Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Clara Müller-Jahnke



Mit roten Kressen





Mit roten Kressen





Glut


Mit roten Kressen hatt' ich mich geschmückt -
du hast sie jäh an deiner Brust zerdrückt.

Mit bleichen Wangen bot ich dir den Gruß -
in Flammenwogen tauchte sie dein Kuß.

Mit ruhigem Herzschlag trat ich zu dir her, -
und nun, und nun: ich kenne mich nicht mehr....


Nun lachst du mich verstohlen an
mit dunklem Auge, du fremder Mann;
mit brennender Lippe streifst du mich -
heiß pocht mein Herz: ich kenne dich!

Aus schwüler Träume Zauberspuk,
aus Wüstenschemen voll Lug und Trug,
aus Frühlingsnächten voll Windeswehn
hab ich dein Bild mir winken sehn!

Aus düster flammendem Morgenrot,
das Hagelschauer den Saaten droht,
aus lohendem Blitz, wenn ein Wetter braut,
hat schon dein Auge mich angeschaut . . .

Nun trittst du selbst in meinen Pfad:
ich weiß, daß mein Verhängnis naht;
mit brennender Lippe streifst du mich -
wild rast mein Blut - ich grüße dich!


Und als ich aus dem liebebangen,
dem Kindertraum emporgeschreckt,
hieltest du meine Hand umfangen
und hast mit Küssen sie bedeckt.

Ich hab im Blick dir lodern sehen
der Sehnsucht zwingende Gewalt - -
ich sah die Fieberschauer gehen
durch deine trotzige Gestalt.

Umsonst! umsonst nun Kampf und Beben:
du hast gewußt, was dir gefrommt . . . .
ein Blütenopfer war dein Leben,
neige dein Haupt - der Herbststurm kommt!


Auf meinen Lippen brennt dein Kuß,
er brennt wie Feuer und Sünde,
er brennt wie himmlischer Hochgenuß
und macht mich zum schwachen Kinde.

Viel wilde Rosen erblühn und glühn
und glühn und verwelken am Hage -
und der Wald ist duftig, der Wald ist grün
am leuchtenden Julitage . . . . .

Vom Meer herauf die Sonne grüßt,
Tautropfen am Riedgras beben: - -
wir haben uns kaum Willkommen geküßt
und sollen uns Abschied geben!

Und gehen sollst du, geliebter Mann,
mit all' dem zitternden Bangen,
mit der ungelöschten Glut hindann -
und durften uns kaum umfangen.

Wie lange währt es, so schwillt der Wein,
im Felde die Sicheln klingen;
all', was da blühte im Sonnenschein,
wird reifen und Früchte bringen.

Die Luft wird kühl, und das Laub verdorrt,
Schnee liegt auf Hängen und Hagen ...
wir aber werden von Ort zu Ort
die zehrenden Gluten tragen.


Ich lag in deinen Armen
in willenloser Haft,
durch deine Seele brauste
der Sturm der Leidenschaft.

Du zogst an deine Lippen
aufjauchzend meine Hand -
auf deiner stolzen Stirne
ein Wort geschrieben stand.

In schweren dunklen Zügen
ein rätselwirres Wort, -
ich seh' vor meinen Augen
es leuchten immerfort.

Es glüht in meinem Herzen
und brennt sich in mein Hirn,
es lockt mich in die Hölle
das Wort auf deiner Stirn . . . .


Und weil du meinem besseren Wesen mich
entfremdet hast in jener schwülen Stunde,
weil ich dich liebe, darum hass' ich dich,
ja, hass' ich dich aus meines Herzens Grunde!

Ich rüttle wild das eiserne Geflecht,
das ich mir selber habe schmieden müssen;
in deinen Armen hass' ich dich erst recht -
und töten möcht' ich dich mit meinen Küssen!

Laut pocht mein Herz - und dürstend blickt dein Aug':
den Becher hebst du, - wohl, so laß uns trinken!
Verglühen sollst du noch in meinem Hauch
und sterbend mit mir in die Flammen sinken!


Und siehst du nicht auf meiner Stirn
das blutige Mal, den roten Streif? -
Er drückte weh und wund mein Hirn,
und ich zerbrach den Kettenreif.

Des frommen Spieles ward ich müd,
aus meinem Herzen bricht ein Schrei:
es wogt die Nacht - die Lippe glüht -
und aller Bande bin ich frei!


Zieh mich noch einmal an deine Brust,
erstick mich in lodernden Küssen:
wir haben vom ersten Blick ja gewußt,
wie bald wir scheiden müssen.

Wir haben geschwelgt in heißem Genuß,
als gält' es ein ewiges Meiden,
und doppelt geküßt jeden feurigen Kuß,
als wär' es der letzte vorm Scheiden!

Bei dem die Minne am längsten wohnt,
nicht der mag am besten fahren - -
wir haben genossen in einem Mond
die Seligkeit von Jahren!


Ich habe aus dem übervollen
Pokal der Liebe rasch gezecht,
ich nahm im Sturm, im heißen, tollen
lenzseligen Rausch mein Jugendrecht.
Dann hat der Trotz zu roten Flammen
empört in mir das wilde Blut -
und all mein Leben brach zusammen
in schrankenloser Liebesglut.

Was mir das Reinste schien und Beste,
begraben liegt's im Flammenschoß.
Am glühend heißen Aschenreste
harre ich schauernd atemlos
des lichten Wunders, das sich zeigen:
des Phönix, der da lebensvoll
aus toten Erdengluten steigen
und mich gen Himmel tragen soll.




Margarete


Dornige Wege
bin ich gewandelt,
blutende Wunden
trag ich im Herzen,
lichtlose Tiefen
hab ich durchmessen . . . .
In Wogen des Schmerzes,
im Abgrund der Qual
fand ich eine Perle:
Dich, Margarete!

Wir schreiten über den Dünenweg,
als gält' es das Glück zu packen -
die Zweige schlagen uns ins Gesicht,
der Sturm sitzt uns im Nacken.

Vorüber geht es am grünen Grund,
am riedbewachsenen Hange,
vorüber am Siebenbirkenplatz . . . .
Die Wellen murmeln so bange.

Zur Linken ein steinernes Festungstor;
aus moosiger Mauern Kranze
blickt das Gesicht der alten Zeit -
das ist die Heydenschanze.

Zur Rechten das weite, blauende Meer,
darüber die Möwen kreisen,
drauf spielt der trotzige Harfner Sturm
uralte Freiheitsweisen.

Und nun ein blühender Schlehdornhag -
der Fink schlägt in den Wipfeln,
dann geht es aus schattigem Grund empor
zu leuchtenden Bergesgipfeln.

Und fragen wir schier erstaunt, wohin
der Weg uns endlich führe: -
da sind wir schon am Ziel, da stehn
wir an der Friedhofstüre.

Rotblühende Tannen nicken scheu
uns zu mit dumpfem Geflüster -
und drüben grüßt vom Leichenhaus
das Kreuz uns ernst und düster.

Ich lasse dich nicht, mein letztes Glück,
ich halte dich fest mit kräftiger Hand:
schaumsprühende Woge kehrst du zurück
an meines Lebens verlassenen Strand.

Du nie versiegendes tiefes Meer,
du Abgrund der Liebe, ich lasse dich nicht, -
meine Stirn so heiß und mein Auge schwer,
du gibst mir Kühlung, du gibst mir Licht!

Ob, was ich baute, in Trümmer bricht,
wonach ich faßte, wie Schaum zerstiebt:
der sich mein Wesen zu eigen gibt,
du meine Seele, ich lasse dich nicht!


Im fernen Westen ein blasses Rot,
auf schimmernden Wassern ein Fischerboot.

Von den Gräbern über die Dünen her
weht Blumenduft, so schwül und schwer.

Ein Vogel mit müdem Flügelschlag
irrt durch den blühenden Brombeerhag -

Und es fällt der Tau, und der Tag schläft ein . . .
wir beide hier oben ganz allein.

Wir beide hier oben Hand in Hand
schaun stille hinab ins verdämmernde Land:

In blassen Nebeln die Welt versinkt,
die letzten Laute die Stille trinkt.

Nun gleitet über das dunkle Meer
mit Sternensegeln die Nacht daher,

Und wo sie landet, wird Fried und Ruh, -
und einsam hier oben ich und du . . . . . . .


So fass' ich deine beiden Hände
und blick ins Auge dir ohne Laut:
du bist mein eigen bis ans Ende,
mir Schwesterseele, tiefvertraut.

Kein Trauern kenn ich, kein Begehren,
nickst du mir lieb und lächelnd zu: -
es ist, als ob wir fern auf blauen Inseln wären,
als überflösse nun ein abendlich Verklären
die sturmesmüde Welt - ein Traum von Sonnenruh.