mutter Gottes strahlen.« -

Wohlan denn! sieh bereit mich hier.
Doch kannst du, so erneue mir
Die Freuden, die ich fühlte,
So rufe jene Zeit zurück,
Als einst das Kind, mein süßes Glück,
Im Schooß der Mutter spielte. -

Sanct Lucas legt an's Werk die Hand;
Vor seiner Tafel unverwandt,
Lauscht er nach allen Zügen.
Die Kammer füllt ein klarer Schein,
Da gaukeln Engel aus und ein,
In wunderbaren Flügen.

Ihm dient die junge Himmelsschaar,
Der reicht' ihm sorgsam Pinsel dar,
Der rieb die zarten Farben.
Marien lieh zum zweiten Mal
Ein Jesuskind des Mahlers Wahl,
Um die sie alle warben.

Er hatte den Entwurf vollbracht,
Nun hemmte seinen Fleiß die Nacht,
Er legt den Pinsel nieder.
»Zu der Vollendung brauch' ich Frist,
Bis alles wohl getrocknet ist,
Dann, spricht er, kehr' ich wieder.«

Nur wenig Tage sind entflohn;
Da klopft von neuem Lucas schon
An ihre Hüttenpforte;
Doch statt der Stimme, die so süß
Ihn jüngst noch dort willkommen hieß,
Vernimmt er fremde Worte.

Entschlummert war die Gottesbraut
Wie Blumen, wann der Abend thaut;
Sie wollten sie begraben,
Da ward sie in verklärtem Licht
Vor der Apostel Angesicht
Gen Himmel aufgehaben.

Erstaunt und froh schaut er umher
Die Blick' erreichen sie nicht mehr,
Die er nach droben sendet.
Obschon im Geist von ihr erfüllt,
Wagt er die Hand nicht an ihr Bild:
So blieb es unvollendet.

Und war auch so der Frommen Lust,
Und regt' auch so in jeder Brust
Ein heiliges Beginnen.
Es kamen Pilger fern und nah,
Und wer die Demuthsvolle sah,
Ward hoher Segnung innen.

Vieltausendfältig konterfeit
Erschien sie aller Christenheit
Mit eben diesen Zügen.
Es mußte manch Jahrhundert lang
Der Andacht und dem Liebesdrang
Ein schwacher Umriß gnügen.

Doch endlich kam Sanct Raphael,
In seinen Augen glänzten hell
Die himmlischen Gestalten.
Herabgesandt von sel'gen Höh'n,
Hatt' er die Hehre selbst gesehn
An Gottes Throne walten.

Der stellt' ihr Bildniß, groß und klar,
Mit seinem keuschen Pinsel dar,
Vollendet, ohne Mängel.
Zufrieden, als er das gethan,
Schwang er sich wieder himmelan,
Ein jugendlicher Engel.




Leonardo da Vinci


Romanze.

Florentiner! Florentiner!
Was muß euren Sinn verkehren,
Daß ihr eure großen Männer
Fremden überlaßt zu ehren?

Dante, welcher göttlich heißet,
Klagt, daß ihn sein Land verstoße;
Sein verbannter Leib ruht ferne
Von der harten Mutter Schooße.

Und der alte Leonardo,
Weilte bei euch, halb vergeßen,
Der an euren Kriegesthaten
Jung des Pinsels Kraft gemeßen.

Zwar ein Stern, der hoch und herrlich
An der Künste Himmel funkelt,
Michel Angel Buonaroti,
Hatte seinen Ruhm verdunkelt.

Dieser strebt in wildem Trotze
Die Natur zu unterjochen;
Jener bildet, sinnig forschend,
Was sie leis' ihm ausgesprochen.

Nicht den Stolzen duldend muß er
Noch zu fremdem Volk und andern
Menschen, aus Florenz, der schönen,
Ein bejahrter Pilger wandern.

Ritter Franz, der edle König,
Rief den weisesten der Mahler,
Gab ihm Raum nach Lust zu schaffen,
Hoch zu ehren ihn befahl er.

Zur Vollbringung der Entwürfe
Scheint ihn neuer Muth zu stärken;
Aber bald hört man ihn klagen
Ueber angefangnen Werken:

Sieh, mein Leben ist am Ziele,
Und die Kunst noch kaum begonnen,
Haben gleich mir gute Parcen
Lang den Faden ausgesponnen.

Weit in unentdeckte Fernen
Breiten Klarheit die Gedanken,
Doch das Nächste zu vollenden,
Fühl' ich meine Hand erkranken.

Und er mußte wider Willen
Hin sich strecken auf das Lager;
Würdig schön in siechem Alter,
Weiß von Bart und still und hager.

Als der König das vernommen,
Füllt es ihn mit bangen Schmerzen,
Denn er hielt ihn wie ein Kleinod
Seinem Reich und seinem Herzen.

Eilig wie zu einem Vater,
Tritt er in des Kranken Zimmer,
Kommen sieht ihn Leonardo
Mit des Augs erloschnem Schimmer.

Und er will empor sich richten,
Seinen jungen Freund zu segnen,
Dessen Arme, dessen Hände
Liebreich stützend ihm begegnen.

Heiter lächelt noch sein Antlitz,
Schon erblaßt wie einem Todten:
Aber halb im Mund erstorben
Ist der Gruß sein letzter Othem.

Lange harrt der König schweigend,
Ob er nicht erwachen werde. -
»Ruh der kunstbegabten Seele!
Und dem Leib sei leicht die Erde!

Keine Weisheit, keine Tugend
Kann das herbe Schicksal wenden.
Was der Tod ihm störte, wird es
Je ein geist'ger Sohn vollenden?

Darum, weil dies Leben dauert,
Laßt den Heldentrieb entbrennen.
Wie dein ernster Spruch mich lehrte:
Was ich soll, das will ich können!«




Fortunat


Romanze.

Thauig in des Mondscheins Mantel
Liegt die stille Sommernacht,
Und ein Ritter reitet singend
Wiesenplan und Wald entlang.

Munter zu, mein gutes Pferdchen!
Sagt er, klatscht ihm sanft den Hals;
Weißt du nicht, daß wartend Lila
An dem offnen Fenster wacht?

Bist ja kein Turnier- und Streit-Roß,
Wie sein Reiter steif und starr,
Das, den Stachel an der Stirne,
Nur so blindlings rennen mag.

Nein, du trägst auf seinen Zügen
Den behenden Fortunat,
Schmiegst mit ihm dich still im Dunkel
Ueber Stege, glatt und schmal.

Bald zu dieser, bald zu jener
Gieng die heimlich nächt'ge Bahn;
Abends hin mit raschem Sehnen,
Früh zurück mit trägem Gram.

Wann ich oft von deinem Rücken
Mich zur hohen Kammer schwang,
Standst du still, bis mich empfangen
Der Geliebten zarter Arm.

Ja ich weiß, wenn eine Spröde
Herz und Thür verschlöße gar,
Würdest du mit leisem Hufe
Klopfen, bis sie aufgethan.

Wie er noch die Worte redet,
Oeffnet sich ein heimlich Thal.
Bin ich, sprach er, irr' geritten?
Ist mir's doch so unbekannt.

Wunderlich durch Sträuch' und Bäume
Schleicht des Mondes blaßer Strahl,
Und ein Busch mit blüh'nden Rosen
Winkt von drüben voll und schlank.

Busch, ich grüß' in dir mein Bildniß,
Rosen trägst du ohne Zahl;
Und mir blüht im regen Herzen
So der Liebe süße Wahl.

Manche reif, und Knospen andre,
Alle doch verblüh'n sie bald,
Und der Saft, der jene füllte,
Wird den jüngern zugewandt.

Denn den Kelch, der sich entblättert,
Schließet keines Willens Kraft.
Lila, Lila! diese Knospen
Droh'n dir meinen Unbestand.

Aber daß du nicht ihn ahndest,
Komm' ich mit dem Kranz im Haar,
Biet' ein schön erröthend Sträußchen
Deinem weißen Busen dar.

Rosen, Rosen! laßt euch pflücken,
So zu sterben ist kein Harm:
O wie will ich euch zerdrücken
Zwischen Brust und Brust so warm!

Und er lenkt das Roß entgegen,
Doch es scheut sich, wie es naht,
Und er kann von keiner Seite
Dicht zur Rosenlaub' hinan.

So gewohnt bei Nacht zu wandern,
Thöricht Roß, wie kommt dir das?
Fürchtest du die Licht' und Schatten,
Wankend auf dem feuchten Gras?

Doch es tritt zurück und bäumt sich,
Wie er spornt und wie er mahnt;
Drauf mit seinen Vorderfüßen
Stampfet es den Grund und scharrt.

Wühlet weg den lockern Boden.
Tief und tiefer sich hinab.
Schätze, glaub' ich, willst du graben;
Eben ist's ja Mitternacht.

Unter seinem Huf nun dröhnt es,
Das sind Bretter, ist ein Sarg,
Und es traf ein Schlag gewaltig,
Daß der schwarze Deckel sprang.

Schwingen will er sich vom Sattel,
Doch er fühlt sich dran gebannt,
Und der Gaul steht jetzo ruhig
Vor dem Sarg, im Boden halb.

Und es hebt sich wie vom Schlummer
Eine weibliche Gestalt,
Deren Züge blaßer Kummer,
Aber sanfte Lieb' umwallt.

Kommst du, hier mich zu besuchen,
Deine Clara, Fortunat?
Diese Linden, diese Buchen
Waren Zeugen unsrer That.

Wie du Treue mir geschworen,
Wie dein Mund so flehend bat,
Meine Ros' ich dann verloren,
Und die Scham danieder trat.

Doch die Sünde ward mir theuer,
Mahnte nun mich früh und spat;
Für des Angedenkens Feuer
Wußt' ich keinen andern Rath,

Als mich hier so kühl zu betten,
Wie du siehst, daß ich gethan.
Ach! ich hofft' in Liebesketten
Dich noch einmal hier zu fahn.

Von des stillen Thales Schooße
Wird geschirmt die bange Scham;
Lieb' erzog hier manche Rose
Für die eine, die sie nahm.

Sieh dieß Lager, traut und enge,
Wie ich sorgsam anbefahl,
Daß es uns zusammendränge
Zu der süßen Wollust Qual.

Durch des Vorhangs grünen Schleier
Bricht kein unwillkommner Strahl,
Und uns weckt aus ew'ger Feier
Keiner Mond' und Sonnen Zahl.

In den kühlen Arm zu sinken
Beut die heiße Brust mir dar.
Deine Seel' im Kuße trinken
Will ich nun und immerdar.

Leise zieht sie ihn hernieder:
Schöner Jüngling, so erstarrt?
Kaum gebrochne Augen hebend,
Sinkt er zu ihr in den Sarg.

Lila, Lila! wollt' er lispeln,
Doch es ward ein sterbend Ach,
Weil alsbald des Grabes Schauer
Seinen Lebenshauch verschlang.

Mit Getöse taumeln wieder
Fest die Bretter auf den Sarg,
Und ein Sturm verwühlt die Erde,
Die der Gaul hat aufgescharrt.

Heftig bricht er alle Rosen,
Säuselnd blättern sie sich ab,
Streu'n sich zu des Brautbetts Weihe
Purpurn auf das grüne Gras.

Weit ist schon das Roß entsprungen,
Flüchtig durch Gebirg' und Wald,
Kommt erst mit des Tages Anbruch
Vor der Hütte Lila's an.

Bleibt da stehn, gezäumt, gesattelt,
Ledig, mit gesenktem Hals,
Bis die arme schlummerlose
Seine Botschaft wohl verstand.

Und dann floh es in die Wildniß,
Wo kein Aug' es wieder sah,
Wollte keinem Ritter dienen
Nach dem schlanken Fortunat.