Wert der Freundschaft
So feurig, unverfälscht und
rein,
wie unsers Vaterlandes
Wein,
muß Freundschaft sein; fest muß sie
halten,
wenn auch des Schicksals Mächte
schalten;
Sie kann uns Seligkeit
bereiten,
selbst wenn wir mit dem Unglück
streiten,
und nimmer reizt selbst Krösus
Gold
den Glücklichen, dem sie ist
hold;
er wird nicht nach dem Glücke
laufen,
um das sonst Menschenkinder
raufen,
und wenn die Freunde Freund ihn
grüßen,
kann keine Unbild ihn
verdrießen.
Liebe und Wollust
an Molly
Schwestern sind sie, doch sie meiden
ewig sich ohn Unterlaß;
wählst du eine von den beiden,
mußt du von der andern scheiden,
schwörest du der andern Haß!
Schwestern sind sie, ähnlich scheinen
sie beim ersten Blicke, doch
wer sie suchet zu vereinen,
wird den Irrtum bald beweinen,
denn er nimmt der Wollust Joch.
Unter mancherlei Gestalten
schleichet sich die Listge ein,
läßt du einmal sie obwalten,
weiß sie schlau dich festzuhalten,
mußt du stets ihr Sklave sein!
Ihren schimmernden Altären
nahet sich die halbe Welt;
ihre süße Macht verehren
die selbst unter Schmerzenszähren,
die ihr Stachel teuflisch quält.
Schön ist ihre Außenseite,
lieblich lacht ihr Rosenmund,
aber lockend lacht sie heute
und stößt morgen ihre Beute
wild in der Verzweiflung Schlund;
in der hocherhabnen Linken
hält sie schmeichelnd den Pokal,
aber folgst du ihren Winken,
willst den süßen Nektar trinken,
mordet dich ihr scharfer Stahl.
Ruhig, mit bescheidnen Mienen
naht die zweite, sanft und mild;
und wohl denen, die ihr dienen
rein und makellos; wohl ihnen,
all ihr Sehnen wird erfüllt.
Zwar lockt nicht mit frechen Blicken
sie dich an die keusche Brust,
doch wen ihre Gaben schmücken,
füllt das reine Herz Entzücken,
Seligkeit und Himmelslust!
Wohl dem edlen Erdensohne,
der ihr ewge Treue schwor,
denn der reinen Liebe Krone
reicht sie ihm zum schönen Lohne,
hebt zu Göttern ihn empor!
Ich auch habe sie gefunden,
mich auch schmückt ihr Rosenband,
meine Stirn hat sie umwunden
in der seligsten der Stunden,
als ich meine Molly fand!
Mich reizt nicht das Glück der Toren,
nicht der Wollust Vollgenuß,
Liebe, dich hab ich erkoren,
als ich Molly Treu geschworen,
bei der Holden ersten Kuß!
Weg da mit dem eiteln Ruhme,
feiler Wollust Knecht zu sein!
in der Liebe Heiligtume
blüht mir eine schönre Blume,
Molly, Molly, du bist mein!
Den 19ten Juli 1808
Der Kuss
Einst fand bei ihren Schafen
der muntre Titirus
die junge Kloë eingeschlafen.
Er raubt ihr einen süßen Kuß
und fliehet schnell, die Schläferin erwachet,
von seinem kühnen Raub geweckt,
sieht sich allein, doch bald entdeckt
sie den Verwegnen, der, versteckt
im Busche, ihres Zornes lachet
und sie mit reifen Brombeern neckt.
Die Schöne, tief beleidigt,
verweist ihm weinend seinen Raub,
indes, versteckt in Moos und Laub,
bei allen ihren Klagen taub,
er sich mit lautem Lachen nur verteidigt.
Doch endlich, als die Kleine gar nicht schweigt
und immer lauter klaget, steigt
er aus dem luftigen Asyl herunter.
»Was, Närrchen«, spricht er, »ficht dich an?
Wer uns hier sähe, dächte Wunder
was Arges ich dir angetan!
Was ists denn weiter, als daß ich dich küßte!
und darum weinst du dir die Augen blind?«
»Ach, das ists eben«, schluchzt das arme Kind,
»warum ich weine, wenns die Mutter wüßte,
daß mich ein hübscher Knabe küßte,
weiß Gott, es wär um mich geschehn!«
Der Hirte lachet bei dem Flehn
des Mädchens. »Nun, bei meinem Leben,
das ist doch sonderbar«, spricht er.
»Doch kränkt dich ein geraubter Kuß so sehr,
so will ich ihn dir gerne wiedergeben.«
»Ach, Lieber, ja, das tue«, spricht
erfreut die kleine Schöne
und wischt des Schmerzes bittre Träne
schnell von dem reizendem Gesicht.
Der frohe Hirt umschlingt sie mit den Armen,
preßt sie an seinen Busen und
drückt einen langgedehnten, warmen,
beseelten Kuß auf ihren Rosenmund.
Das Mädchen sieht vor sich zum Boden nieder,
erseufzt aus tiefer Brust und legt
die weißen Händchen tiefbewegt
aufs Herz, das tobend ihr im Busen schlägt.
»Nun«, spricht sie, »nun hab ich ihn wieder,
den Kuß, und meine Ehr ist unversehrt!«
Der Hirte will laut lachend gehen;
doch kaum hat er den Rücken ihr gekehrt,
als er das Mädchen rufen hört,
und lauter lachend bleibt er stehen
und fragt, was ihr Begehren sei!
Sie spricht mit schamgesenktem Blicke:
»Ach, du gabst mir nur einen Kuß zurücke
und stahlst mir doch im Schlafe zwei!«
»Nun wohl«, ruft Titirus,
»du sollst auch deinen zweiten Kuß
zurückbekommen, ich bin billig!
Das ganze Dorf bezeugt mir das!«
Er spricht es und zieht sie zu sich ins Gras.
Die blöde Kleine folgt ihm willig.
Die Wange hochgefärbt von Scham und Glut,
sitzt sie auf seinem weichen Schoße,
und der gefährliche Bezahler ruht
nicht eher, bis ihr Mund gleich einer Rose,
die in dem Strahl der Abendsonne blüht,
von mehr als hundert Küssen glüht.
Die Schöne fing nun wieder an zu weinen,
daß er, statt des verlangten einen,
ihr mehr als hundert Küsse gab;
und sollte sie sich nicht zu Tode grämen,
mußt er den Überschuß zurückenehmen,
man rechnete nun wieder ab,
der Schäfer aber hört nicht auf zu irren,
man mußte stets von neuem subtrahieren,
und kurz, ein alter Hirt,
der abends sie im tiefen Gras entdeckte,
fand ihre Rechnung so verwirrt,
daß er mit Zeterschrein sie voneinander schreckte.
Den 30ten Dezember 1808