Mein Jahr
Nicht vom letzten Schlittengleise
Bis zum neuen Flockentraum
Zähl ich auf der Lebensreise
Den erfüllten Jahresraum.
Nicht vom ersten frischen Singen,
Das im Wald geboren ist,
Bis die Zweige wieder klingen,
Dauert mir die Jahresfrist.
Von der Kelter nicht zur Kelter
Dreht sich mir des Jahres Schwung,
Nein, in Flammen werd ich älter
Und in Flammen wieder jung.
Von dem ersten Blitze heuer,
Der aus dunkler Wolke sprang,
Bis zu neuem Himmelsfeuer
Rechn ich meinen Jahresgang.
Wanderfüße
Ich bedacht es oft in diesen Tagen,
Meinem flücht'gen Wandel zu entsagen;
Doch was fang ich an mit meinen Füßen,
Die begehren ihre Lust zu büßen?
Von den ruhelosen Jugendtrieben
Sind mir meine Füße noch geblieben,
Schreitend mit dem Lenz und seinen Flöten,
Schreitend durch die Sommerabendröten,
Rasch vorüber den gefüllten Kufen,
Gleitend auf des Winters weißen Stufen
Über die verschneite Jahreswende,
Rastlos schreitend ohne Ziel und Ende!
Längst beschrieb die Stirne sich mit Falten,
Doch die Füße wollen nicht veralten,
Ihren Stapfen tritt auf Waldeswegen
Meiner Jugend Wanderbild entgegen,
Durch das leichte Paar, das stets entflammte,
Bin ich der zum Reiseschritt Verdammte!
Finden möcht ich ohne Sterbebette
Meinen Füßen eine Ruhestätte...
Die Veltlinertraube
Brütend liegt ein heißes Schweigen
Über Tal und Bergesjoch,
Evoe und Winzerreigen
Schlummern in der Traube noch.
Purpurne Veltlinertraube,
Kochend in der Sonne Schein,
Heute möcht ich unterm Laube
Deine vollste Beere sein!
Mein unbändiges Geblüte,
Strotzend von der Scholle Kraft,
Trunken von des Himmels Güte,
Sprengte schier der Hülse Haft!
Aus der Laube niederhangend,
Glutdurchwogt und üppig rund,
Schwebt ich dunkelpurpurprangend
Über einem roten Mund!
Weinsegen
Heut atm ich mit den Sommerlüften
Die allerfeinsten Würzen ein,
Ich kenne dieses seltne Düften:
Heut blüht der echte Klosterwein.
Hier zog im Land die ersten Trauben
Zum ersten Liebesmahl der Abt,
Der mit dem teuern Christenglauben
Uns öde Heiden einst begabt.
Das Kloster, längst ist's schon verschwunden,
Zerstäubt mit Altar, Gruft und Chor,
Doch steigt in diesen Mittagsstunden -
So heißt's - der erste Abt empor.
Nicht will er zu der Lese kommen,
Wo wild die Kelter überschäumt,
Nein, wie sich ziemt für einen Frommen,
Wann mystisch süß die Blüte träumt.
Was dort? wer öffnet still das Gatter?
Berauscht die starke Würze mich?
Ein wallend blankes Rockgeflatter
Bewegt sich sacht und feierlich!
Es ist der Abt. Ich sehe bücken
Das edelgreise Haupt ihn dort,
Die frechen Nachbarskinder drücken
Sich schleunig durch die Hecke fort.
Er prüft genau die zarte Blüte,
Die jungen Schosse licht und grün,
Sein Angesicht ist voller Güte
Und voll von herzlichem Bemühn.
Hochwürden blickt so hell und heiter,
Dies Jahr gerät der Wein wie nie!
Er wandelt zu den Stufen weiter
Und geisterleicht ersteigt er sie.
Schon auf des Weinbergs Höhe schreitet
Er bei dem kleinen Winzerhaus.
Er setzt sich auf die Bank. Er breitet
Die Geisterhände mächtig aus.
Er segnet seine Klosterreben,
Sein eigen, vielgeliebtes Kind,
Uns Ketzer segnet er daneben,
Die seines Weinbergs Erben sind.
Säerspruch
Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!
Die Erde bleibt noch lange jung!
Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.
Die Ruh ist süß. Es hat es gut.
Hier eins, das durch die Scholle bricht.
Es hat es gut. Süß ist das Licht.
Und keines fällt aus dieser Welt
Und jedes fällt, wie's Gott gefällt.
Einem Tagelöhner
Lange Jahre sah ich dich
Führen deinen Spaten,
Und ein jeder Schaufelstich
Ist dir wohlgeraten
Nie hat dir des Lebens Flucht
Bang gemacht, ich glaube -
Sorgtest für die fremde Frucht,
Für die fremde Traube.
Nie gelodert hat die Glut
Dir in eignem Herde,
Doch du fußtest fest und gut
Auf der Mutter Erde.
Nun hast du das Land erreicht,
Das du fleißig grubest,
Laste dir die Scholle leicht,
Die du täglich hubest!