An die Jungfrau von Orleans
Ich habe früh dich schon besungen,
Ich bot dir fromme Huldigungen,
O heldenmüth'ge Jeanne d'Arc,
Im Wunderglauben kühn und stark!
Doch, wenn der Helm dein Haupt soll schützen,
Was kann das seid'ne Schnürchen nützen,
Womit ihn zierlich deine Hand
Dir unter'm Kinn zusammenband?
Dem Strohhut und dem Schäferleben
Hast du den Abschied ja gegeben.
Am Strohhut stand die Schleife gut:
Sie schloß ihn vor der Sonne Glut.
Nun muß ich, Heldin, für dich zittern;
Du eilst zu Kampfes Ungewittern:
Da thut ein ehern Sturmband Noth,
Dem Lanz' und Schwert vergeblich droht.
Von allem deinem Stahlgeschmeide
Der Panzer ist's, den ich beneide,
Der deine Brust gefangen hält,
Wenn Lieb' und Muth sie strebend schwellt.
Der Vorhang fällt: es ist vollendet. -
Doch daß der Sieg in Tod sich wendet,
War es auch nur ein Gaukelspiel,
Ist für mein banges Herz zu viel.
In Ohnmacht scheint ihr Blick verschwommen;
Sie athmet matt nur, tief beklommen.
Besorgte Schwestern, eilt hinzu!
Erweckt sie aus der starren Ruh!
Nichts mehr von wilden Schlachtgetösen!
Laß dir den strengen Panzer lösen.
O hielt' ihn nur ein seidnes Band,
Wie gern zerriß' es meine Hand!
Glaube
Wohin flohst du, sel'ger Glaube,
Aus der Menschen Sinn und Muth?
Wurdest schnödem Spott zum Raube,
Ohne Ruhstatt irrt die Taube
Ob der großen Sündenflut.
Du, o Glaub' an reine Liebe,
Die das Herz in Fülle nährt,
Die, wenn keine Jugend bliebe,
Keine Schönheit, inn'ge Triebe
Bis zum letzten Hauch gewährt!
Glaub' an eines Freundes Treue,
Welcher mit uns steht und fällt,
Welcher ohne Scheu und Reue,
Wie auch Leumund ihn bedräue,
Uns bekennt vor aller Welt!
Glaub' an die Gewalt der Ehre,
Alles Thuns Geleit und Hort,
Daß kein Schwur sich je verkehre,
Felsenfest die biedre Lehre
Immer steh': ein Mann, ein Wort!
Glaub' an unsers Volkes Weise,
An ein heimisch Vaterland,
Wo im schlichten alten Kreise
Jeder still beharrt, und weise
Fremde Lüst' und Sitten bannt!
Glaub' an Kunde von den hohen
Thaten kühner alter Zeit,
An die Würde der Heroen,
Deren Geist der Welt entflohen,
Deren Namen sie entweiht!
Glaub' an hehrer Freiheit Dauer,
Auf Gesetz erbaut und Recht,
Schirmend in der Bundesmauer
König, Ritter, Bürger, Bauer,
All' ein brüderlich Geschlecht!
Glaub' an milder Vorsicht Wache,
Wie es sei um uns bestellt;
Daß Er denk' an unsre Sache,
Dem kein Sperling fällt vom Dache,
Gleichwie er das Ganze hält!
Glaub' an jenes Licht von oben,
Das so glorreich niederstrahlt,
Und am Vorhang, blau gewoben
Vor dem Heiligsten da droben,
Ew'ger Wahrheit Bilder mahlt!
Glaub' an aller Liebe Bronnen,
Der die Gottheit selbst ergoß,
In des Opfers Glut zerronnen,
Welches, sühnend, Friedenswonnen
Und der Wesen Heil erschloß! -
Was die Händ' und Augen greifen,
Ist ein trüglich eitles Gut.
Wie die klugen Sinn' auch schweifen,
Niemals wird ein Segen reifen,
Strebet höher nicht der Muth.
Vor dem Glauben Berge schwanden,
Glaube macht die Schwachen stark.
Ja, aus Erd' und Todes-Banden
Ist der Gläub'ge schon erstanden:
Glaub' ist unsers Lebens Mark.
Komm denn, himmlisches Vertrauen,
Komm zurück in meine Brust!
Wolle linde mich bethauen,
Wie die winterlichen Auen
Linde Luft und Frühlingsluft.
Scheuche du das trübe Zagen!
Was verschuldet' ich so schwer,
Daß ich nie mich soll entschlagen
Der Gedanken und der Fragen,
Die sich streiten hin und her?
Zwar ich habe mit den Blinden
Falscher Weisheit auch gefröhnt,
Doch gesucht den Weg zu finden
Aus des Irrthums Labyrinthen,
Und das Edle nie gehöhnt.
Kann Gehorsam dich erwerben,
Giebst du dich der Einfalt kund:
Sieh in Demuth mich ersterben,
Sieh die Wehmuth mich entfärben.
Thu' mir auf der Geister Bund!
O wie hat mich oft erhoben,
Was du halb mir nur enthüllst!
Laß mich deine Kraft erproben,
Jubeln will ich und Gott loben,
Wenn du ganz die Seele füllst.
Ob dann soll der Boden schwanken,
Ob die Hölle scheinbar siegt,
Will als Reb' ich ohne Wanken
Auf am Lebensbaum mich ranken,
Welcher keinem Blitz erliegt.
Lob der Thränen
Laue Lüfte,
Blumendüfte,
Alle Lenz- und Jugendlust;
Frischer Lippen
Küße nippen,
Sanft gewiegt an zarter Brust;
Dann der Trauben
Nektar rauben;
Reihentanz und Spiel und Scherz:
Was die Sinnen
Nur gewinnen:
Ach! erfüllt es je das Herz?
Wenn die feuchten
Augen leuchten
Von der Wehmuth lindem Thau,
Dann entsiegelt,
Drin gespiegelt
Sich dem Blick die Himmels-Au.
Wie erquicklich
Augenblicklich
Löscht es jede wilde Glut!
Wie vom Regen
Blumen pflegen,
Hebet sich der matte Muth.
Nicht mit süßen
Wasserflüßen
Zwang Prometheus unsern Leim.
Nein, mit Thränen;
Drum im Sehnen
Und im Schmerz sind wir daheim.
Bitter schwellen
Diese Quellen
Für den erdumfangnen Sinn,
Doch sie drängen
Aus den Engen
In das Meer der Liebe hin.
Ew'ges Sehnen
Floß in Thränen,
Und umgab die starre Welt,
Die in Armen
Sein Erbarmen
Immerdar umflutend hält.
Soll dein Wesen
Denn genesen,
Von dem Erdenstaube los,
Mußt im Weinen
Dich vereinen
Jener Waßer heil'gem Schooß.
Ritterthum und Minne
Romanze.
Ein Ritter, ganz in blankem Stahl
Auf seinem hohen Roß,
Sprengt bei des Morgens erstem Strahl
Herab vom Felsenschloß.
Nach Abenteuern steht sein Sinn,
Durch Wald, Gebirg und Feld;
Denn bis zum heil'gen Lande hin
Ist Muth der Herr der Welt.
Und wie er zog im Thal einher
Für sich so kühn und wild,
Da trat in seinen Weg ihm queer
Ein schönes Frauenbild.
Dem Pferde griff sie in den Zaum
Und lächelnd so begann:
Gewahrt man Fleisch und Bein doch kaum;
Seid ihr ein Eisenmann?
Das Eisen, spricht er, zartes Weib,
Ist ja des Mannes Kraft.
Es schirmt nicht starrend bloß den Leib,
Er fühlt's wie Mark und Saft.
Es zuckt, geschliffen und gespitzt,
Von selber nach dem Blut,
Und wo es durch die Lüfte blitzt,
Da zündet Kampfes Muth.
Drauf sie: Doch warum so in Eil?
Fürwahr, es thut nicht Noth!
Den Strauß entscheidet kurze Weil'
Zum Sieg wohl oder Tod.
Die Sonne scheint den Panzer heiß:
Entledigt euch der Last,
Und pflegt am Oertchen, das ich weiß,
Im Schatten süßer Rast.
Der Mai giebt seinen Wonneschein,
Der Blumen sind genug.
Das Leben will gelebet sein
Nicht so in Sturm und Flug.
Und habt ihr friedlich erst geruht,
Und nicht gewehrt der Lust,
Dann strebt zur That mit frischerm Muth
Die freudenstolze Brust.
Wer kann aus so beredtem Mund
Der Ladung widerstehn?
Er folgt ihr tiefer in den Grund,
Wo kühle Lüfte wehn.
Sie weilt an einer Quelle Rand,
Der Ritter steigt vom Roß,
Und löset jedes ehrne Band,
So seinen Leib umschloß.
Auf grünem Teppich, hoch umlaubt,
Der hier zum Sitze schwillt,
Hebt er den Helm von seinem Haupt,
Legt Panzer ab und Schild.
Dem Boden eingepflanzt den Speer,
Den Schild daran gelehnt,
Lauscht er des Weibes holder Mär',
Ohn' Arges, wie er wähnt.
Jedoch ihr Kosen schmeichelt kaum
Dem rauhen Sinn sich ein,
So sieht er, zweifelnd, wie im Traum,
Seltsame Zauberein.
Im Helmbusch erst ein Weh'n sich regt,
Ein Rauschen ihn durchklingt.
Bis er die Flügel mächtig schlägt,
Und rasch empor sich schwingt.
Nun wiegt der neugeschaffne Falk
Sich in der Lüfte Blau,
Und späht mit hellem Aug', ein Schalk,
Was irgend lockt, genau.
Doch wie zum Busch er niederschießt,
O Wunder! so zerwallt
All sein Gefieder, und entsprießt
In Vöglein mannigfalt.
Die bunten Sänger tönen gleich,
Versteckt im Laub', ihr Lied,
Das klagend und doch wonnereich
Durch Blüthendüfte zieht.
Zu solcher Waldes-Melodie
Ziemt wohl ein frischer Trank!
So sagend, beut dem Ritter sie
Den Becher, zierlich schlank.
Verwandelt hat sich zum Pokal
Sein Helm, wie sie's gewollt;
Des Weines geistig goldner Strahl
Blinkt in des Bechers Gold.
Nun griff sie auch zur Laute hin,
Und hielt sie vor die Brust,
Und spielt' aus zartem Frauensinn
Was Ahndung weckt und Lust.
Sieh, Ritter, sagte sie und sang,
Besaitet und erfüllt
Den Harnisch dein von süßem Klang,
Der sonst dein Herz umhüllt.
Drum laß es beben bei dem Schall
Von meiner Hand entlockt:
Das ist der Triebe Wiederhall,
Die unter'm Erz gestockt.
Sieh! deine Lanze sproßt und grünt
Zum Lorbeer, stolz belaubt,
An dem sich nie kein Blitz erkühnt,
Kein Herbst die Zierde raubt.
Zur Rose sieh dein Schwert erblüht,
So mildert sich sein Zorn;
Doch blutig noch ihr Purpur glüht,
Und Wunden sticht ihr Dorn.
Du wandelst alle meine Wehr,
So schalt der Ritter frei,
Als wär's in einer Zaubermär',
In lose Gaukelei.
Mir bleibt allein mein gutes Roß,
Ich schwinge mich im Flug
Zurück auf meiner Väter Schloß,
Und rüste neu den Zug.
Dein Roß, erwiedert sie, fürwahr!
Wird schwer zu fangen sein;
Am Sattel wuchs ein Flügelpaar,
Vom Dienst es zu befrein.
Schon bäumt es sich den Berg hinauf
Zum Gipfel sonnenhell,
Sein Huf entschlägt im raschen Lauf
Dem Felsen einen Quell.
Der Ritter sprach: Was mich geschmückt,
Was klag' ich, daß es hin?
Hast du mich doch mir selbst entrückt:
Schon spür' ich andern Sinn.
Dein Blick, dein Lied hat mich berauscht,
O wunderlieblich Weib!
Was ich verloren, sei vertauscht
Um deinen holden Leib.
Mit nichten, sprach sie sittiglich,
Erwirbst du mich zur Braut,
Wo du zu heil'gem Bunde dich
Nicht erst mir angetraut.
Hoch auf dem Berge, wo dein Roß
Sich muthig hin verirrt,
Da prangt ein rosig schimmernd Schloß,
Das uns zum Tempel wird.
Der Sonne König wohnet dort
In Freuden ewig jung;
Neun Jungfrau'n bieten immerfort
Ihm keusche Huldigung.
Sie feiern unsern Hochzeitreih'n
Mit Spiel und mit Gesang:
Was sie voll sinn'ger Anmuth weih'n,
Vor allem stets gelang.
Wohlan! so rief er, neu entflammt:
Das Bündniß däucht mir gut.
Ich heiße Bieder, abgestammt
Aus altem deutschem Blut.
Zu buhlen weiß ich nicht um Gunst,
Auf Tod und Leben Freund,
Und schlage, sonder schlaue Kunst,
Mit gleicher Wehr den Feind.
Vom fernen Norden kam ich her,
Und war noch jung und wild:
Da hört' ich eine fromme Lehr',
Und sah ein göttlich Bild.
Dem Zeichen, das die Welt verehrt,
Schwur ich die Lebenspflicht;
Zum Kreuze bildet' ich mein Schwert,
Das ew'gen Sieg erficht.
Darum gehorch' ich heil'gem Recht
Nebst ächter Ehre Brauch.
Nun aber nenne dein Geschlecht
Und deinen Namen auch.
Ob dein Gemüth wie meins bestellt,
Das sag mir ohne Hehl;
Nur wo sich Gleich und Gleich gesellt,
Vermählt man Leib und Seel.
Erröthend schwieg die Schöne nun,
Und seufzt aus tiefer Brust,
Und zögerte, sich kund zu thun,
Wie innrer Reu bewußt.
Wie du, so heg' ich fromme Brunst,
Frau Minne heißt man mich,
Doch andern Namen führt' ich sonst,
Als ich mir selbst nicht glich.
Nur Lust und Reiz schien mir Gewinn,
Und inn'ger Trieb ein Spott,
Und so gefiel dem leichten Sinn
Der wüste Kriegesgott.
Da fröhnte alle Welt im Joch
Als Liebesgöttin mir.
Ach! sterblich wie die Jugend doch
War meine Macht und Zier.
Allein ich sah ein himmlisch Weib,
Ein Kindlein auf dem Arm;
Jungfräulich war ihr reiner Leib
Von Mutterliebe warm.
Verloren ganz, sie anzuschau'n,
In demuthsvollem Schmerz,
Fühlt' ich die holde Milde thau'n
In mein erneutes Herz.
Nun floh ich in die Wildniß wüst,
Begehrend eigne Qual,
Bis bange Sehnsucht abgebüßt
Den Trug der ersten Wahl.
Da hört' ich deiner Thaten Ruf
Und deine Biederkeit,
Die stille Neigung in mir schuf,
Wie Sitte sie verleiht.
Der Ritter sann den Worten nach,
Und staunte, tief entzückt,
Da wurde neuer Jubel wach,
Und neu der Mai geschmückt.
Es öffnet sich das hohe Thor
Vom sonnigen Pallast,
Und die neun Mägdlein geh'n hervor,
Zu grüßen ihren Gast.
Sie tanzen um der Lieben Paar,
Im bunt verschlungnen Reihn,
Und aus den Kehlen süß und klar
Haucht Leben und Gedeihn.
»O wohl des Helden edlem Leib,
Der treu und sittig minnt!
O wohl dir auch, du weiblich Weib,
Die solche Huld gewinnt!«
Auf der Reise
Im Frühlinge 1807.
Anm. Die Gegend, welche ich bei diesem Liede vor Augen hatte, ist auf dem Wege von Lyon nach Genf, bei Fort l'Ecluse, wo die Rhone in einer tiefen Schlucht zwischen dem Jura und Vouache hindurch- fließt.
Flaches Land und flache Seelen,
Die der Erde schöne Zier
Und den Himmel mir verhehlen,
Bleibet endlich hinter mir!
Mir beklemmte Brust und Odem
Dieser freudenlose Boden.
Fernher blinkt der Alpen Kette,
Schon erathm' ich Schweizerluft.
Sei gegrüßt im Felsenbette,
Rhodan, Sohn der dunkeln Kluft!
Du auch kommst ja hergezogen,
Wie ein Gast, mit freien Wogen.
Fremde Sitten, fremde Zungen
Lernt' ich üben her und hin;
Nicht im Herzen angeklungen
Stärkten sie den deutschen Sinn.
Lang' ein umgetriebner Wandrer,
Wurd' ich niemals doch ein Andrer.
Theure Brüder in Bedrängniß!
Euch geweiht ist all mein Schmerz.
Was euch trifft, ist
mein Verhängniß;
Fallt ihr, so begehrt mein Herz,
Daß nur bald sich mein Gebeine
Vaterländ'schem Staub vereine.
Tells Kapelle bei Küßnacht
Anm. Die beiden letzten Zeilen der ersten Strophe sind einer alten Inschrift an der Kapelle nachgebildet.
Sieh diese heil'ge Waldkapell!
Sie ist geweiht an selber Stell,
Wo Geßlers Hochmuth Tell erschoß,
Und edle Schweizer Freiheit sproß.
Hubertus habe Dank und Lohn,
Des wackern Waidwerks Schutzpatron!
Tell klomm, ein rascher Jägersmann,
Die Schlüft' hinab und Alpen an.
Den Steinbock hat er oft gefällt,
Der Gems' in Wolken nachgestellt.
Er scheute nicht den Wolf und Bär,
Mit seiner guten Armbrust Wehr.
Da rief ihn Gott zu höherm Werk,
Und gab ihm Muth und Heldenstärk':
Vollbringen sollt' er das Gericht,
Das Geßlern Todes schuldig spricht.
Hier in dem Hohlweg kam zu Roß
Der Landvogt mit der Knechte Troß.
Tell lauschet still, und zielt so wohl,
Daß ihn sein Volk noch preisen soll.
Die Senne schnellt, es saust der Pfeil,
Des Himmels Blitzen gleich an Eil;
Es spaltet recht der scharfe Bolz
Des Geßlers Herz so frech und stolz.
Gepriesen sei der wackre Schütz,
Er ist für manches Raubthier nütz;
Sein Aug' ist hell, sein Sinn ist frei,
Feind aller Schmach und Drängerei.
Sein bestes Ziel ist ein Tyrann,
In aller Menschen Acht und Bann.
Kein Forstrecht, kein Gehege gilt
Zu Gunsten solchem argen Wild.
Drum ehrt die heil'ge Waldkapell
Allhier geweiht an selber Stell,
Wo Geßlers Hochmuth Tell erschoß,
Und edle Schweizer Freiheit sproß.
Traute Nachtmusik
Linde lös't der Harfe Klimpern
Die gesunknen Augenwimpern.
Mit dem Liebchen in die Wette
Hatt' ich alle Lust errungen,
Und vom trauten Arm umschlungen
Ruht' ich aus an weicher Stätte.
Da entwich sie schlau dem Bette,
Wollte mir die müden Wimpern
Lösen mit der Harfe Klimpern.
Halb schon ist die Nacht entronnen,
Und sie will mich, ach! verjagen,
Denn verräth'risch möcht' es tagen.
Süße Töne, schlimm ersonnen!
Weckt mich auf zu neuen Wonnen,
Oder thaut mit leisem Klimpern
Liebesträum' auf meine Wimpern.
Wie sie deine Knie' umschloßen,
Zarte Finger sie durchirren,
Muß die Harfe Sehnsucht girren.
Mildre denn, was du beschloßen!
Manche Huld blieb ungenoßen,
Schmachtend heben sich die Wimpern:
Kose wieder! laß dein Klimpern!
Die gefangnen Sänger
Hörst du von den Nachtigallen
Die Gebüsche wiederhallen?
Sieh', es kam der holde Mai.
Jedes buhlt um seine Traute,
Schmelzend sagen alle Laute,
Welche Wonn' im Lieben sei.
Andre, die im Käfig leben,
Hinter ihren Gitterstäben
Hören draußen den Gesang;
Möchten in die Freiheit eilen,
Frühlingslust und Liebe theilen:
Ach! da hemmt sie enger Zwang.
Und es drängt sich in die Kehle
Aus der gramzerrißnen Seele
Schmetternd ihres Lieds Gewalt,
Wo es, statt im Weh'n der Haine
Mitzuwallen, von der Steine
Hartem Bau zurücke prallt.
So, im Erdenthal gefangen,
Hört des Menschen Geist mit Bangen
Hoher Brüder Harmonie,
Strebt umsonst zu Himmelsheitern
Dieses Dasein zu erweitern,
Und das nennt er Poesie.
Aber scheint er ihre Rhythmen
Jubelhymnen auch zu widmen,
Wie aus lebenstrunkner Brust:
Dennoch fühlen's zarte Herzen,
Aus der Wurzel tiefer Schmerzen
Stammt die Blüthe seiner Luft.
Der Besuch und Abschied des Wanderers
1812.
Wie so gern in deinen Hallen
Ruh' ich aus von fernem Wallen,
Altes, ritterliches Bern!
Werth, den Namen wohl zu tragen
Jener Burg, wo nach den Sagen
Einst gewohnt der Helden Kern.
Aber ach! was muß begegnen?
Dreifach werd' ich nun dich segnen,
Denn ich fand ein Kleinod hier.
Du umgiebst viel schöne Frauen,
Bilder, herrlich anzuschauen:
Eine wohnt im Herzen mir.
Sie vernimmt den Dichter sinnig,
Sie empfindet zart und innig,
Was die hohe Kunst erschuf.
Sie erweckt mir neue Lieder,
Und des Genius Gefieder
Regt sich ihrem sanften Ruf.
Was die Vorzeit stark gesungen,
Seit Jahrhunderten verklungen,
Las ich ihr, die Wundermär:
Wie die nordische Brunhilde,
Kämpfend unter Speer und Schilde,
Bot der Minne Gegenwehr.
Sie indessen, statt der Lanze,
Führt die Nadel, stickt zum Kranze
Blumen in ein leicht Gewand.
Nicht umpanzert trägt die Holde
Ihren Busen, nur mit Golde
Einen Finger ihrer Hand.
Dennoch weiß sie zu verwunden,
Und ich muß an mir erkunden
Jenes Liedes Leid und Lust.
Was die kühnsten Helden stritten,
Was sie freute, was sie litten,
Kam aus edler Frauen Brust.
Ob auch Kampf die Dichter sangen,
Ob die Lieder krieg'risch klangen
Wie Trompet' und Hörnerton:
Doch ein Lächeln blüh'nder Wangen,
Frischer Lippen Gruß empfangen
Wollten sie zum schönsten Lohn.
Ihrer Augen blaues Leuchten
Sah ich oft mit Wehmuth feuchten
Chriemhilds Trauer, Sifrids Tod.
Ach! so kann sie Mitleid hegen
Mit des Herzens bangen Schlägen,
Seiner hoffnungslosen Noth.
Zwar verstummt die kühne Bitte
Vor der zarten stolzen Sitte,
Die kaum Huldigung erlaubt:
Möchte, wenn die Wünsche schweigen,
Sich nur linde zu mir neigen
Dieses reich umlockte Haupt!
Dürft' ich dieser Blume warten,
Die so einsam steht im Garten,
Schirmen sie vor rauhem Nord,
Sie bethau'n mit meinen Thränen,
Sie umweh'n mit leisem Sehnen!
Doch mein Schicksal reißt mich fort.
Goldne Träume meiner Jugend,
Welches Reizes Zaubertugend
Rief euch süß und schmerzlich auf?
Lebet wohl! Ich muß nun scheiden,
Muß mich in Entsagung kleiden
Zu des Lebens strengerm Lauf.
Abschied an die Schweiz
Im Sommer 1812.
Der alten deutschen Sitte Spiegel,
Du biedres Land,
Wo ich der frommen Vorzeit Siegel
So gern erkannt;
Dem Gott der Alpen Burg zur Wehre
Hat aufgebaut,
Von wo dein Volk auf Land und Meere
Herniederschaut!
Du Vaterland der Winkelriede
Heil sei dir, Heil!
Gerechte Freiheit, Freud' und Friede
Dein stetes Theil!
Was eure Väter zu erwerben
Kein Blut gespart,
Sei unversehrt den späten Erben
Wie jetzt bewahrt.
Jüngst brach aus seinen alten Schranken
Das Chaos los,
Da rißen Reiche, Throne sanken
Vom ersten Stoß.
Die wüsten Fluten überschwellen,
Was fern und nah;
Du stehst noch wie auf Felsenwällen
Ein Eiland da.
Mein Vaterland ist mir verloren
Durch hart Geschick,
Vom süßen Ort, wo ich geboren,
Wend' ich den Blick.
Nicht fremden Herrscherlüsten fröhn' ich
Zu Scham und Reu;
Jenseit des Meeres thront mein König,
Ihm bleib ich treu.
Thränen und Küße
Alter Sänger zarter Minne!
Weibes Schöne, Güt' und Zucht,
Aller Wonne Blüth' und Frucht,
Spähtest du mit Meistersinne.
Deines Spruches ward ich inne
Tief in meines Herzens Grund:
»Weinende Augen haben süßen Mund.«
Von der Holden mußt' ich scheiden,
Die mir neues Leben bot:
Da erblich der Wangen Roth,
Lust verkehrte sich in Leiden.
Doch, um unser Weh zu weiden,
Schloßen enger unsern Bund
Weinende Augen und ein süßer Mund.
Trüb' umwölkte sich mit Thränen,
Sonst so licht, ihr Himmelsblick,
Weil der Liebe hart Geschick
Uns entriß der Hoffnung Wähnen.
Da erbarmte sie mein Sehnen,
Dem sie streng' oft widerstund:
Weinende Augen boten süßen Mund.
Zwar verstummten jetzt die Worte,
Die sie lieblich sonst gekos't;
Doch es kam mir andrer Trost
Aus der Lippen Rosenpforte.
Meinem Gram zu Heil und Horte
That mir mildes Grüßen kund,
Weinende Augen haben süßen Mund.
Die sich treu und innig meinen,
Trennet weder Land noch Meer.
Drum verzage nicht so sehr!
Einst ja wird der Tag erscheinen,
Wo ein seliges Vereinen
Macht von allem Weh gesund
Leuchtende Augen und den süßen Mund.
An Frau Händel-Schütz, früher Schauspielerin des königl. Theaters in Berlin
Auf der Ueberfahrt von Finnland nach Schweden, beim Zusammentreffen an einem Ankerplatz.
Es tobten Aeols wilde Horden;
Der alte grämliche Neptun
War abhold unsrer Fahrt geworden:
Das Schifflein mußt' am Anker ruhn.
Da, sieh! auf Alands wüsten Klippen
Verschlagen, fanden wir die Kunst.
Die Suada wohnt auf ihren Lippen,
Sie prangt mit aller Musen Gunst.
Aus ihres Schleiers reichen Falten
Entsteigen, folgsam ihrem Ruf,
Die hohen himmlischen Gestalten,
Die Meißel oder Pinsel schuf.
Du führst des Südens Götterbilder
In Odins riesenhaftes Reich;
Die rauhen Lüfte werden milder,
Die starren Felsen werden weich.
Schon führt die rasche Fahrt dich weiter?
Leb' wohl! dich leit' ein guter Stern!
Du machst des Lebens Wechsel heiter,
Und die Natur vergilt dir's gern.