Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Friedrich Rückert



Erstes Bruchstück. Kritik





Erstes Bruchstück. Kritik





Erstes Bruchstück
Kritik


An unsere Sprache


Reine Jungfrau, ewig schöne,
Geist'ge Mutter deiner Söhne,
Mächtige von Zauberbann,
Du, in der ich leb' und brenne,
Meine Brüder kenn' und nenne
Und dich selber preisen kann!

Da ich aus dem Schlaf erwachte,
Noch nicht wußte, daß ich dachte,
Gabest du mich selber mir,
Ließest mich die Welt erbeuten,
Lehrtest mich die Rätsel deuten
Und mich spielen selbst mit dir.

Spenderin aus reichem Horne,
Schöpferin aus vollem Borne,
Wohnerin im Sternenzelt!
Alle Höhn hast du erflügelt,
Alle Tiefen du entsiegelt
Und durchwandelt alle Welt.

Durch der Eichenwälder Bogen
Bist du brausend hingezogen,
Bis der letzte Wipfel barst;
Durch der Fürstenschlösser Prangen
Bist du klingend hergegangen,
Und noch bist du, die du warst.

Stürme, rausche, lispl' und säusle!
Zimmre, glätte, hau' und meißle,
Schaffe fort mit Schöpfergeist!
Dir läßt gern der Stoff sich zwingen,
Und dir muß der Bau gelingen,
Den kein Zeitstrom niederreißt.

Mach' uns stark an Geisteshänden,
Daß wir sie zum Rechten wenden,
Einzugreifen in die Reih'n.
Viel Gesellen sind gesetzet,
Keiner wird gering geschätzet,
Und wer kann, soll Meister sein.






An die Dichter


Geist genug und Gefühl in hundert einzelnen Liedern
Streu' ich, wie Duft im Wind, oder wie Perlen im Gras.
Hätt' ich in einem Gebild es vereinigen können, ich wär' ein
Ganzer Dichter, ich bin jetzt ein zersplitterter nur.






Naturpoesie


Das Schönste ward gedichtet
Von keines Dichters Mund,
Kein Denkmal ist errichtet,
Kein Marmor thut es kund.
Es hat sich selbst geboren,
Wie eine Blume sprießt
Und wie aus Felsenthoren
Ein Brunnquell sich ergießt.






Calderon und seine Bearbeiter


Calderon mit seiner steifen
Formenpracht kann ich begreifen,
Auch an seinem immer neuen
Farbenschmelz mein Aug' erfreuen,
Selbst Phantome seiner krassen
Kloster-Hofluft gelten lassen.
Aber wer ihn heut noch gelten
Machen will, den muß ich schelten.
Wo er stehn will auf den Brettern,
Wird die Zeit herab ihn schmettern,
Die mit Fürstenknecht und Pfaffen
Künftig nichts mehr hat zu schaffen.






Zu Lessings Denkmal


Jeder Deutsche, wenn er Lessing nennen höret, fühle Stolz;
Der, der Bildung Baum zu pflanzen, ausgereutet faules Holz.
Deutschen Geistes sprödes Erz mit männlicher Begeist'rung schmolz,
Und wohin er immer zielte, stets ins Schwarze schoß den Bolz.

Ihm ein Denkmal zu errichten braucht es nicht, Er hat's gethan;
Aber wie wir ihm verpflichtet uns erkennen, zeig' es an:
Er hat eingeschlagen, die wir wollen gehn, der Forschung Bahn,
Und zum Ziel der Wahrheit, das wir suchen, ging er uns voran.

Er zuerst hat unser Wesen fremder Fessel frei gemacht
Und zu Ehren vor Europas Augen unser Volk gebracht:
Drum, solang in uns Gefühl der Ehre, Mut der Freiheit wacht,
Als Befreiers, Ehrenwächters, sei, o Lessing, dein gedacht.






Goethe


Der euch das Kreuz
Mit Rosen umwunden,
Hat er vor euch
Nicht Gnade gefunden?

Nein, ihr seid stolz,
Am nackten zu hangen.
Laßt mir das Kreuz,
Von Rosen umfangen!






Heldenleben


(Zu Rostem und Suhrab.)

Das ist des alten Heldenlebens Geist,
Daß, wie du immer ihm entfremdet seist,
Du dich ergriffen von der Herrlichkeit,
Erschüttert fühlst, erhoben und geweiht,
Zugleich erkennest, daß, wie frisch und stark,
Es gleichwohl schadhaft sei im innern Mark,
Darum dem Tod verfallen rettungslos,
Doch auch im Untergang so schön und groß,
Daß so zu leben, auch um so zu sterben,
Das schönste scheint, was könn' ein Mensch erwerben.




Zweites Bruchstück. Selbstschau





Zweites Bruchstück
Selbstschau


Zum Anfang


Mache deinem Meister Ehre, o Geselle, baue recht!
Wie das Maß er hat genommen, nimm die Kelle, baue recht!
Nicht um deine Mitgesellen sorge, wie sie mögen baun;
Dafür laß den Meister sorgen, deine Stelle baue recht!
Frage nicht, was mühsam heute deine Hand gefügt, wie bald
Wohl im Sturm der Zeiten wieder es zerschelle, baue recht!
Laß nicht deinen Unmut fragen, welch Bewohners Ungeschmack
Künftig die von dir gebaute Wand entstelle, baue recht!
Gärtner, dem der Grund zum Mörtel und zur Kell' ein Spaten dient,
Rühr' dich, und den Bau der Erde treu bestelle, baue recht!
Bau' die Formen der Gewächse, gründe Pflanzen und vertilg'
Unkraut, daß in Weg dem Kraut es sich nicht stelle, baue recht!
Ordne deine blüh'nden Staaten, freu' dich der Bevölkerung.
Beet' und Pfad' und auch die Leitung jedem Quelle baue recht!
Fischer, dem das Meer zum Acker und zum Pflug ein Nachen dient,
Furche tief das Beet der Fluten, deine Welle baue recht!
Fleug, Weltteile zu verknüpfen, Schiff, und laß den Handel blühn!
Handel, deine Mess' und Bude, Wag' und Elle, baue recht!
Laß vom Recht und von der Liebe, König, dir den Thronsaal baun!
Bau' den Giebel frei und luftig, und die Schwelle baue recht!
Wenn die Eintracht Häuser bauet, die die Zwietracht niederreißt:
Eintracht, komm, nimm unsrer Zwietracht Trümmerfälle, baue recht!
Kleinlich ist der Staaten Fachwerk vor dem ew'gen Bau der Welt:
Komm, Weltweisheit, Weltengeistes Baugeselle, baue recht!
Die Vergangenheit der Schöpfung bau' uns aus den Trümmern auf,
Und die Zukunft der Geschichte baue helle, baue recht!
Löse du die Sprachverwirrung, die den Bau ins Stocken bringt;
Daß Idee den Plan des Meisters her uns stelle, baue recht!
Sichre, stille, ungestörte Architektin, o Natur,
Baue fort nach unbewußtem Kunstmodelle, baue recht!
Bau' die stolzgewölbte Kuppel deines Saals, o Himmel, wo
Mit Musik sich ewig drehen Sphärenbälle, baue recht!
Sonnenbahnen und Milchstraßen, der Planeten Wohnungen,
Die vier Häuser für des Mondes Wechselschnelle, baue recht!
Baue die Korallenriffe und die stille Muschelbank,
Heil'ges Meer, und der kristallnen Grotten Helle baue recht!
O Baumeister an den Flüssen, Biber, daß der Menschenwitz
Von dir lerne, deine Bauten ohne Kelle baue recht!
Eure schwebenden Paläste baut, ihr Vögel, unterm Ast!
Künstlerbiene, die sechseck'ge Honigzelle baue recht!
Bau' die Gruft nach rechtem Maße für der Chrysalide Schlaf,
Raup'! und deine dunklen Flügel, o Libelle, baue recht!
Bau' dich hoch, o Königskerze, brenn' in Blüten still hinan!
Lilie, deines Kronenleuchters Fußgestelle baue recht!
Auf Gerüst der Blätter schwebend, Blume, bau' dein Heiligtum,
Duftverhüllter Liebespaare Brautkapelle baue recht!
Bauet selbst, ihr Balsamstauden, euch zum Opferduftgefäß!
Dich dem Moschus zum Behältnis, o Gazelle, baue recht!
Unbewußte Dichterseele, Nachtigall, o baue dir
Deine Kehle, daß sie lieblich Liebe gelle, baue recht!
Liebe, bau' dein Rohr der Flöten, daß es Sehnsucht atme; bau',
Andacht, deine Orgel, daß sie Himmel schwelle, baue recht!
Frühlingsprediger! Amphion der Natur! daß Herz an Herz
Der Gemeinde, Stein der Kirch' an Stein sich stelle, baue recht!
Bau' die musikal'sche Leiter der Gedanken himmelan,
Freimund! deiner Liederwogen Tongefälle baue recht!

Geist der Liebe, Weltenseele, Vaterohr, das keine
Stimme überhöret der dich lobenden Gemeine!
Eine Reihe Dankgebetes, Lobgesangs ein Faden
Zieht sich hin vom Duft des Morgens zu des Abends Scheine.
Eine Reihe Lobgesanges, Dankgebets ein Faden
Zieht sich hin vom Duft des Abends zu des Morgens Scheine.
Eine Schnur, woran geordnet dir zum Preise hangen
Aller Himmel Sterne, samt den Blüten aller Haine.
Eine Schnur, woran das Meer die Perlen seiner Andacht
Und der Erdgrund reihet seiner Inbrunst Edelsteine.
Gib, daß in das Lobgeweb', das neu die Schöpfung täglich
Dir aus tausend Fäden wirkt, ich wirken dürf' auch meine!
Der du gabest, dich zu loben, eine Stimme jedem
Leben von der lichten Sonne bis zum dunklen Steine!
Gib, daß diese Seele auch durch der Gebetesflammen
Schürung dir die innere Lebendigkeit bescheine!
Laß im Psalmenstrom der Schöpfung, in der Weltenmeere
Großen Hymnenwogen mit hinschwimmen diese kleine!
O Natur, mit deinem Hauche läutere die Seele,
Daß sie wiederhalle rein dein Glockenspiel, das reine!
Gib, daß in den großen Einklang deiner Stimmen jedes
Menschenherz harmonisch schmelze, ob es jauchz', ob weine!
Weltenohr! vor dem gesungen vom Beginn der Zeiten,
Die Jahrhunderte herab, viel Dichter im Vereine:
Ihrer Saiten Widerspruch ist vor dir ausgeglichen;
Ihre hunderttausend Stimmen hörest du als eine.
Laß in deinem Abendwinde Rosen säuseln über
Eines jeden, der dir sang, nun schlummernde Gebeine!
Laß den freien Dichtermund hier deinem Lobe dienen,
Bis in Engelzungen dort sich freier mischet seine!






Dichterselbstlob


Ich bin König eines stillen Volks von Träumen,
Herrscher in der Phantasieen Himmelsräumen.
Kaiserkron' und Königskerze mir zu Füßen
Blühen auf, mich, ihren Oberherrn, zu grüßen.
Um die dunklen Locken farb'ge Wolkenbogen
Sind, ein buntgesteintes Diadem, gezogen.
Alle Frühlingsblumen kommen, vorzutragen
Meinen Ohren ihre ew'gen Liebesklagen.
Alle Bronnen aus der Schöpfung Tiefen brechen,
Von Geheimnissen mit mir sich zu besprechen.
An der Linken trag' ich Salomonis Siegel,
Mit der Rechten heb' ich Dschemschids Weltenspiegel.
Alle Geister sind des Siegels Unterthanen,
Und die Schöpfung schwört zu meinen Sonnenfahnen.
Gegen Nacht und Finsternis in Kampfesschranken
Führ' ich eine Schar von leuchtenden Gedanken.
Kommt und helft, den Himmel auf der Erde stiften,
Helft den Tod mir töten und das Gift entgiften.
Jeden Baum des Lebens soll mein Hauch beblättern,
Und die Schlang' am Stamme soll mein Arm zerschmettern.
Morgenwinde, gehet aus auf allen Pfaden,
Mir zum neuen Paradies die Welt zu laden.
Wer dem Druck der Tyrannei muß draußen weichen,
Eine Freistatt biet' ich ihm in meinen Reichen.
Dort ist Mühsal, Drang, Verfolgung, Not und Kummer;
Hier ist Frieden, Eintracht, Stille, Ruh' und Schlummer.
Ihr Bewohner Dschinnistans, Peris und Dschinnen,
Baut mir hier ein Wunderschloß mit goldnen Zinnen.
Bauet mir den Weltpalast mit vielen Zimmern,
Wo vereint die Herrlichkeit der Welt soll schimmern.
Bauet so viel Zimmer mir als Nationen;
Jede soll mit ihrer Lust in einem wohnen.
Bauet so viel Dächer mir als Himmelszonen;
Jede soll mit ihrer Pracht auf einem thronen.
In der sieben Prunkgemächer Tepp'che wirken
Soll man Wunderwerk' aus sieben Weltbezirken.
Malerei soll Frühlingsglanz an Wänden weben,
In den Nischen sollen Marmorbilder leben.
Und Musik soll mit den ew'gen Sphärentönen
Alle Lebensstimmen der Natur versöhnen.
O ihr Geister, um das Zauberschloß den Garten
Pflanzt mit Bäumen und Gewächsen aller Arten.
Nachtigallen aller Zonen mit den Rosen
Aller Himmel lasset mir zusammen kosen.
O ihr Götter Hindostans, die ihr in Blumen-
Kelchen wohnet, kommt zu euern Heiligtumen!
Ihr, gewebt aus Mondesstrahlen, Sylph- und Elfen,
Sollet auch mir meinen Park bevölkern helfen.
O ihr dem Olymp entstürzten Griechengötter,
Rettet her zu mir euch gegen eure Spötter.
Bau' die Mauern meines Gartens, o Amphion!
Die Delphine meiner Fluten zügl', Arion!
Zähme meines Haines Wild mit Saiten, Orpheus!
Und die Scharen meines Traumvolks führ', o Morpheus!






Einkehr


Wer durchs Lebensmeer gesucht
Und ein Gut gefunden,
Flüchte sich zur stillen Bucht,
Weitrer Fahrt entbunden.

Eh' erschlafft die Segel sind,
Kann der Wind nicht rasten;
Immer lockt der Hoffnung Wind
Unversuchte Masten.

Drüben wo die goldne Frucht
Reift der Hesperiden;
Eh' auch du das Land gesucht,
Hast du heim nicht Frieden.

Nicht den Zaubergarten wirst
Finden du, den fernen,
Aber ihm, indem du irrst,
Zu entsagen lernen.

Gib dem Herzen, was es will,
Laß die Welt es lehren,
Daß kein Heil ihm bleibt, als still
In sich einzukehren.

Wer ein Leben hat gelebt,
Mag sich wohl verschließen;
Aus der Welt, die er begräbt,
Wird sein Himmel sprießen.


Doch, Freimund, höre, was jener spricht:
Die deutsche Sprache verstehst du nicht. -
Still, Herz, mit deinem Pochen!
Ob dieses deutsch ist, was ich sprach,
Ich weiß es nicht, ich sprach nur nach,
Was Engel zu mir gesprochen.