Ziel der Sehnsucht
Wenn ich durch die Fluren schweife,
Jene suchend her und hin,
Die mich schlug in goldne Reife,
Der ich ganz zu eigen bin:
Welch ein Wünschen, welch ein Wähnen
Hebt die Seele trunken auf;
In die Wolken trägt das Sehnen,
In die Himmel mich hinauf.
Mit dem Vogel möcht' ich fliegen,
Auf den Sternen möcht' ich stehn,
Mich auf Windesfittich wiegen,
Brausend über Wipfel gehn!
Bis ich komme zu dem Örtchen,
Wo aus Büschen tief heraus
Mit dem beigelehnten Pförtchen
Winkt ihr kleines Hüttenhaus.
Schnell verflogen, schnell zergangen
Sind die Wünsche groß und klein,
Und die Sehnsucht kehrt gefangen
Still ins stille Hüttchen ein.
An die Neugierigen
Von zwei schönen Schwesterrosen
Welche mir im Herzen steht?
Da ihr mich mit leichtem Rosen
Zwischen beiden flattern seht?
Forscht und späht ihr auszufinden?
Spähet nur mit allem Fleiß!
Schwerlich werdet ihr ergründen,
Was ich selber fast nicht weiß.
Der mitleidige Himmel
Nicht täglich darf ich es wohl wagen,
Zu meinen Schwesterlein zu gehn;
Was würden auch die Leute sagen,
Wenn sie mich täglich kommen sähn?
So muß nach jedem Tag der Freuden
Sich einen langen Trauertag
Mein Herzchen an Erinn'rung weiden,
Was es dazu auch sagen mag.
Doch daß es still sein Schicksal trage,
Hilft ihm der Himmel mitleidsvoll
Und macht zu einem Regentage
Den Tag, wo ich nicht gehen soll.
Ist dann der Freudentag gekehret,
Schnell kehret auch der Sonnenschein
Und führt, von Lieb' und Lust verkläret,
Mich nieder zu den Schwesterlein.
Glosse
Sie hat nicht Lust, mich freizulassen,
Noch Lust, auch mich ans Herz zu fassen.
Dem Vogel gleich im Vogelbauer,
Der Tag und Nacht von Liebe singt,
Der, ob's ihr nicht zu Herzen dringt,
Sie doch ergetzt mit seiner Trauer,
Weil oft neugierig ein Beschauer
Sein'twegen stehn bleibt auf den Gassen;
Hat sie nicht Lust, mich freizulassen.
Dem Spiegel gleich, in dessen Glanze
Sie ihre Reize gern beschaut,
Der ihr muß sagen oft und laut,
Unübertrefflich sei das Ganze;
Doch wenn sie eben geht zum Tanze,
Legt sie den Spiegel weg gelassen,
Hat Lust nicht, ihn ans Herz zu fassen.
Gleich einem Stückchen Putz, das eben
Nachlässig aus der Hand ihr fällt,
Wenn sie des Vorrats Must'rung hält;
Sie ist zu stolz, es aufzuheben,
Zu geizig doch, es wegzugeben;
So hat sie mich aus Herz zu fassen
Nicht Lust, noch Lust mich freizulassen.
Winterlied
Die schöne Sommerzeit ist hin,
Der Winter ist nun da;
Wir müssen aus dem Garten fliehn,
Der uns so fröhlich sah.
Der Busch ist kahl und abgelaubt,
Der uns im Schatten barg;
Der alte kalte Nordwind schnaubt
Und macht es gar zu arg.
O Mädchen, komm, so weichen wir
Und räumen ihm das Feld;
Ist nicht, o süßes Mägdlein, dir
Ein Hüttelein bestellt?
Und bleibt mir fortan immer nur
Das Hüttlein aufgethan;
So klag' ich nicht die öde Flur
Und nicht den Winter an.
Fränkisches Volksliedchen
Heut auf die Nacht
Schüttl' ich meine Birn',
Fallen's oder fallen's net.
Heut auf die Nacht
Geh' ich zu meiner Dirn',
Mag sie oder mag sie net.
Die Augensprache
Die seltne Sprachgewandtheit nicht
Besitzt mein Lieb, das junge,
Das mit den Augen fert'ger spricht
Als andre mit der Zunge.
O welch ein reicher Wörterschatz
In diesem offnen Briefe!
Da ist ein Blick ein ganzer Satz
Von unerforschter Tiefe.
Sie haben Liebe blind gemalt,
Man sollte stumm sie malen;
Die Sprache, die dem Aug' entstrahlt,
Ersetzt des Schweigens Qualen.
Das ist die Sprach', in der allein
Die Seligen in Eden,
Die Sprach', in der im Frühlingshain
Sich Blumen unterreden.
Das ist die Sprache, deren Schrift
Im lichten Zug der Sterne,
Geschrieben von der Liebe Stift,
Durchblinkt die ew'ge Ferne.
Die Sprache, vom Verstande nicht,
Nur vom Gefühl verstanden,
Darum in dieser sich bespricht
Die Lieb' in allen Landen.