Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Franz Grillparzer



Gedichte





Das Mädchen im Frühling


Der Weinstock sprosset, der Apfelbaum blüht,
Das Veilchen duftet, die Rose glüht,
Der Mai senkt sich freundlich hernieder,
Die Nachtigall flötet, die Wachtel ruft,
Die Lerche zwitschert in heiterer Luft,
Das häusliche Schwälbchen kehrt wieder!

Schon fünfzehnmal sah ich den Apfelbaum blühn,
Das Veilchen sprossen, die Rose glühn,
Und feuriger strahlen die Sonne;
Da tanzt ich so heiter den Frühlingsreihn,
Da konnt ich der jungen Natur mich erfreun,
Da fühlt ich im Frühling nur Wonne!

Doch jetzt ists anders, doch nicht so gut,
Dahin, dahin ist mein fröhlicher Mut,
Ich kann nicht mehr tanzen und scherzen!
Der Frühling füllt nicht mein Herz mehr mit Lust,
Es atmet beklommen die junge Brust,
Es ist mir so ängstlich im Herzen!

Im Busen wogts wie ein wallendes Meer,
So fröhlich ist alles rings um mich her,
Doch ich fühl ein trauriges Sehnen!
Es freut sich so innig die ganze Natur,
Die Freude belebt jede Kreatur,
Ich Arme vergieße nur Tränen!

Beklommenheit ists, was die Seele fühlt,
Was nimmer ruhend im Busen wühlt,
Sie hat mir die Ruhe entrissen;
Und dennoch möcht ich das Gefühl, das mich quält,
Um alle Schätze der ganzen Welt
Aus meinem Innern nicht missen!

Ach, darum bin ich wohl nur betrübt,
Weil mich kein lebendes Wesen liebt? -
Das Nachtigallweibchen im Schatten
Der sparsambelaubten Linde baut
Ihr Nest und locket mit freudigem Laut
Den sorgsam helfenden Gatten!

Die Tauben schnäbeln im Rosengesträuch
Und girren so zärtlich, so innig, so weich,
Ich seh sie mit sehnenden Blicken!
Ach, wär ich doch auch so glücklich wie ihr!
Ach, flattert ihr Täubchen, ach flattert zu mir.
Laßt mich an den Busen euch drücken!

Kommt, liebt mich! - Dann wär ich wohl wieder so
Wie ehmals, würde so heiter und froh
Wie sonst die Tage verleben! -
Doch nein, eine innere Stimme spricht:
Was meinem fühlenden Herzen gebricht,
Kann ein fühlendes Herz mir nur geben!

Den 13ten August 1807






Hekabes Klage


Hier steh ich Arme an dem öden Strande,
Wo jeder mich als seine Feindin haßt,
An meinen Händen klirren ehrne Bande,
Als Sklavin blick ich nach dem fernem Lande,
Das alles, was mir teuer war, umfaßt,
Nach den Ruinen, die des teuern Gatten
Und meiner Heldensöhne Grab umschatten!

Ihr Lieben meiner Seele seid gefallen,
Wie Eichen, die der Wettersturm zerknickt,
Und meiner Trauer herbe Seufzer schallen
In blutbegieriger Hellenen Hallen,
Die sie mit euern Waffen ausgeschmückt,
Und niedrig schmähend trinken rohe Zecher,
An feiler Dirnen Brust, aus Priams Becher,

Besudeln frech des grauen Helden Ehre,
Die auch bei seinem Fall nicht unterging,
Als er am Fuß der heimischen Altäre
Von Neoptolemos grausamen Speere
An meiner Brust den Todesstreich empfing.
Und ich darf nicht zu murren mich erkühnen,
Als niedre Magd muß ich den Mördern dienen!

Ich, einst die Mutter von so vielen Söhnen,
Ich, die man ehmals hochbeglücket pries,
Verklage nun vorm Throne Zeus mit Tränen
Die Grausamkeit barbarischer Hellenen,
Die meine wackern Kinder mir entriß;
Gemordet von der Griechen blutgem Schwerte,
Deckt kühlend sie die mütterliche Erde.

Doch auch den schwachen Trost sollt ich nicht haben,
Zu sehn, daß sie ein niedrer Hügel deckt,
Brich Mutterherz, sie liegen unbegraben
Und nackt, ein Raub der Geier und der Raben,
Auf Trojas glühnde Trümmer hingestreckt.
Und ich von all den Meinen losgerissen,
Kann ihnen nicht einmal die Augen schließen.

O Hektor! - Ha, im Mutterbusen nagen
Mir bei dem Namen Schmerz und Wut,
Halt ein, Barbar! Achilleus Pferde jagen
Dahin und Hektorn schleift der goldne Wagen,
Die Mauern Ilions netzt Hektors Blut,
Und seiner Leiche spotten feige Scharen,
Die sonst vor seinem Arm geflohen waren.

Doch wohl euch allen, ihr habt ausgelitten,
Für eures Vaters Wohl, für Ilion
Habt ihr als wackre Männer brav gestritten,
Des Lebens Dornenbahn ist nun durchschritten,
Jenseits des Lethe harret euer Lohn.
Wohl allen, die bei Trojas Fall erblaßten,
Wohl euch, daß euch nicht Sklavenfesseln lasten,

Wie mich! Mich, die der Purpur und die Krone
An meines Gatten Seite einst geziert,
Die nun herabgerissen von dem Throne,
Gemartert von der Feinde Spott und Hohne,
Zu ihrer Qual ein Sklavenleben führt!
War ich nur darum einst so hoch gestiegen,
Um desto tiefer itzt im Fall zu liegen!

Doch nur auf wenig Augenblicke scheiden
Von euch mich, Teure, Sklaverei und Grab,
Bald naht das schöne Ende meiner Leiden,
Der Genius winket und die Parzen schneiden
Den Faden meines Lebens gütig ab,
Bald führt der Tod mich wieder zu den Meinen,
Auf ewig mich mit ihnen zu vereinen!

Den 13ten Oktober 1807