Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

Index: Autoren A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Felix Dahn



Erstes Buch





Erstes Buch


Kunâla


Aller Wesen, welche da atmen,
Schönste, wunderherrlichste Augen
Hat der Vogel, welcher Kunâla
Heißt und baut in Wipfeln der Palmen.

Doch dem Inderkönig Asôka
Wuchs ein Sohn (früh starb dem die Mutter)
Mit so herrlich leuchtenden Augen,
Daß man ihn auch nannte »Kunâla«.

Herzbezwingend waren die Augen:
Unaussprechlich innige Liebe,
Tiefe, opferfreudige Güte
Glänzten aus den seidenen Wimpern.

Als dem schönen Jüngling die Wangen
Flaumbart deckte, wollte des greisen
Königs junge Gattin den Stiefsohn
Zu verbot'nen Flammen entzünden.

Und als streng der Reine sie abwies,
Schalt sie ihn versuchter Verführung
Bei dem schwachen Greis und entriß das
Machtgebot, den Prinzen zu blenden.

Ohne Widersprache sich fügend
Bot die Augen schweigend Kunâla
Dar den Henkern: aber, o siehe:
Keiner von den Wildesten konnte

Diesen Augen, wie er sie aufschlug,
Leides tun! Sie sprachen: »Der König
Soll uns lassen von Elefanten
Niederstampfen; aber Kunâlas

Augen können wir nicht verletzen!«
Doch der Prinz sprach: »Was da geboten
Hat mein Vater, König Asôka,
Muß gescheh'n: ich schließe die Augen.«

Aber in der Männer Erinn'rung,
Tief im Herzen, lebte das Bild noch
Von Kunâlas leuchtenden Augen,
Und sie konnten nicht sie versehren.

»Meines Vaters königlich Machtwort
Muß erfüllt sein,« sprach da der Jüngling,
Und mit seinem eigenen Dolche
Stach er aus sich - beide - die Augen.

Da erdröhnte Donner vom Himmel,
Und es flog der Vogel Kunâla
Auf des Königs Schulter und sang ihm
In das Ohr: »Mich sendet dir Indra,

Gab mir Sprache, dir zu verkünden:
Schuldlos ist dein Sohn, und die Fürstin,
Deine junge, falsche Gemahlin,
Hat ihn eignen Frevels bezichtigt.«

Sprach's und flog empor in die Palmen.
Doch der König rief nun den Jüngling
Weinend zu sich, küßte die beiden
Augen ihm: - ach, nicht mehr die Augen,

Nur die blut'gen Höhlen, und fragte:
»Welche Rache, teurer Kunâla,
Soll die böse Königin treffen?
Blendung, Tötung oder was wählst du?«

Doch der Blinde sagte: »Mein Vater,
Rachsucht hab' ich nimmer im Leben,
Zürnen, Hassen nimmer empfunden,
Auch nicht gegen jene Verirrte;

Selbst nicht, als der bittere Schmerz mir
Zuckte durch die Augen ins Hirn scharf.
Unsre Feinde sollen wir lieben:
Vater, tu' ihr, bitte, kein Leid an.«

Ein Brahmane, welcher das hörte,
Rief: »Das kann kein Sterblicher glauben!
Woher käme solche Bezwingung?
Welcher Lehrer lehrte dich solches?«

Sprach der Jüngling: »Solche Bezwingung
Kommt vom großen Buddha, du Priester,
Solches lehrte Buddha die Seinen! -
Hätt' ich nur, so wahr die Verleumd'rin

Nie ich haßte, nimmer ihr zürnte,
Also wahr doch wieder die Augen!« -
Da erdröhnte Donner vom Himmel:
Seine Augen hatte Kunâla!

Seine beiden leuchtenden Augen
Hatt' ihm Indra wiedergegeben:
Waren einst sie schön wie des Vogels,
Waren jetzt sie herrlicher viel noch! -




Skythenweisheit


Der Perserkönig hielt zu Susa Hof:
Aus allen Landen kamen die Satrapen
Und beugten in den Staub die stolzen Häupter;
Sie brachten alles Köstlichste zur Schatzung:
Des Meeres Perle und der Zeder Harz,
Der Edelstein des Bergs, des Stromes Gold
Ward reich zu Xerxes' Füßen hingestreut
Und fünfzig Kön'ge dienten ihm beim Mahl. -

Da war ein Mann aus Skythenland gekommen,
- Kein König: ohne König sind die Skythen -
- Nichts schatzend: denn die Skythen schatzen niemand -
Geraubte Rosse heischend, welche Knechte
Des Königs aus dem Grenzgebiet entführt,
Nur seine beiden Knaben sein Geleit. -
Der Mann fand Gnade vor des Königs Augen,
Weil er so anders war, als seine Sklaven.
Er nötigt ihn, zu bleiben Tag um Tag,
Ob längst der Zweck, um den er kam, erreicht;
Er zeigt ihm seine Schätze wie sein Heer,
Der Priester Weisheit und der Frauen Reiz:
Für alles hat der Gast ein sinnig Auge,
Und, wenn er redet, stets ein sinnig Wort.
Und als der Tag des Scheidens nun gekommen,
Da spricht der König: »Höre mich, Borast,
Ich darf nicht hoffen, dich zurück zu halten,
Denn deine Seele hängt an deinem Volk;
Doch laß die Knaben mir: ich will sie hier
Mit meinen eignen königlich erziehn
Und sie dir reich und weise wieder senden.
Du willst nicht? Schüttle nicht das Haupt, Borast!
Du mußt doch selbst gestehn, es birgt mein Hof
Viel tausend Güter, eurer Steppe fremd.
Verschmähst du alle Schätze, wohl, so können
Von unsern Magiern deine Knaben lernen
Jedwede höchste, euch versagte Weisheit.« - »Nein,
O König, laß mich ziehn mit meinen Söhnen.
Nur eine Weisheit gibt's und diese, Xerxes,
Zu lernen komm zu uns ins Skythenland:
Hier ist sie nicht.« - »Nun,« lächelte der König,
»Und welches wäre diese höchste Weisheit?«
»Sie ist:« - sprach er und ging mit seinen Knaben -
»Den Tod nicht fürchten und die Wahrheit sagen.« -