Die letzten Ritter von Marienburg
Sie sahen, sie waren verloren, verlassen in Jammer und Not:
Da brachen sie aus den Toren und suchten freudigen Tod.
Ein Greis, ein Mann und ein Knabe, das waren die letzten drei:
Viel Heiden sanken zu Grabe mit gellendem Todesschrei.
»Hie Christus!« in blonden Locken mit dem Banner der Knabe rief,
Bis er spürte den Herzschlag stocken - der Litauerpfeil traf tief.
»Hie Deutschland!« rief der Alte mit dem wallenden Silberhaar,
Bis ihm mit blut'ger Spalte der Helm zerschroten war.
Doch stumm, mit schrecklichem Schweigen, der dritte schreitet durchs Feld:
Das war ein grimmer Reigen: wen er erreicht, der fällt.
Es splittern Pfeil' und Speere an seiner schwarzen Brust:
Er trägt nicht Wappenehre, er zeigt nicht Farbenlust:
Ein schwarzes Schwert er wieget, ihn deckt nicht Helm, nicht Schild,
Um bleiche Wangen flieget sein schwarz Gelock so wild,
Sein dunkles Auge leuchtet, sein Mund bleibt schrecklich stumm,
Die schwarze Brünne feuchtet von Blute sich ringsum. -
Ein Heer hat er erschlagen, das schwarze Schwert ward rot,
Die Heiden fliehen und jagen und kreischen: »Das ist der Tod.«
Und als er geblieben alleine, aufseuzt' er tief und laut:
Dann glitt er am moosigen Steine ins duftende Heidekraut,
Und als verschollen die Hufen, da hat er in Todespein
Noch einen Namen gerufen: - den hörte nur Gott allein.
Die stolze Maid von Falkenschloß
Im Falkenschloß beim blauen Rhein saß eine stolze Maid,
Wollt' keines Mannes eigen sein: - das war gar vielen leid.
Wie ein Edelhirsch das Haupt sie trug, nicht wie ein minnig Weib:
»Ich bin mir selber Manns genug, frei bleibt mein Herz, mein Leib.«
Sie lud zum Hohn die ganze Zahl der Freier aufs Falkenschloß,
Das Auge sank vor der Schönheit Strahl, der prächtig sie umfloß.
Die Grafenkron' im schwarzen Haar, im seidnen Hochzeitskleid,
Ihr Blick flog spottend durch die Schar: »Ihr Herrn, ich bin bereit!
Ist einer unter euch, der sich hält meiner Minne wert?«
Sie schwiegen all'. - »Frau Gräsin, ich!« - rief einer und schlug ans Schwert.
Das war der Graf von Lützelstein, trat vor in Waffen licht:
Ihr Strafblick flammte wie Feuerschein, er senkte die Wimper nicht.
»Wer seid Ihr? Hab' Euch nie geschaut!« - »Kam jüngst vom Grab des Christ
Und wollte sehn die Niemandsbraut, die sich so hoch vermißt.«
Ihr Herz schlug warm, ihr Herz schlug bang, ins Antlitz Glut ihr trat:
Und mild war ihrer Stimme Klang, als streng sie Frage tat:
»Und welch' Verdienst so überreich die Zuversicht Euch schafft?«
»Des Weibes voller Schöne gleich wiegt volle Manneskraft.«
Er sprach's und warf den Handschuh hin den Freiern allzumal:
»Wer glaubt, daß ich's nicht würdig bin, bestreit' es mit dem Stahl!«
Da vor allen aus dem Ritterkreis hob sie den Handschuh auf:
Ihr Auge blickte zu ihm leis und schön wie nie hinauf.
Sie setzte die Grafenkrone still wohl auf sein hohes Haupt:
»Gern Euer Weib ich werden will, wenn Ihr mich würdig glaubt.« -
Im Falkenschloß beim blauen Rhein saß eine stolze Maid:
Die hat der Graf von Lützelstein an einem Tag gefreit.
Die Hexe
Wenn du ein Hexlein richten soll't, blick' nicht ihr in die Augen,
Sonst wird dein töricht Herz ihr hold, kann nicht zum Richten taugen.
Das hat den Burggraf von Tirol geführt in Tod und Schande:
Der war ein junger Ritter wohl und Richter in dem Lande.
Zu Bozen an dem schwarzen Stein, da saßen Schöffen elfe: -
»Die Hexe muß verbronnen sein« - sprach er - »so Gott mir helfe.
Du Klägerin, sag' an geschwind, wes willst du sie bezichten?«
»Sie ist ein höllisch Wechselkind, ihr Trachten bös und Dichten.
Sie hat eine scheue stille Art, das Mannsvolk zu betören,
Und wen sie anblickt stumm und zart, der muß ihr angehören.
Meinem Eh'herrn hat sie's angetan mit ihrem schwarzen Blicke:
Er folgt ihr nach auf Weg und Bahn, als führt' sie ihn am Stricke.
Der Fischer Kurt sprang in den See, - so wild muß't er sie lieben,
Den Schütz von Klausen hat's vor Weh' in Kampf und Tod getrieben;
In Kirch' und Messe geht sie nicht, ein Greu'l sind ihr die Glocken,
Und grünes Zauberkraut sie flicht in ihre schwarzen Locken.
Man weiß es nicht, woher sie kam, fremd ist ihr bunt Gewande,
Ihre Sprach' ist fremd und wundersam, sie hat kein Recht im Lande.«
»Ihr Schöffen, die das Recht ihr kennt, nun heisch' ich eure Stimmen!« -
»Das Recht ist: eh' die Hexe brennt, soll erst die Hexe schwimmen;
Werft sie gebunden in den Teich, die Hexe kann nicht sinken,
Der Teufel trägt sie federgleich und läßt sie nicht ertrinken.« -
Und von dem Stein der Burggraf schritt mit allem Volk zum Weiher:
Zwei Schergen schleppten die Hexe mit, gehüllt in dunkle Schleier.
»Halt - laßt mich erst dem Teufelskind in die Koboldaugen schauen:
Und ob sie Zauberkohlen sind, - mir soll davor nicht grauen.« -
Er reißt den Schleier fort mit Macht: - da war's um ihn geschehen: -
Zwei schwarze Augen voll süßer Nacht, die haben ihn angesehen.
Sie kreuzt auf ihrer Brust die Arm', ihr dunkles Haar wallt prächtig,
Sie blicket auf in Todesharm: - der Blick war zaubermächtig!
Er hielt die Hand vors Angesicht, er tät sich baß verfärben:
»Halt! - Sie ist keine Hexe nicht! - Sie ist rein! - Sie soll nicht sterben!« -
»Die Hexe muß verbronnen sein!« - So sprachen da die Elfe -
»Du bist behext: - gedenke fein: du schwurst, so Gott dir helfe!«
Sie halten dem Grafen Schwert und Hand, sie zerren sie fort zum Weiher -
Und als er sich zornig losgewandt, - im Wasser schwamm ihr Schleier.
Er springt ihr nach, er faßt sie wohl: - da täten sie beide sinken: -
So mußte der Burggraf von Tirol um eine Hex' ertrinken. -
Maria von Burgund
Volksliederweise.
Es ritten drei Reiter hinein ins Burgund,
Zerschlissen die Mäntel, die Rößlein wund.
Das einzige Gold, das sie führten, war
Unterm Hute des Jüngsten das lockige Haar.
Sie hielten vor Gent auf grünem Plan
Und der Jüngste rief zu den Zinnen hinan:
»Gott grüß' Euch, Herr Herzog, wir bitten um Gab',
Wir kommen von ferne: vom heiligen Grab.
Seht: - Muscheln am Hut und den Stab in der Hand,
Ich suche ein gütiges Herz hier im Land.«
Da brummte der Burgherr: »Sucht anderes Fach!
Und kommt ihr je wieder, - die Rüden sind wach.«
Da schmollte die Burgfrau: »Fort! Dies mein Empfang!
Eure Beutel zu kurz, eure Finger zu lang.«
Da höhnte der Junker: »Vom heiligen Grab?
Vom heiligen Galgen wohl stiegt ihr herab!«
Doch Maria, das Fräulein, ward bleich und ward rot,
Und dem Jüngsten ein silbernes Ringlein sie bot.
»O bleibet! Euch trau' ich, wie dürftig Ihr seid,
Manch' goldenes Herz deckt zerschlissenes Kleid.
Nicht glaub' ich dem Kleid, noch dem Muschelhut: -
Ich glaube dem Auge, - das blickt so gut.«
Da - fort warf der Jüngste sein Bettelgewand
Und schimmernd in Scharlach und Seiden er stand:
»Gott segne, Maria, dein Wort und dein Herz:
Der Ernst ist ein König, der Bettler war Scherz.
Denn ich bin Maximilian, König von Rom,
Schon harrt mit den Ringen der Bischof im Dom.«