Gora ist tot! Und tausend Seufzer klagen,
Und tausend Tränen grüßt das Morgenrot,
Ein treuer Sinn, ein Helfer in der Not,
Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen.
Des Gönners Herz! Laßt uns den Jammer tragen,
Und mit uns trauere eine ganze Welt,
Es schlug für sie, ihr Leid hat es geschwellt.
Das wack're Herz hat aufgehört zu schlagen!
Die Tränen trocknen und die Seufzer schweigen,
Das Blümlein an der stillen Gruft verblüht,
Die Poesie singt ihm ein ernstes Lied,
Grüßt ihn mit ihren ewig grünen Zweigen.
Sie singt: Des Mannes Taten bleiben eigen,
Gewaltig ist der Geist, der von uns schied.
Sein Schatten stolz an uns vorüber zieht. - -
Es lebt ein Gott, laßt uns die Häupter neigen.
Sie singt: Es knien an seinem öden Grabe
Wie Lichtgestalten, hold und engelrein,
Die treue Gattin und die Töchter sein,
Und stolz bewahrt sein Schwert der zarte Knabe!
O Mensch, Du trittst mit Füßen tausend Wunder,
Und tausend Wunder sie umgeben Dich,
Und tausend Wunder in den Lüften fliegen,
O Mensch, und Du beklagest Dich! -
Knie' nieder in dem weiten Welten-Raume,
Ist's Tag, so knie' im goldnen Sonnenschein,
Ist's Nacht - hoch über Dir die Sterne leuchten,
Und Dein Gebet sei Dank allein!
Es stimmen meines Herzens Saiten,
O Herr, Dir an ein Dankgebet,
Und tausend Stimmen es begleiten,
Ich sing es früh und spät.
Was sing' ich denn? Ich singe: »Erhaben,
Hoch über Zeit und Raum,
Bist Du, o Herr, und Deine Gaben
Sind Wirklichkeit, nicht Traum!«
Ich halte still und juble weiter:
»Das goldne Leben gleicht
Nur einer Sprosse auf der Leiter,
Die bis zum Himmel reicht; -
Die Jakobsleiter voller Wesen
- Jahrtausende der Grund -
Auf dem sie werden, sind gewesen,
Ein Chaos schön und bunt!
Ein Chaos, Herr, von tausend Sonnen,
Von Sternen, Mondschein-Pracht,
Von kleinen Blüten, Millionen Wonnen,
Dazwischen Dämm'rung, Traum und Nacht!
Dazwischen milde Frühlingslüfte
Und Tränenschauer liegt,
Und süßes Hoffen, Himmelsdüfte,
Und was das Herz besiegt!«
Ich juble laut und singe weiter,
»Hab' Dank, o Herr, dafür,
Wie auf dem Gipfel jener Leiter,
So preis ich Dich schon hier!«
Ganz gebrochen ist die Kraft,
Und entmutigt ist der Sinn,
Weltumfassend kühne Träume,
Fahret alle, alle hin.
Goldbesäumte Wolken lagen
Ueber wonnig Morgenrot,
Düst're Nacht ist's. Nimmer tagen
Wird das Licht: Das Licht ist tot!
Was nützen alle Lieder,
Was nützt das beste Herz?
Dämonen kehren wieder,
Mit Zungen hart wie Erz.
Dämonen kehren wieder
Im Aug' den gift'gen Strahl,
Was soll das blau Gefieder,
Des Dichters Ideal?
O schweigt, ihr goldnen Lieder,
Halt stille, Poesie:
Du fielst vom Himmel nieder,
Hier wirst Du heimisch nie!
Ansicht
In Abenddämm'rung schwanken
Die Lilien hin und her,
Und frische Rebenranken
Bespült das glatte Meer.
Die Schatten steigen nieder,
Der Mond mit weißem Strahl
Bescheint die Höhen wieder
Rings um das stille Tal.
Von einer jener Stellen,
Gelehnt an Felsenwand,
Sieht man des Jordans Wellen,
So weiß wie ein Gewand.
Es ringt der Regen mit dem Winde,
Es ringt der Segen mit dem Fluch,
Es ringt das Alter mit dem Kinde,
Es ringt die Sage mit dem Buch.
Es kämpft die Tugend mit dem Bösen,
Es kämpft die Arbeit mit dem Gold,
Es kämpft ein jeglich, jeglich Wesen:
Ob es, und ob es nicht gewollt!
Die Eingebung
Die Vöglein singen ihr Morgenlied,
Man hört den Jubel im ganzen Gebiet,
Im Ost die purpurne Sonne glüht
Und sendet Strahlen nach West und Süd.
Allein in meinem stillen Gemach,
Umrankt von üppigem Blätterdach,
So saß ich träumend - ach, träumend wach -
Und dachte und sann gar eifrig nach -
Den Kopf auf beide Hände gestützt: -
»Hat es gezündet, hat es genützt?
Was ich geschrieben, so frei und frisch?«
Und kindisch schlug ich auf den Tisch.
»Ist dies der Lohn für alle Müh',
Für Wirklichkeit und Poesie?
Wen kümmert's wohl, wer steht mir nah,
Steht alles nicht noch feindlich da?«
Da horch, da sieh! Was sprengt heran?
Welch prächtiges, glänzendes Viergespann!
Apollo selber im Sonnenwagen:
Kannst Du Dich jetzo noch beklagen?