Lieder
Nachtlied
Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!
Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich's weben,
Welches das meine verdrängt.
Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.
Sturmabend
Rausche nur vorüber, Wind!
Wühl' im Laub und knicke,
Während ich mein süßes Kind
An die Brust hier drücke!
Nestle aus dem dunklen Haar
Ihr die junge Rose,
Wirf sie ihr zu Füßen dar,
Während ich hier kose.
Eine Todesgöttin, tritt
Sie die zarte Schwester
In den Staub mit stolzem Schritt
Und umschlingt mich fester;
Läßt dir willig gar das Tuch,
Das ihr, wenn ich neckte,
Sonst noch niemals dicht genug
Hals und Busen deckte.
Rausche, Wind! Wir seh'n die Zeit
So, wie dich, entfliehen,
Doch, bevor sie Asche streut,
Wagen wir zu glühen!
Lockend vor mir, rund und roth,
Ihre Feuerlippe!
Zwei Schritt hinter mir der Tod
Mit geschwungner Hippe.
Das letzte Glas
Das letzte Glas! Wer mag es denken!
Und dennoch muß ein letztes sein!
Mich drängt's, es hastig einzuschenken,
Fällt auch die Thräne mit hinein.
Stoß an! Du stießest gar zu heftig!
In tausend Scherben liegt das Glas.
Ein neues bringt mir schon geschäftig
Der Kellner; nochmals füll' ich das.
Das letzte Glas! Wer mag es schauen!
Und dennoch muß ein letztes sein!
Du ziehst nun bald in ferne Gauen:
Denkst du im fremden Land noch mein?
Stoß an! Ich zitt're gar zu heftig!
In tausend Scherben liegt das Glas.
Ein neues bringt mir schon geschäftig
Der Kellner; nochmals füll' ich das.
Das letzte Glas! Wer mag es trinken!
Und dennoch muß ein letztes sein!
Dir werden neue Freunde winken,
Ich aber bleib' hier ganz allein!
Stoß an! Zu Boden werf' ich's heftig!
Warum schon jetzt das letzte Glas!
Ein neues bringt mir schon geschäftig
Der Kellner; nochmals füll' ich das.
Das letzte Glas! Wir lassen's stehen!
Versiegle und verschließ den Wein!
Wenn wir dereinst uns wieder sehen,
So soll es unser erstes sein!
Komm, an den Mund press' ich dich heftig,
Als wärst du selbst mein letztes Glas!
Was wir uns sind, das fühl' ich kräftig,
Jetzt geh mit Gott! Wir bleiben das!
Der junge Schiffer
Dort bläht ein Schiff die Segel,
Frisch saus't hinein der Wind;
Der Anker wird gelichtet,
Das Steuer flugs gerichtet,
Nun fliegt's hinaus geschwind.
Ein kühner Wasservogel
Kreis't grüßend um den Mast,
Die Sonne brennt herunter,
Manch Fischlein, blank und munter,
Umgaukelt keck den Gast.
Wär' gern hinein gesprungen,
Da draußen ist mein Reich!
Ich bin ja jung von Jahren,
Da ist's mir nur um's Fahren,
Wohin? Das gilt mir gleich!
Vorwärts
Steine, sie liegen hier,
Liebchen, im Wege dir,
Klotzig herum!
Gerne ja bückt' ich mich,
Schaffte sie fort für dich,
Würd' ich bloß krumm;
Aber, ich seh's genau,
Du auch, du würdest grau,
Wär' das nicht dumm?
Lebenslang würd' es ja
Währen, so viel sind da,
Vorwärts darum!
Siehst du, wie das uns frommt,
Wie man hinüber kommt,
Lustig und schnell?
Rings schon der kühle Wald,
Duftige Beeren bald,
Drüben ein Quell
Weiter drum, weiter noch,
Gehst du auf Moos ja doch
Jetzt bis zur Stell'!
Heisa, nun ruhen wir,
Hätt' ich zwei Flügel, hier
Kappt' ich sie schnell!
Knabentod
Vom Berg, der Knab',
Der zieht hinab
In heißen Sommertagen;
Im Tannenwald,
Da macht er Halt,
Er kann sich kaum noch tragen.
Den wilden Bach,
Er sieht ihn jach
In's Thal herunter schäumen;
Ihn dürstet sehr,
Nun noch viel mehr:
Nur hin! Wer würde säumen!
Da ist die Flut!
O, in der Glut,
Was kann so köstlich blinken!
Er schöpft und trinkt,
Er stürzt und sinkt
Und trinkt noch im Versinken!
Das Lied ist aus,
Und macht's dir Graus:
Wer wird's im Winter singen!
Zur Sommerzeit
Bist du bereit,
Dem Knaben nachzuspringen.
Schiffers Abschied
Hier steh'n wir unter'm Apfelbaum,
Hier will ich von dir scheiden,
Hier träumte ich so manchen Traum,
Hier trägt sich auch ein Leiden.
Hier sah ich dich zum ersten Mal,
In winterlicher Oede!
Wie war der Baum so nackt und kahl,
Wie warst du kalt und spröde!
Doch bald ergrünte Zweig nach Zweig,
Und alle Knospen trieben.
Da sprang dein Herz, den Knospen gleich,
Da fingst du an, zu lieben.
Wie ist er jetzt von Blüten voll!
Wie wird er reichlich tragen!
Doch, wer ihn für dich schütteln soll,
Das wüßt' ich nicht zu sagen.
Hei! Wie dich säuselnd jener Ast
Mit rothem Schnee bestreute,
Als ob er schon die schwere Last
Der künft'gen Früchte scheute!
Wenn über's Meer der Herbstwind pfeift
Und an dem Mast mir rüttelt,
So denke ich: sie sind gereift,
Und er ist's, der sie schüttelt!
Und muß mein Schiff vor seinem Braus
Gar an ein Felsriff prallen,
So ruf' ich noch im Scheitern aus:
Die schönste will nicht fallen!
Zu Pferd! Zu Pferd!
Zu Pferd! Zu Pferd! Es saus't der Wind!
Schneewolken, düstre, jagen!
Die schütten nun den Winter aus!
Zu Pferd! Zu Pferd! Durch Saus und Braus
Die heiße Brust zu tragen!
Mit krausen Nüstern prüft das Roß
Die Luft, dann wiehert's muthig;
Nur wie ich herrsche, dient das Thier,
Ein Druck: von dannen fliegt's mit mir,
Als wär' mein Sporn schon blutig.
In meinem Mantel wühlt der Wind,
Er raubt mir fast die Mütze;
Ich hab' ihn gern auf meiner Spur,
An seiner Wuth erprob' ich's nur,
Wie fest ich oben sitze.
Requiem
Seele, vergiß sie nicht,
Seele, vergiß nicht die Todten!
Sieh, sie umschweben dich,
Schauernd, verlassen,
Und in den heiligen Gluten,
Die den Armen die Liebe schürt,
Athmen sie auf und erwarmen,
Und genießen zum letzten Mal
Ihr verglimmendes Leben.
Seele, vergiß sie nicht,
Seele, vergiß nicht die Todten!
Sieh, sie umschweben dich,
Schauernd, verlassen,
Und wenn du dich erkaltend
Ihnen verschließest, erstarren sie
Bis hinein in das Tiefste.
Dann ergreift sie der Sturm der Nacht,
Dem sie, zusammengekrampft in sich,
Trotzten im Schooße der Liebe,
Und er jagt sie mit Ungestüm
Durch die unendliche Wüste hin,
Wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf
Losgelassener Kräfte
Um erneuertes Sein!
Seele, vergiß sie nicht,
Seele, vergiß nicht die Todten!
Ein nächtliches Echo
Blitzend
Zieh'n die Sterne auf am Himmelsrand,
Spritzend
Senkt der Thau sich auf das durst'ge Land.
»Liebe!«
Singt der Knabe in die Nacht hinein.
»Liebe!«
Klingt es wieder aus dem Myrthenhain.
Säuselnd
Schleicht der Wind durch die gewürzte Luft,
Kräuselnd
Jeden Blütenzweig voll Hauch und Duft.
»O Traum!«
Ruft der Knabe aus in süßem Schmerz.
»O Traum!«
Hallt's zurück, als hätt' die Nacht ein Herz.
Knabe
Glaubt entzückt, was Seel' und Sinn ihm füllt,
Habe
Schmeichelnd sich in Luft und Duft gehüllt.
»Komm! Komm!«
Quillt es ihm aus heißer Brust hervor.
»Komm! Komm!«
Spielt es lind und weich ihm um das Ohr.
Seine
Seufzer giebt der Wald ihm treu zurück,
Keine
Himmlische Gestalt erscheint dem Blick.
»Nur Schall!«
Ruft er endlich, und er ruft nicht mehr.
»Nur Schall!«
Klingt es hinter dem Verstummten her.
Lied
Komm, wir wollen Erdbeer'n pflücken,
Ist es doch nicht weit zum Wald,
Wollen junge Rosen brechen,
Sie verwelken ja so bald!
Droben jene Wetterwolke,
Die dich ängstigt, fürcht' ich nicht;
Nein, sie ist mir sehr willkommen,
Denn die Mittagssonne sticht.
All die sengend-heißen Stralen,
Die uns drohen, löscht sie aus,
Und wenn sie sich selbst entladet,
Sind wir lange schon zu Haus!
Tändelnd flecht' ich dann die Rosen
In dein dunkelbraunes Haar,
Und du bietest Beer' um Beere
Meinen durst'gen Lippen dar.
Das Vöglein
Vöglein vom Zweig
Gaukelt hernieder;
Lustig sogleich
Schwingt es sich wieder.
Jetzt dir so nah',
Jetzt sich versteckend;
Abermals da,
Scherzend und neckend.
Tastest du zu,
Bist du betrogen,
Spottend im Nu
Ist es entflogen.
Still! Bis zur Hand
Wird's dir noch hüpfen,
Bist du gewandt,
Kann's nicht entschlüpfen.
Ist's denn so schwer
Das zu erwarten?
Schau' um dich her:
Blühender Garten!
Ei, du verzagst?
Laß es gewähren,
Bis du's erjagst,
Kannst du's entbehren.
Wird's doch auch dann
Wenig nur bringen,
Aber es kann
Süßestes singen.
Scheidelieder
Scheidelieder
1.
Kein Lebewohl, kein banges Scheiden!
Viel lieber ein Geschiedensein!
Ertragen kann ich jedes Leiden,
Doch trinken kann ich's nicht, wie Wein.
Wir saßen gestern noch beisammen,
Von Trennung wußt' ich selbst noch kaum!
Das Herz trieb seine alten Flammen,
Die Seele spann den alten Traum.
Dann rasch ein Kuß vom lieben Munde,
Nicht Schmerz getränkt, nicht Angst verkürzt!
Das nenn' ich eine Abschiedsstunde,
Die leere Ewigkeiten würzt.
2.
Das ist ein eitles Wähnen!
Sei nicht so feig, mein Herz!
Gieb redlich Thränen um Thränen,
Nimm tapfer Schmerz um Schmerz!
Ich will dich weinen sehen,
Zum ersten und letzten Mal!
Will selbst nicht widerstehen,
Da löscht sich Qual in Qual!
In diesem bittren Leiden
Hab' ich nur darum Muth,
Nur darum Kraft zum Scheiden,
Weil es so weh' uns thut.
Lieder
Frühlingslied
Ringt um des Jubels Krone!
Die Sonne ruft zum Strauß
Vom blauen Himmelsraume,
Auch schaut aus jedem Baume
Der Frühling schon heraus.
Ringt um des Jubels Krone!
Das Veilchen ist schon da
Und sendet seine Düfte
Verschwendrisch in die Lüfte
Und würzt sie fern und nah'.
Ringt um des Jubels Krone!
Die Lerche trinkt den Hauch
Und schmettert ihre Lieder
In frohem Dank hernieder
Und weckt den Menschen auch.
Ringt um des Jubels Krone!
Das Mägdlein, das ihr lauscht,
Erglüht im tiefsten Herzen
Und fühlt die süßen Schmerzen,
Die sie noch nie berauscht.
Ringt um des Jubels Krone!
Der Jüngling ahnt sein Glück,
Und als er ihr mit Beben
Den ersten Kuß gegeben,
Giebt sie ihn halb zurück.
Ringt um des Jubels Krone!
Ihr seht, daß jeder Lust
Ein Funke sich verbündet,
An dem sie weiter zündet
In einer fremden Brust.
Ringt um des Jubels Krone!
Dieß ist das Weltgebot.
Die trunkenste der Seelen
Wird Gott sich selbst vermählen
Durch sel'gen Freudentod.
Das erste Zechgelag
Er sitzt zum ersten Mal -
Gebt Acht, gebt Acht! -
Vor dem Pocal -
Ob ihr ihn taumlig macht!
Das ist für ihn so viel,
Wie für die Maid
Der erste Kuß, der ihr für's süße Spiel
Die Lippen weiht.
Er trinkt schon tapfer mit
Und wird schon roth!
Gleich übertritt
Der Knabe ein Gebot.
Paßt auf, er spitzt den Mund!
Gewiß, er thut
Uns seinen letzten Kirschen-Diebstahl kund
Und stralt von Muth.
Wir sind bei'm dritten Glas!
Noch immer still?
Was ist denn das,
Daß er nicht plaudern will?
Kann er schon mehr vertrau'n?
Hat er verzagt
Schon zum Versuche hinter'm Gartenzaun
Den Kuß gewagt?
Wir schenken wieder voll!
Nun winkt er mir!
Was ich wohl soll?
Nur zu! Ich horche dir! -
Er schlich sich heimlich her,
Denn, als er bat,
Verbot die Mutter ihm das Zechen schwer:
Da ist die That!
Balladen und Verwandtes
Balladen und Verwandtes
Liebeszauber
Schwül wird diese Nacht. Am Himmelsbogen
Zieh'n die Wolken dichter sich zusammen,
Breit beglänzt von Wetterleuchtens Flammen
Und von rothen Blitzen scharf durchzogen.
Alles Leben ist in sich verschlossen,
Kaum nur, daß ich mühsam Athem hole;
Selbst im Beete dort die Nachtviole
Hat den süßen Duft noch nicht ergossen.
Jedes Auge wär' schon zugefallen,
Doch die Herzen sind voll Angst und zittern
Vor den zwei sich kreuzenden Gewittern,
Deren Donnergrüße bald erschallen.
Jene Alte schleppt sich zur Kapelle,
Doch sie wird den Heil'gen nicht erblicken,
Eh' die Wolken ihre Blitze schicken,
Betend kauert sie sich auf der Schwelle.
Ist das nicht des Liebchens taube Muhme?
Ja! So will ich hier nicht länger weilen,
Will zu ihr, zu ihrem Fenster eilen,
Und dort lauschen, statt am Heiligthume.
Weiß ich's denn? Kann nicht ein Blitz da zünden?
Kann ich, wenn ich aus der Glut sie rette,
Nicht - o daß er schon gezündet hätte! -
Ihr mein süß Geheimniß endlich künden?
Sieh, da bin ich schon! Bei'm Lampenlichte
Sitzt sie, in die weiße Hand das Köpfchen
Stützend, mit noch aufgeflochtnen Zöpfchen,
Stillen Schmerz im blassen Angesichte.
Horch', der erste Donnerschlag! Es krachen
Thür und Thor! Sie scheint es nicht zu hören!
Wessen denkt sie? Wüßt' ich's, würd' ich schwören:
Heut' noch will ich den Garaus ihm machen.
Sie erlebt sich. Willst du dich entkleiden?
Gute Nacht! Warum? Zur rechten Stunde
Löscht sie selbst das Licht, und giebt dir Kunde:
Mehr ist nicht erlaubt! Dann magst du scheiden!
Was? Sie knüpft ein Tuch um ihre Locken?
Hüllt sich in der Muhme alten Mantel?
Ist sie - Oder stach mich die Tarantel?
Wird sie - Die Besinnung will mir stocken?
Ja, schon knarrt die Thür. Da kommt sie. Nimmer
Würd' ich selbst sie, so vermummt, erkennen,
Hätt' ich nicht - - Die Lampe läßt man brennen,
Daß es scheint, man sei im frommen Zimmer.
Rasch an mir vorbei! Sie ist, wie Alle!
Folg' ich ihr? Ja freilich! Um zu schauen,
Ob man ihr mit braunen oder blauen
Augen - schwarze hab' ich selbst - gefalle.
Waldhorn-Klänge aus dem Jägerhäuschen!
Bei'm Gewitter? O, das ist ein Zeichen!
So ist das der Jüngling sonder Gleichen?
Wohl! Doch nächstens pflücken wir ein Sträußchen.
Und weshalb? Hat sie dir was versprochen?
Nein! Und dennoch muß ich sie verklagen,
Daß sie, ja, so darf, so darf ich sagen,
Einen stillen Bund mit mir gebrochen.
Weiter! Weiter? So vergieb, Geliebte!
Doch wohin? Hier zieht der Wald sich düster,
Und dort wohnt die Alte an der Rüster,
Die in mancher dunklen Kunst geübte.
Gilt es der? Halt ein! Dein Herz muß klopfen!
Rastlos donnert's ja, zur Feuergarbe
Schwillt der Blitz, blutroth wird seine Farbe,
Und noch immer fällt kein milder Tropfen.
Fort! Und fort! Und unter falschen Bäumen,
Die der Blitz - - Ihr näher! daß sie keiner
Treffen kann, der mich verschont, nicht einer!
Schritt auf Schritt ihr nach! Wer würde säumen!
Ist sie nun am Ziel? Da ist die Hütte!
Ja, sie pocht. Man öffnet ihr. Ich spähe
Durch den Ritz. Wer weiß, was ihr geschähe,
Wenn ich nicht - - Ein Kreis! Sie in der Mitte!
Wie sie da steht, fast zum Schnee erbleichend,
Und die Alte, in der Ecke kauernd,
Dreht ein Bild aus Wachs. Sie sieht es schauernd.
Jetzt spricht die zu ihr, das Bild ihr reichend:
Zieh dir nun die Nadel aus den Haaren,
Rufe den Geliebten, laut und deutlich,
Und durchstich dies Bild, dann wirst du bräutlich
Ihn umfangen und ihn dir bewahren.
Schweigt, ihr Donner! Praßle noch nicht, Regen,
Daß ich noch den Einen Laut vernehme,
Ob er auch des Herzens Schlag mir lähme
Und der Pulse feuriges Bewegen!
Wie sie zögert! Wie sie mit Erröthen
In die Locken greift und eine Nadel
Auszieht auf der Alten stummen Tadel
Und noch säumt, als gälte es, zu tödten!
Endlich zückt sie die, und - meine Sinne
Reißen! - ruft - hinein! Zu ihren Füßen! -
Ruft mich selbst mit Worten, stammelnd-süßen,
Als den Einen, den sie heimlich minne! -
Und dem Zagen kommt der Muth, behende
Weicht die Thür. Wer durfte sich erfrechen,
Ruft die Alte, und den Zauber brechen? -
Ohne Furcht! Hier kommt nur, der ihn ende!
Sie entweicht mit holden Schaam-Geberden;
Da umschließt er sie, und Glut und Sehnen
Lös't bei Beiden sich in linden Thränen,
Die der Mensch nur einmal weint auf Erden.
Und so steh'n sie, wechseln keine Küsse,
Still gesättigt und in sich versunken,
Schon berauscht, bevor sie noch getrunken,
In der Ahnung dämmernder Genüsse.
Und auch draußen lös't sich jetzt die Schwüle,
Die zerrißnen Wolken, Regen schwanger,
Schütten ihn herab auf Hain und Anger,
Und hinein zur Hütte dringt die Kühle.
Als nun auch der Regen ausgewüthet,
Wallen sie, die Alte gern verlassend,
Kinderfromm sich an den Händen fassend,
Wieder heim, von Engeln still behütet.
Als sie aber scheiden will, da ziehen
Glühendheiß die Nachtviolendüfte
An ihm hin im sanften Spiel der Lüfte,
Und nun küßt er sie noch im Entfliehen.