Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Emanuel Geibel



Nachlese älterer Gedichte





Nachlese älterer Gedichte





Romanze vom Elfenbrunnen


»Wiss' es, Blanka, meine Tochter,
Weil du sünd'ger Liebe Sproß,
Hab' ich früh schon in der Wiege
Dich dem Heiland anverlobt.
Morgen reiten wir selbander
Nach Sankt Annas Klosterhof,
Daß du dort ein Nönnlein werdest,
Dir zum Heil und mir zum Trost.« -

»Mag kein Nönnlein werden, Vater,
Denn mein Herz ist jung und froh;
Tanz und Jagd gefällt mir besser,
Als zu singen auf dem Chor;
Schad' auch wär's um meine Locken,
Sie zu kürzen schonungslos,
Schad' um meine weißen Füße,
Die nur seidne Schuh gewohnt.« -

»Mach dich fertig, meine Tochter,
Besser weiß ich, was dir frommt.
Morgen ziehn wir früh vor Tage
Nach Sankt Annas Klosterhof.« -
Als die Jungfrau das vernommen,
Zäumte sie ihr milchweiß Roß,
Zäumt' es unter bittern Tränen,
Ritt hinab zum wilden Forst.
Ganz in ihren Gram versunken
Sah sie nicht, wohin sie zog,
Kam zur tiefsten Waldestiefe,
Als das Spätrot schon verglomm,
Kam zuletzt zur alten Linde,
Wo der Elfenbrunnen quoll.
Aufgeweckt vom Wasserrauschen
Ihren Blick erhub sie dort,
Sieh, da ritt ein schöner Knabe
Neben ihr auf schwarzem Roß,
Trug im Haare Lindenblüte,
Trug am Gurt ein silbern Horn
Und begann so süß zu blasen,
Daß ihr Gram davor zerschmolz
Und ihr Herz von heißer Sehnsucht
Nach dem schönen Fremdling schwoll.
Als sie endlich ganz bezaubert
Sich zu ihm hinüberbog,
Hielt mit Blasen ein der Knabe,
Hub im Sattel sich empor
Und umfing sie, wie sie ritten,
Mit den Armen liebevoll.
Langsam, in den Blumen weidend,
Schritten ihre Zelter fort,
Schritten sacht hinein ins Dunkel,
Wo sich jeder Pfad verlor.
In den Lüften ging ein Singen,
Durch die Wipfel schien der Mond.

Andern Morgens leer am Schloßtor
Stand der Jungfrau milchweiß Roß,
Doch sie selber blieb verschollen
Für und für im wilden Forst.




Parabel


Die Frucht, die hoch im Wipfel hing,
Daß sie des Gärtners Blick entging,
Verkehrte lautrer nur in Saft
Die eingesogne Sonnenkraft
Und ward, wie sie zu oberst schwoll,
Zwiefältig edler Süße voll,
Ein Goldball, von des Herbstes Luft
Noch überhaucht mit Purpurduft.
Zuletzt im leisen Windeswallen
Macht sie die eigne Schwere fallen.
Der Gärtner hebt sie auf und spricht:
»Die hatt' ich auch und wußt' es nicht«,
Und legt sie obenauf beim Feste
Als Zier des Mahls für edle Gäste.




Pfarrhausidyll


Der Samstagabend dämmert. Draußen flockt
Der Schnee herab. Im Zimmer dunkelt's tief,
Und nur des Ofens Flackerschein umspielt
Den großen Schreibtisch und den Bücherschatz,
Der Band an Band sich an den Wänden reiht.
In seinem Armstuhl ruht zurückgelehnt
Der junge Prädikant und übersinnt
Den Text noch einmal, den er andern Tags
Erläutern soll. Die Predigt hat er schon
Vollendet in der Früh', und eben jetzt
Schwebt ihm der Übergang zum Amen vor,
Der Segensspruch, mit dem er schließen will,
Wie wohl ein Gärtner den gelungnen Strauß
Zuletzt noch krönt mit einer Lilie.
Bewegt in tiefster Seele findet er
Das rechte Wort, und hoch und höher trägt
Ihn des Gedankens Adlerflug hinan:
Da tritt sein junges Weib herein mit Licht.
Doch wie sie des geliebten Mannes Stirn
Vom Strahl des Geistes überleuchtet sieht,
Erscheint er plötzlich schöner ihr wie sonst,
Voll fremder Hoheit, fast wie ein Prophet,
Und zaudernd bleibt sie auf der Schwelle stehn.




Rätsel


Durch Höll' und durch Himmel erklingt's wie ein Hauch,
Und im leisesten Herzschlag vernimmst du es auch;
Es schwebt bei den Horen zuvörderst im Reihn,
Und was hoch ist und herrlich, das schließet es ein.

Ob stumm auch, erscheint's dir in jeglicher Tat,
Und die Heerschlacht beginnt's und beschließet im Rat;
Aus der Lohe, der wehenden, winkt es dir zu,
Und es schärft sich im Licht und erstirbt in der Ruh'.

Dem Gedanken versagt sich's, nicht faßt's der Verstand,
Doch in Blindheit ergreif's, und du hast's in der Hand.
Sanft schwellt's dein Gefühl und vollendet dein Ich,
Und zu Erz wird das Herz, dem es treulos entwich.




Deutsches Aufgebot





Deutsches Aufgebot


Aus einer Kantate.

1.


Der Kaiser saß mit Schwert und Buch
Im Stuhl aus Erz gediegen,
Er wog das Recht und fand den Spruch,
Und Groll und Hader schwiegen.
Da scholl's am Tor wie Rosseshuf,
Da hub sich lauter Jammerruf
Im Gang und auf den Stiegen:




2.


»Es brach der Erzverwüster,
Der Heide brach ins Land,
Von seinen Pfaden düster
Zum Himmel raucht der Brand.
Durch Hüttenschutt und Saaten
Stürmt heulend seine Wut,
Und seine Rosse waten
Bis an den Zaum im Blut.

Dem Greuel wie ein Rabe
Fliegt das Gerücht voraus,
Da greift entsetzt zum Stabe
Das Volk und wandert aus.
Sie schweifen ohne Stätte
Dem scheuen Wilde gleich.
O Kaiser, hilf und rette
Vom Untergang das Reich!«




3.


Und die Stirne des Kaisers ward finster wie Nacht,
Und hinter sich stieß er den Sessel mit Macht,
Hinwarf er den Mantel, den roten,
Und er schlug an den Schild lautdröhnenden Schalls,
Und es stoben, die Zügel verhängt, aus der Pfalz
Nach allen vier Winden die Boten.

Und die Gauen hindurch, wo die Donau schwillt,
Wo die Elbe sich wälzt durch das Weizengefild',
Wo den strudelnden Rhein sie befahren,
Aufflammten die Feuer von Berg und von Turm,
Und die Glocken erklangen und läuteten Sturm,
Und zum Heerbann strömten die Scharen.