Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Friedrich Schiller



Xenien





Xenien





Xenien


Triste supercilium, durique severa Catonis
Frons et aratoris filia Fabricii
Et personati fastus et regula morum,
Quidquid et in tenebris non sumus, ite foras.


Der ästhetische Torschreiber


»Halt, Passagiere! Wer seid ihr, Wes Standes und Charakteres?
Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir gezeigt.«






Xenien


Distichen sind wir. Wir geben uns nicht für mehr noch für minder.
Sperre du immer, wir ziehn über den Schlagbaum hinweg.






Visitator


»Öffnet die Koffers! Ihr habt doch nichts Kontrebandes geladen?
Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von französischem Gut?«






Xenien


Koffers führen wir nicht. Wir führen nicht mehr, als zwei Taschen
Tragen, und die, wie bekannt, sind bei Poeten nicht schwer.






Der Mann mit dem Klingelbeutel


»Messieurs! Es ist der Gebrauch: wer diese Straße bereiset,
Legt für die Dummen was, für die Gebrechlichen ein.«






Helf Gott!


Das verwünschte Gebettel! Es haben die vorderen Kutschen
Reichlich für uns mit bezahlt. Geben nichts. Kutscher, fahr zu!






Der Glückstopf


Hier ist Messe, geschwind, packt aus und schmücket die Bude,
Kommt, Autoren, und zieht, jeder versuche sein Glück!




Die Kunden


»Wenige Treffer sind gewöhnlich in solchen Butiken,
Doch die Hoffnung treibt frisch und die Neugier herbei.«







Das Widerwärtige


Dichter und Liebende schenken sich selbst, doch Speise voll Ekel!
Dringt die gemeine Natur sich zum Genusse dir auf!






Das Desideratum


Hättest du Phantasie und Witz und Empfindung und Urteil,
Wahrlich, dir fehlte nicht viel, Wieland und Lessing zu sein!






An einen gewissen moralischen Dichter


Ja, der Mensch ist ein ärmlicher Wicht, ich weiß - doch das wollt ich
Eben vergessen und kam, ach wie gereut michs, zu dir.






Das Verbindungsmittel


Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen
Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischenhinein.






Für Töchter edler Herkunft


Töchtern edler Geburt ist dieses Werk zu empfehlen,
Um zu Töchtern der Lust schnell sich befördert zu sehn.






Der Kunstgriff


Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen?
Malet die Wollust - nur malet den Teufel dazu.






Der Teleolog


Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer, der gnädig,
Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die Stöpsel erfand!






Der Antiquar


Was ein christliches Auge nur sieht, erblick ich im Marmor:
Zeus und sein ganzes Geschlecht grämt sich und fürchtet den Tod.




Der Kenner


Alte Vasen und Urnen! Das Zeug wohl könnt ich entbehren;
Doch ein Majolikatopf machte mich glücklich und reich.






Erreurs et Verité


Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote, von Wandsbeck;
Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest du fort!






H.S.


Auf das empfindsame Volk hab ich nie was gehalten, es werden,
Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.






Der Prophet


Schade, daß die Natur nur einen Menschen aus dir schuf,
Denn zum würdigen Mann war und zum Schelmen der Stoff.






Das Amalgama


Alles mischt die Natur so einzig und innig, doch hat sie
Edel- und Schalksinn hier, ach! nur zu innig vermischt.






Der erhabene Stoff


Deine Muse besingt, wie Gott sich der Menschen erbarmte,
Aber ist das Poesie, daß er erbärmlich sie fand?






Belsazer ein Drama


König Belsazer schmaust in dem ersten Akte, der König
Schmaust in dem zweiten, es schmaust fort bis zu Ende der Fürst.






Gewisse Romanhelden


Ohne das mindeste nur dem Pedanten zu nehmen, erschufst du,
Künstler wie keiner mehr ist, einen vollendeten Geck.






Pfarrer Cyllenius


Still doch von deinen Pastoren und ihrem Zofenfranzösisch,
Auch von den Zofen nichts mehr mit dem Pastorenlatein!




Jamben


Jambe nennt man das Tier mit einem kurzen und langen
Fuß, und so nennst du mit Recht Jamben das hinkende Werk.






Neuste Schule


Ehmals hatte man einen Geschmack. Nun gibt es Geschmäcke,
Aber sagt mir, wo sitzt dieser Geschmäcke Geschmack?






An deutsche Baulustige


Kamtschadalisch lehrt man euch bald die Zimmer verzieren,
Und doch ist manches bei euch schon kamtschadalisch genug.






Affiche


Stille kneteten wir Salpeter, Kohlen und Schwefel,
Bohrten Röhren, gefall nun auch das Feuerwerk euch!






Zur Abwechslung


Einige steigen als leuchtende Kugeln, und andere zünden,
Manche auch werfen wir nur spielend, das Aug zu erfreun.






Der Zeitpunkt


Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,
Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.






Goldnes Zeitalter


Ob die Menschen im ganzen sich bessern; Ich glaub es, denn einzeln -
Suche man, wie man auch will - sieht man doch gar nichts davon.






Manso von den Grazien


Hexen lassen sich wohl durch schlechte Sprüche zitieren,
Aber die Grazie kommt nur auf der Grazie Ruf.






Tassos Jerusalem, von demselben


Ein asphaltischer Sumpf bezeichnet hier noch die Stätte,
Wo Jerusalem stand, das uns Torquato besang.




Die Kunst zu lieben


Auch zum Lieben bedarfst du der Kunst? Unglücklicher Manso,
Daß die Natur auch nichts, gar nichts für dich noch getan!






Der Schulmeister zu Breslau


In langweiligen Versen und abgeschmackten Gedanken
Lehrt ein Präzeptor uns hier, wie man gefällt und verführt.






Amor als Schulkollege


Was das entsetzlichste sei von allen entsetzlichen Dingen?
Ein Pedant, den es jückt, locker und lose zu sein.






Der zweite Ovid


Armer Naso, hättest du doch wie Manso geschrieben,
Nimmer, du guter Gesell, hättest du Tomi gesehn.






Das Unverzeihliche


Alles kann mißlingen, wir könnens ertragen, vergeben;
Nur nicht, was sich bestrebt, reizend und lieblich zu sein.






Prosaische Reimer


Wieland, wie reich ist dein Geist! Das kann man nun erst empfinden,
Sieht man, wie fad und wie leer dein caput mortuum ist.






Jean Paul Richter


Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate wie jener
Seine Armut, du wärst unsrer Bewunderung wert.






An seinen Lobredner


Meinst du, er werde größer, wenn du die Schultern ihm leihest?
Er bleibt klein wie zuvor, du hast den Höcker davon.






Feindlicher Einfall


Fort ins Land der Philister, ihr Füchse mit brennenden Schwänzen,
Und verderbet der Herrn reife papierene Saat!




Nekrolog


Unter allen, die von uns berichten, bist du mir der liebste,
Wer sich lieset in dir, liest dich zum Glücke nicht mehr.






Bibliothek schöner Wissenschaften


Jahrelang schöpfen wir schon in das Sieb und brüten den Stein aus,
Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht voll.






Dieselbe


Invaliden Poeten ist dieser Spittel gestiftet,
Gicht und Wassersucht wird hier von der Schwindsucht gepflegt.






Die neuesten Geschmacksrichter


Dichter, ihr Armen, was müßt ihr nicht alles hören, damit nur
Sein Exerzitium schnell lese gedruckt der Student!






An Schwätzer und Schmierer


Treibet das Handwerk nur fort, wir könnens euch freilich nicht legen,
Aber ruhig, das glaubt, treibt ihr es künftig nicht mehr.






Guerre ouverte


Lange neckt ihr uns schon, doch immer heimlich und tückisch,
Krieg verlangtet ihr ja, führt ihn nun offen, den Krieg!






An gewisse Kollegen


Mögt ihr die schlechten Regenten mit strengen Worten verfolgen,
Aber schmeichelt doch auch schlechten Autoren nicht mehr!






An die Herren N.O.P.


Euch bedaur ich am meisten, ihr wähltet gerne das Gute,
Aber euch hat die Natur gänzlich das Urteil versagt.






Der Kommissarius des Jüngsten Gerichts


Nach Kalabrien reist er, das Arsenal zu besehen,
Wo man die Artillerie gießt zu dem Jüngsten Gericht.






Kant und seine Ausleger


Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung
Setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.




J-b


Steil wohl ist er, der Weg zur Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,
Aber wir legen ihn doch nicht gern auf Eseln zurück.






Die Stockblinden


Blinde, weiß ich wohl, fühlen und Taube sehen viel schärfer,
Aber mit welchem Organ philosophiert denn das Volk?






Analytiker


Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die Häute nur abschält?
Was ihr hinein nicht gelegt, ziehet ihr nimmer heraus.






Der Geist und der Buchstabe


Lange kann man mit Marken, mit Rechenpfennigen zahlen,
Endlich, es hilft nichts, ihr Herrn, muß man den Beutel doch ziehn.






Wissenschaftliches Genie


Wird der Poet nur geboren? Der Philosoph wirds nicht minder,
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet, geschaut.






Die bornierten Köpfe


Etwas nützet ihr doch: die Vernunft vergißt des Verstandes
Schranken so gern, und die stellet ihr redlich uns dar.






Bedientenpflicht


Rein zuerst sei das Haus, in welchem die Königin einzieht;
Frisch denn, die Stuben gefegt! Dafür, ihr Herrn, seid ihr da.






Ungebühr


Aber, erscheint sie selbst, hinaus vor die Türe, Gesinde!
Auf den Sessel der Frau pflanze die Magd sich nicht hin.






Wissenschaft


Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern
Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.




An Kant


Vornehm nennst du den Ton der neuen Propheten? Ganz richtig,
Vornehm philosophiert heißt wie Rotüre gedacht.






Der kurzweilige Philosoph


Eine spaßhafte Weisheit doziert hier ein lustiger Doktor,
Bloß dem Namen nach Ernst, und in dem lustigsten Saal.






Verfehlter Beruf


Schade, daß ein Talent hier auf dem Katheder verhallet,
Das auf höherm Gerüst hätte zu glänzen verdient.






Das philosophische Gespräch


Einer, das höret man wohl, spricht nach dem andern, doch keiner
Mit dem andern; wer nennt zwei Monologen Gespräch?






Das Privilegium


Dichter und Kinder, man gibt sich mit beiden nur ab, um zu spielen.
Nun, so erboset euch nicht, wird euch die Jugend zu laut.






Literarischer Zodiakus


Jetzo, ihr Distichen, nehmt euch zusammen, es tut sich der Tierkreis
Grauend euch auf; mir nach, Kinder! wir müssen hindurch.






Zeichen des Widders


Auf den Widder stoßt ihr zunächst, den Führer der Schafe,
Aus dem Dykischen Pferch springet er trotzig hervor.






Zeichen des Stiers


Nebenan gleich empfängt euch sein Namensbruder; mit stumpfen
Hörnern, weicht ihr nicht aus, stößt euch der Hallische Ochs.






Zeichen des Fuhrmanns


Alsobald knallet in G** des Reiches würdiger Schwager,
Zwar er nimmt euch nicht mit, aber er fährt doch vorbei.




Zeichen der Zwillinge


Kommt ihr den Zwillingen nah, so sprecht nur: Gelobet sei J -
C -! »In Ewigkeit« gibt man zum Gruß euch zurück.






Zeichen des Bärs


Nächst daran strecket der Bär zu K** die bleiernen Tatzen
Gegen euch aus, doch er fängt euch nur die Fliegen vom Kleid.






Zeichen des Krebses


Geht mir dem Krebs in B*** aus dem Weg! Manch lyrisches Blümchen,
Schwellend in üppigem Wuchs, kneipte die Schere zu Tod.






Zeichen des Löwen


Jetzo nehmt euch in acht vor dem wackern Eutinischen Leuen,
Daß er mit griechischem Zahn euch nicht verwunde den Fuß.






Zeichen der Jungfrau


Bücket euch, wie sichs geziemt, vor der zierlichen Jungfrau zu Weimar,
Schmollt sie auch oft - wer verzeiht Launen der Grazie nicht?






Zeichen des Raben


Vor dem Raben nur sehet euch vor, der hinter ihr krächzet,
Das nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur.






Locken der Berenice


Sehet auch, wie ihr in S*** den groben Fäusten entschlüpfet,
Die Berenices Haar striegeln mit eisernem Kamm.






Zeichen der Waage


Jetzo wäre der Ort, daß ihr die Waage beträtet,
Aber dies Zeichen ward längst schon am Himmel vermißt.






Zeichen des Skorpions


Aber nun kommt ein böses Insekt aus G - b - n her,
Schmeichelnd naht es, ihr habt, flieht ihr nicht eilig, den Stich.




Ophiuchus


Drohend hält euch die Schlang jetzt Ophiuchus entgegen,
Fürchtet sie nicht! es ist nur der getrocknete Balg.






Zeichen des Schützen


Seid ihr da glücklich vorbei, so naht euch dem zielenden Hofrat
Schütz nur getrost, er liebt und er versteht auch den Spaß.






Gans


Laßt sodann ruhig die Gans in L*** g und G** a gagagen!
Die beißt keinen, es quält nur ihr Geschnatter das Ohr.






Zeichen des Steinbocks


Im Vorbeigehn stutzt mir den alten Berlinischen Steinbock,
Das verdrießt ihn, so gibts etwas zu lachen fürs Volk.






Zeichen des Pegasus


Aber seht ihr in B**** den Grad ad Parnassum, so bittet
Höflich ihm ab, daß ihr euch eigene Wege gewählt.






Zeichen des Wassermanns


Übrigens haltet euch ja von dem Dr*** r Wassermann ferne,
Daß er nicht über euch her gieße den Elbestrom aus!






Eridanus


An des Eridanus Ufern umgeht mir die furchtbare Waschfrau,
Welche die Sprache des Teut säubert mit Lauge und Sand.






Fische


Seht ihr in Leipzig die Fischlein, die sich in Sulzers Zisterne
Regen, so fangt euch zur Lust einige Grundeln heraus.






Der fliegende Fisch


Neckt euch in Breslau der fliegende Fisch, etwartets geduldig:
In sein wäßrigtes Reich zieht ihn Neptun bald hinab.







Glück auf den Weg


Manche Gefahren umringen euch noch, ich hab sie verschwiegen,
Aber wir werden uns noch aller erinnern - nur zu!






Die Aufgabe


Wem die Verse gehören? Ihr werdet es schwerlich erraten.
Sondert, wenn ihr nun könnt, o Chorizonten, auch hier!






Wohlfeile Achtung


Selten erhaben und groß und selten würdig der Liebe,
Lebt er doch immer, der Mensch, und wird geehrt und geliebt.






Revolutionen


Was das Luthertum war, ist jetzt das Franztum in diesen
Letzten Tagen, es drängt ruhige Bildung zurück.






Parteigeist


Wo Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und drüben,
Viele Jahre vergehn, eh sie die Mitte vereint.






Das Deutsche Reich


Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.






Deutscher Nationalcharakter


Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.







Die Flüsse





Die Flüsse


Rhein


Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach ich Germaniens Grenze,
Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.




Rhein und Mosel


Schon so lang umarm ich die lotharingische Jungfrau,
Aber noch hat kein Sohn unsre Umarmung erfreut!






Donau in B**


Bacchus der lustige führt mich und Komus der fette durch reiche
Triften, aber verschämt bleibet die Charis zurück.