Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

Index: Autoren A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Clemens Brentano



Ausgewählte Gedichte





Chor

O Tannebaum! o Tannebaum!
Du bist mir ein edler Zweig,
So treu bist du, man glaubt es kaum,
Grünst sommers und winters gleich.

Mädchen

Wenn andere Bäume schneeweiß sein
Und traurig um sich sehen,
Sieht man den Tannebaum allein
Ganz grün im Walde stehen.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

Mein Schätzel ist kein Tannebaum,
Ist auch kein edler Zweig,
Ich war ihm treu, man glaubt es kaum,
Doch blieb er mir nicht gleich.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

Er sah die andern schneeweiß sein
Und schimmernd um sich sehn,
Und mochte nicht mehr grün allein
Bei mir im Walde stehn.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

Der andern Bäume dürres Reis
Schlägt grün im Frühling aus,
Pocht er sein Röckchen, bleibt's doch weiß,
Schlägt nie das Grün heraus.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen


Oft hab' ich bei mir selbst gedacht,
Er kömmt noch einst nach Haus,
Spricht: Hab' mir selbst was weiß gemacht,
Poch' mir mein Röcklein aus.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

Und klopft' ich ihn auch poch, poch, poch,
So fliegt nur Staub heraus;
Das schöne treue Grün kommt doch
Nun nimmermehr heraus.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

Drum als er mich letzt angelacht,
Ich ihm zur Antwort gab:
Hast dir und mir was weiß gemacht,
Dein Röcklein färbet ab.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

O Tannebaum! o Tannebaum!
Wie traurig ist dein Zweig.
Du bist mir wie ein stiller Traum,
Und mein Gedanken gleich.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.

Mädchen

Du sahst so gar ernsthaftig zu,
Als er mir Treu versprach,
Sprich, sag mir doch, was denkest du,
Daß er mir Treue brach.

Chor

O Tannebaum! o Tannebaum! usw.






Ich hab' das Lämplein angesteckt
Zum langen Angedenken,
Und wenn mich kühle Erde deckt,
Mag Kind und Enkel denken:
Der Vater ruht im Tale aus,
Und kömmt nicht mehr ins stille Haus.

Lischst du o Herr mein stilles Licht,
Das tief herab schon brennet,
Und werd' vor deinem Angesicht
Ich nur ganz rein erkennet,
So geht mit Freude angetan
Erst recht mein schönstes Leuchten an.






Mutter

Maria, wo bist zur Stube gewesen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Ich bin bei meiner Großmutter gewesen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter

Was hat sie dir dann zu essen gegeben?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter

Wo hat sie dir dann das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Sie hat es in ihrem Krautgärtlein gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter

Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter

Wo ist denn das Übrige vom Fischlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Sie hat's ihrem schwarzbraunen Hündlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter

Wo ist denn das schwarzbraune Hündlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Es ist in tausend Stücke zersprungen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter

Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind

Du sollst mir's auf den Kirchhof machen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!






Violettens Denkmal


Die vier Reliefs des Würfels und die Apotheose

Erstes Relief

Ein kleines Mädchen sitzet in der Mitte,
Die Arme schalkhaft über sich gerungen,
Hält sie ein junger Faun mit Lust umschlungen,
Sie sträubt sich ihm, der ihr mit wilder Sitte

Ein Tamburin mit Früchten reicht, die Bitte
Ist in des Mädchens Kuß ihm schon gelungen,
Doch nur die milde Frucht hat sie bezwungen,
Daß sie von ihm den wilden Kuß erlitte.

Denn von ihr abgewandt, die jungen Schmerzen
In Tönen lösend, singt ihr Genius,
Die Rechte in der Lyra, was im Herzen

Die Linke fühlt, es neiget von dem Kuß
Sich ihm des Mädchens Aug', voll schlauen Scherzen,
Sie hört sein Lied, doch sieget der Genuß.

Zweites Relief


Die Jungfrau steht, vor ihr ein Weib und zwinget,
Die Freie sich den Gürtel zu bequemen,
Ihr, die sich schämt der Nacktheit sich zu schämen,
Des Genius Arm die Füße hold umschlinget.

Indes dem Weib die Gürtung schon gelinget,
Scheint Neugier nur die Jungfrau bezähmen,
Sie sieht den Schwan vom Genius Speise nehmen,
Und hebt das Tamburin, das dumpf erklinget,

Hoch mit der Rechten, und mit scheuem Beben
Forscht ihre Linke, was im Spielwerk rauschet,
Und fühlet zarte Flügel kleiner Tauben,

Der Faun, der über ihr auf Felsen lauschet,
Beugt sich herab, die Tauben hinzugeben,
So konnte Lust ihr nur die Wildheit rauben.

Drittes Relief

Im Himmel irrt ihr Blick und an der Erde
Ringt sie in wilder Blöße hingegeben.
In Lust ersterbend, voll von heißem Leben,
Übt sie gereizt, so reizende Geberde.

Auf daß ihm währe, was sie sich gewährte,
Legt schlau der Faun ihr, der in Lustgeweben
Nun gürtellos die freud'gen Hüften schweben,
Den Gürtel um das Aug', wie Lust ihn lehrte.

In süßem Schmerz will sie die Arme ringen,
Und schlägt das Tamburin in wilden Lüsten,
Die Tauben buhlen auf den holden Brüsten,

Es bebt der Schwan in seines Todes Singen,
Es bricht in seines Liedes Lieb' und Leiden,
Der Genius der Lyra goldne Saiten.

Viertes Relief

Der Genius hält siegend sie umwunden,
Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen
Trinkt Lieben sie, im Strahle seiner Augen
Trinkt sie den Tod in lusterschloßne Wunden.

Sie stirbt im Licht die Binde losgebunden,
Muß sie in ew'ge Blindheit untertauchen,
Da ihre Küsse heil'ges Leben saugen,
Im Wahnsinn muß der Sinne Wahn gesunden.

Das Haupt verhüllt in loser Locken Fluten,
Streckt sie die Hand, die Lyra zu erlangen,
Die hoch erhebt, der Schwan reckt seine Schwingen,

Das Tamburin, in dem die Tauben ruhten
Zertritt sein Fuß, den Faun sieht man gefangen,
In jenem Gürtel an der Erde ringen.