Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Elise Sommer



Poetische Versuche





An einem trüben Abend


Vielleicht ist dies der lezte Abend,
Der mir so bang' und düster sinkt!
Vielleicht nah't sie sich schon, die Stunde,
Die mir zur ew'gen Ruhe winkt.

Sei mir willkommen, Nacht und Stille!
Und du, mein blasser trauter Freund,
Du, meiner Thränen steter Zeuge,
Verschweigst es, wenn mein Auge weint.

Weg Träume, Hofnung beßrer Tage,
Mir blühen keine Rosen mehr;
Es liegen alle meine Freuden
Zerstreut entblättert um mich her.




Elegie


Bald schließet mit Freuden zur ewigen Ruh
Mein weinendes Auge auf immer sich zu,
Dann trägt man mich stille zu Grabe;
Schon seh' ich sie flattern in heulender Luft,
Die Flöhre der Männer, die dort an der Gruft
Den Hügel mit Rasen bedecken.

Dann steigt mir kein Morgen, kein Abend sinkt mehr,
Von Kummer und Sorgen so schwühl und so schwer,
Dann ruh' ich in schattiger Kühle,
Dort, wo keine Klage des Jammers ertönt,
Wo endlich mein grausames Schicksal versöhnt;
Auf, nahe dich, seliger Morgen!




Am Grabe meiner Mutter


Zu dem Schatten jener Kirchhofs-Linde
Folge, traute, düstre Schwermuth, mir!
Auf der besten Mutter Aschenhügel
Weih' ich bange heiße Thränen dir.
Von den bleichen abgehärmten Wangen
Gleiten sie im Monde schwimmend ab;
Traulich blicket er auf Leichensteine
Und auf dieses frischgewölbte Grab.

Gleich dem Armen auf entferntem Meere,
Den ein Sturm auf öde Felsen trug,
Wenn der Himmel sich in Nacht verhüllte,
Ein Orkan die wilden Wellen schlug:
So verlassen, Mutter! so verlassen
Steh' ich hier in deiner Kinder Chor,
Lehne klagend mich an deine Urne,
Eingehüllt in Krep und Trauerflohr.

Hier, o Mutter! pflanz' ich deinen Manen
Rosen, Veilchen und Vergißmeinnicht;
Meine nahe dichte Schleedornhecke
Kühl' euch! Blumen, wenn die Sonne sticht;
Und wenn einst ein Lebensmüder Waller
Eine Thräne weint auf dieses Grab,
O! dann saget ihm: daß Schmerz und Liebe
Euch, ihr Blumen, euer Daseyn gab.




An einen entfernten Freund


Im leichten Flügelkleide
Hüpft' ich auf bunter Flur;
Da liebt' ich Scherz und Freude,
Wie Kinder der Natur.

Die kleinen Wünsche waren
So leicht, so bald gestillt,
Sie stiegen mit den Jahren,
Und blieben unerfüllt.

Mir duften keine Blüthen,
Mir sind die Fluren leer;
Der Sonne Strahlen glüh'ten
Für mich schon längst nicht mehr.

Ich seh' sie golden prangen
Und purpurn untergehn,
Aurorens Rosenwangen; -
Des Abends laues Weh'n;

Der Bach im Veilchenthale,
Der über Kiesel fließt,
Die Quelle, die vom Strale
Des Mondes wird begrüßt;

Wo ich auf weichem Moose
Im kühlen Schatten lag,
Und mir die schönste Rose
Zum Busenstrauße brach;

Wo ich im Sonnenhütchen
Mit leichten Schritten sprang,
Und mir dabei ein Liedchen
Nach meiner Weise sang;

Wo unter Apfelbäumen
Ich goldne Früchte las,
Und oft in meinen Träumen
Die ganze Welt vergaß;

Wo mich im weißen Kleide
Umbrämt mit Rosaflor,
Die Unschuld und die Freude
Zur Lieblingin erkohr;

Wo mir am nahen Teiche,
Durch Lauben von Jasmin
Und rother Trauben Sträuche,
Die Abendsonne schien. -

Dahin ist ihre Schöne,
Seitdem du ferne bist,
Und heisser Sehnsucht Thräne
Aus wundem Auge fließt!




An meinen verehrten Freund,
Herrn Superintendenten Justi zu Marburg


Schon sank die Nacht im Sternenkleide
Hinab ins stille blaue Meer,
Aurora schwamm im Schmuck der Freude
Auf wolkenlosem Azur her.

Da floh' in weiten Schöpfungsräumen
Umher mein trauter Genius,
Und brachte mir in goldnen Träumen
Den froh'sten seligsten Genuß.

Ich schaute Dich dem Glück im Schooße;
Du war'st mir noch, wie heute, hold,
Und blüh'test frisch, wie eine Rose
Im reinen, schönen Morgengold.

Auf Silberwolken sank hernieder,
Mit Lichtumfloßnem Angesicht,
Der Gott der Künste und der Lieder,
Der immer frische Kränze flicht.

Dir flocht er einen von den Blättern
Aus Pindus heil'gem Lorbeerhain,
Und weih'te Dich vor allen Göttern
Zu Melpomenens Priester ein.

Urania gab Dir den Segen;
Ein Musenchor umtanzte Dich,
Sie warfen Blumen dir entgegen; -
Hier dieses Blümchen haschte ich! -