Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Friederike Kempner



Gedichte (Ausgabe 1903)





Kanarienvögleins Traum


Es bettet sich das Vögelein
In seinen eignen Flaum,
Es hüllet sich das Köpfchen ein,
Und träumt den schönsten Traum.

Vom blauen Himmel lebenslang,
Vom dunkelgrünen Hain,
Von seinem eigenen Gesang,
Harmonisch klingend, rein.

Von einer schönern, bessern Welt,
Bei stetem Sonnenschein,
Aus Morgenrot gewebt ein Zelt,
Darunter Groß und Klein.

Des Sängers gleichgestimmte Brust,
So treu und hochgesinnt,
In Wonne, überirdscher Lust,
Vereint die Sänger sind.

Ein schön Duett, so kühn und zart,
Wird aufgeführet bald,
Kein einz'ger Mißton, rauh und hart,
Aus ihren Kehlen schallt.

Nur Himmelslicht, Gerechtigkeit,
Nur Klarheit, - Himmels Bild,
Verschwunden Unbill, Neid und Leid,
Nur Englein strahlend mild.

Kanaria's Flug, Kanaria's Traum,
Im Himmel Sieben schwebt,
Erwachend aus dem eignen Flaum
Das Vöglein sich erhebt.

Des Käfig's Wand, des Käfig's Luft!
- Das Vöglein faßt sich schnell:
Die Wirklichkeit ist enge Kluft,
Der Traum ein Lebensquell.






Frauenbild


Auf dem weichen, grünen Rasen,
Kniet ein Frauenbild,
Ihre Arme gegen Himmel,
Lächelt sie so mild.

Sanft sich ihre Lippen regen,
Lispeln hörbar kaum,
Ihre Blicke schweifen trunken
In des Himmels Raum.

»Großer Gott, Du hast willfahret
Meinem still' Gebet -
Großer Gott, nur Dank und Freude
Sei vor Dir gefleht!«

Englein steigen auf und nieder,
Und der Morgen graut,
Und das Herz der Jungfrau bebet,
Und die Rose taut.

Einen Blick noch zu dem Himmel,
Einen Dankesblick,
Einen Blick erhabener Klarheit,
Ruh' und Seelenglück.

Und das Haupt die Jungfrau birget
In dem weichen Gras,
Andachtsschauer hebt die Seele,
Und ihr Aug' wird naß.

»Gieb mir eins noch, Gott der Gnade,
Laß mich dankbar sein,
Treu und dankbar, Gott der Gnade,
Und mein Herz bleib' rein!«

Wißt ihr wohl, wer so erglühet
Sprach das Dankgebet?
Die's gewesen, lieber Leser,
Selber vor Dir steht.






Unbegriffen, unverstanden,
Seh' ich sehnsuchtsvoll mich um,
Fragend all' das Welten Chaos:
Und das Chaos bleibet stumm.

O erkläret mir das Rätsel
Der umringenden Natur,
Zu den Wundern zeiget, gebet
Mir nur eine einz'ge Spur!






Der Leuchtturm


Ein Morgen, ein schöner Morgen bricht an,
Ein Morgen voll goldener Sonnen!
Es reifen die herrlichsten Früchte alsdann,
Von ewiger Dauer umsponnen.

Ein Morgen, ein schöner Morgen bricht an,
Ein Morgen voll goldener Sonnen,
Wann bricht er, wann bricht jener Morgen an,
Dess' Morgenrot noch heut nicht begonnen?

Der Morgen, der golden dem Weltteil gleicht,
Entdeckt in großen Gedanken,
Der mutige Denker, der ihn kühn erreicht,
Er trat mit der Welt in die Schranken.

Der Morgen, der goldne, dem Leuchtturm gleicht,
Erspähet auf brandigen Wogen,
Ob Brandung das Schiff, das Schiff ihn erreicht -
Das Licht, es hat nimmer gelogen!

Die Nacht ist da und die Brandung ist da,
Der Leuchtturm, er strahlet von Ferne,
Ob wir uns ihm nahen, ihn sehen von nah -
D'ran zweifle ich - Gott weiß es - nicht gerne!

Doch, daß ihn dereinst - ja, daß ihn dereinst
Das Schifflein noch jubelnd begrüße, -
O künftige Mannschaft, ich weiß es - Du weinst -
Alsdann erst die Träne, die süße.

Der früheren, vorigen Mannschaft geweiht,
Die strandend das Licht noch erblickte;
Das herrliche Licht der Brüderlichkeit,
Trotzdem sie die Finsternis drückte.






Die Zugvögel


Lieben Vöglein, singet ihr,
Was und welches Lied?
Ob vom kalten Norden hier,
Ob vom heißen Süd?

Ob von Schneelawinen nur,
Wo die Raben schrei'n,
Oder wo auf Kaktus Flur
Kolibri's gedeih'n?

Ob wo Eichenblätter weh'n,
Herbstlich rosenrot,
Oder wo auf Baumes Höh'n
Wächst das Wunderbrot?

Heißer Süden, kalter Nord,
Sag't, wo's besser ist,
Sag', mein Vöglein, sag' auf's Wort:
Wo Du lieber bist!