Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Ernst Moritz Arndt



Gedichte





Klage


1798.

Was wehst du, süße Himmelsluft,
Um meine frischen Locken?
Was streut ihr, Zweige, Balsamduft
In weißen Blütenflocken?
Was flötest du, o Nachtigall,
Der Minne Freud' mit süßem Schall?
Was klingt in frohen Wellen
Ihr, kleine Murmelquellen?

Die Rose blüht, das Wasser rauscht
Im Frühlingsklange hinnen,
Die Jugend spielt am Bach und lauscht
Mit süßbetörten Sinnen -
O holde Jugend, bald verbleicht
Die Blum' am Bache, bald entfleucht
Der Liebe Zauberkehle
Den Büschen, Philomele.

Der Pflüger mit dem Lerchensang
Begrüßt den Tau der Frühe,
Der Schnitter geht im Sensenklang
Gebückt den Tag der Mühe;
Dann schwellt ihm die beklommne Brust
Erinnrung der entflohnen Lust,
Er fühlt des Lebens Narben
Und weint auf seine Garben.

Des Lebens Schöne ist ein Traum.
So klingt der Weisen Klage:
Er spielet um der Wiege Flaum
Mit goldnem Flügelschlage,
Wird dann zum heißen Mittagswind,
Daß Schweiß uns von der Stirne rinnt,
Und stürmt zuletzt in Flocken
Um unsre grauen Locken.

Doch manche holde Blume sinkt
Auch in dem Lenz der Tage,
Des grausen Schnitters Sense blinkt
Mit jedem Glockenschlage,
Sie mäht den Jüngling und den Greis,
Die Jungfrau mit dem Myrtenreis
Und bleicht die zarten Züge
Des Kindleins in der Wiege.




Ad locum


1799.

Zapft die Tonnen, füllt die Gläser,
Heute laßt uns fröhlich sein!
Ach! bald säuseln grüne Gräser
Auch um unsern grauen Stein:
Unser Leben schwingt die Flügel,
Hinkend holt der Tod es ein,
Um der Gräber stille Hügel
Klingt kein Jubel, fließt kein Wein.

Sonn' und Sterne fliegen trunken
Durch des Himmels blaue Bahn,
Frohberauschet läuten Unken
Und begeistert singt der Schwan;
Wenn die Nektarflut der Tonne
In den blanken Becher fleußt,
Flieget über Mond und Sonne
Des entzückten Zechers Geist.

Evan, Heil dir! Sorgenbrecher!
Freudenbringer, Heil und Preis!
Du erlabst den matten Zecher,
Du entflammst des Alters Eis,
Rötest die gebleichten Wangen,
Stärkest das gebogne Knie
Und erschreckst des Grames Schlangen
Durch der Lieder Melodie.

Heil dir, Göttersohn der Traube!
Jubelt, Saiten! Becher, klingt,
Bis man mit dem Trauerlaube
Unsre Urnen still umschlingt.
Hier in Bacchus' Heiligtume
Herrsche das Gesetz der Lust!
Ach! es traur't der Jugend Blume
Bald verwelkt an unsrer Brust.




Stammbuchblatt


1799.

Was ist Liebe? Eine zarte Blume,
Die zerflattert, wenn die Hand sie pflückt,
Eine Göttin, die im Heiligtume
Nur durch Anschaun Sterbliche beglückt,
Eine Biene, die mit leichtem Wallen
Wenig Stunden um die Kelche summt,
Eine Melodie der Nachtigallen,
Die nach kurzem Lenz verstummt.
Was ist Freundschaft, was ist Seelengüte,
Was der Herzen süße Sympathie?
Ach! aus bessern Welten eine Blüte,
In der Erden Lüften reift sie nie.
Was ist Tugend? in dem Lumpenkittel
Predigt sie: ein Nichts ist Ruhm und Gold!
Was ist Wahrheit? in dem Narrenspittel
Reicht man ihr den Gnadensold.




Lebenslied


1800.

Steh und falle mit eignem Kopfe,
Tu das Deine und tu es frisch!
Besser stolz an dem irdnen Topfe,
Als demütig am goldnen Tisch:
Höhe hat Tiefe,
Weltmeer hat Riffe,
Gold hat Kummer und Schlangengezisch.

Bau' dein Nest, weil der Frühling währet,
Lustig bau's in die Welt hinein;
Hell der Himmel sich oben kläret,
Drunten duften die Blümelein:
Wagen gewinnet,
Schwäche zerrinnet,
Wage! Dulde! die Welt ist dein.

Steh nicht horchend, was Narren sprechen,
Jedem blüht aus der Brust sein Stern;
Schicksal webet an stygischen Bächen,
Feigen webet es schrecklich fern.
Steige hinnieder!
Fasse die Hyder!
Starken folget das Starke gern.

Wechselnd geht unter Leid und Freuden
Nicht mitfühlend der schnelle Tag.
Jeder suche zum Kranze bescheiden,
Was von Blumen er finden mag.
Jugend verblühet,
Freude entfliehet:
Lebe! Halte! doch lauf nicht nach!