Weltpoesie
Was vor Jahrtausenden gerauscht
Im Wipfel ind'scher Palmen,
Wie wird es heut von dir erlauscht
Im Strohdach nord'scher Halmen!
Ein Palmenblatt, vom Sturm verweht,
Ward hergeführt von Schiffern,
Und seinen heil'gen Schriftzug, seht,
Ihn lernt' ich zu entziffern.
Darein ist ganz mein Geist versenkt,
Der, ohne zu beachten,
Was hier die Menschen thun, nur denkt,
Was dort die Menschen dachten.
Und so, wiewohl das Alte stärkt,
Das Neue zu verstehen,
Wird doch viel Neues unbemerkt
An mir vorübergehen.
Bemerken werden die es schon,
Die laut am Markte walten,
Vom Volk beklatscht; ein stiller Lohn
Ist mir doch vorbehalten.
Daß über ihrer Bildung Gang
Die Menschheit sich verständ'ge,
Dazu wirkt jeder Urweltsklang,
Den ich verdeutschend bänd'ge.
Großes aus Kleinem
Du sagest mir: »O nicht zersplittre
In Lieder dich! web' ein Gedicht!«
Ich aber sage dir: Verbittre
Mir die unschuld'ge Freude nicht!
Sieh hin, wie auf der Aue
Der Sonne Licht sich bricht
In jedem Tropfen Taue!
Wenn ich mich kann in Tropfen spiegeln,
Was soll ich Teiche legen an?
Und Meere stürmisch aufzuwiegeln,
Scheint vollends mir nicht wohlgethan.
Mir gnügt's am leisen Klange,
Den ich gewann zum Bann
Jedwedem Herzensdrange.
Ein Teppich scheinet mir mein Leben,
Und immer sticket meine Hand;
An welcher Stell' ich auch mag weben,
Am obern oder untern Rand;
Zuletzt, wo so viel Kleinstes
Sich still verband, entstand
Ein Großes, Allgemeinstes.
Goethe und die Dichtung
Reinem Meister ahmt' ich nach,
Ob es auch der größte wäre;
Seinen Lauf hat jeder Bach,
Jeder Strom hat seine Sphäre;
Aber einen muß ich nennen,
Ihn als Leitstern anerkennen!
Goethe! Wie auf eigner Bahn
Ich durchs Meer mich umgetrieben,
Immer ist als Tramontan'
Er im Auge mir geblieben;
Und wenn er soll untergehn,
Wird er mir im Herzen stehn.
Daß nicht alt und junge Neider
(Himmel, dies Gezücht veredle!)
Mich verschrein als Hungerleider,
Der um einen Brocken wedle;
Lob' ich einen toten Mann,
Der mir keinen geben kann.
Stand ich je in seinem Schutz?
Hat er mich gelobt, genannt?
Mich gehoben, anerkannt?
Lob' ich ihn aus Eigennutz?
Dennoch ja! ich weiß und sehe,
Daß ich mit ihm fall' und stehe.
Wird je der Beruf des Schönen
Buße predigen statt schildern
Und zerreißen statt versöhnen
Und verwildern statt zu mildern,
Statt zu singen dumpf zu winseln,
Statt zu malen grell zu pinseln;
Siegt das Abenteuerliche
Über das Gebührliche
Und das Ungeheuerliche
Über das Natürliche:
Dann wird Goethe nicht mehr sein,
Und wir andern gehn mit drein.
Der Schenkwirt und seine Gäste
Zur Rede ward ich jüngst gestellt
Von meinem Freund, dem alten,
Versprochen habe mehr der Welt
Mein Dichten als gehalten.
Den Vorwurf hab' ich umgestellt,
Erwidernd meinem Alten:
Ich habe mehr mir von der Welt
Versprochen als erhalten.
Beim Wirte lag ein guter Wein
Im Keller aufgehoben;
Und sprächen nun die Gäste ein,
So würden sie ihn loben.
Der Wein ist gut, der Keller schützt
Ihm wohl der Güte Dauer;
Doch wenn ihn gar kein Gast benützt,
Wird er am Ende sauer.
Wenn einer nun zuletzt spricht ein
Und muß was Herbes schmecken,
Wird er den armen Wirt verschrein
An allen Straßenecken.
Der Wirt verliert nicht die Geduld,
Sonst spräch' er: »Junge Laffen!
Wer hat, ihr oder ich, die Schuld,
Daß ich nichts Neu's kann schaffen?
Hätt' Altes man mir weggeschafft
Mit häufig zeit'gem Dargang,
So hätt' ich Vorrat nachgeschafft
Vom neusten besten Jahrgang.«