Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Gottfried August Bürger



Erstes Buch. Lyrische Gedichte





Die Menagerie der Götter


Wie hier an Affen, Papagei'n,
An Kakadu und Raben
Hofherrn und Damen insgemein
Ihr träges Mütchen laben:

So hegt auch mancher Gott sein Tier,
Selbst in der Himmelsstube.
Zeus dahlt mit seinem Adler schier,
Wie ein Quintanerbube.

Der darf in Kabinett und Saal,
Auf Stuhl und Tafel springen,
Und keck ein ganzes Göttermahl
Ambrosia verschlingen.

Allein, wer so viel frißt, der muß,
Mit Gunst! auch viel hofieren.
D'rum möchte Juno, voll Verdruß,
Ihm oft den Steiß verschnüren.

Dagegen kann ihr Pfauenpaar
Sie desto baß erfreuen;
Doch schmälet Zeus, und dies ist wahr,
Daß sie abscheulich schreien.

Mit Täubchen kürzt an ihrem Platz'
Sich Cypria die Stunden.
Ihr Por läßt flattern einen Spatz,
An langen Zwirn gebunden.

Minerva kömmt durch ihre Gunst
Noch dem Olymp zu statten:
Denn ihre Eule fängt mit Kunst
Die Himmelsmäus' und Ratten.

Apoll hält solchen Tand für schwach,
Nährt sich vier stolze Schimmel,
Und galoppieret, Tag für Tag,
Eins durch den weiten Himmel.

Auch, sagt man, hält er einen Schwan,
Des wunderbarer Schnabel
Trotz Roms Kastraten singen kann;
Doch halt' ich dies für Fabel.

Lyäus läßt den Wagen gar
Von zahmen Tigern führen,
Und ohne Sorge vor Gefahr,
Sich durch die Welt kutschieren.

Vor Plutons schwarzer Pforte bellt,
Der größte Bullenbeißer,
Und macht die Qual der Unterwelt,
Durch sein Geheul noch heißer. -

Vor allen Tieren, groß und klein,
Die sich bei Göttern mästen,
Behagt Silenus Eselein
Noch meinem Sinn' am besten.

Das ist fürwahr! ein feines Vieh,
Von sondrer Zucht und Ehren,
Und läßt von vorn und hinten nie
Was Unverschämtes hören.

Mit sich und seinem Herrn vergnügt,
Geduldig allerwegen,
Nimmt es vorlieb, so wie sich's fügt,
Mit Marzipan und Schlägen.

Zum Keller weiß es hin und her
Den Weg von selbst zu finden;
Auch braucht man gar nicht drüber her
Den Reiter fest zu binden.

Piano klimmt's den Berg hinan,
Piano tritt's bergunter,
Und wirft den trunknen Ehrenmann
Kein einzigmal herunter.

So einen Esel wünscht' ich mir! -
Silen, wirst du einst sterben;
So laß mich dies bequeme Tier,
Laß, Vater, laß mich's erben!






Das neue Leben


Eia! Wie so wach und froh,
Froh und wach sind meine Sinnen!
O vor welcher Sonne floh
Meines Lebens Nacht von hinnen?
Wie so holden Gruß entbot
Mir das neue Morgenrot!

Mein erheitertes Gesicht
Siehet Paradiese blühen.
Welche Töne! Hör' ich nicht
Aller Himmel Melodieen?
O wie süß erfüllt die Luft
Edens Amarantenduft!

Weingott, bist du mir so nah,
Mir so nah bei jedem Mahle?
Füllst du mit Ambrosia
Und mit Nektar jede Schale?
Geber der Ambrosia
Und des Nektars, mir so nah?

Liebe, deine Wunderkraft
Hat mein Leben neu geboren,
Hat zum Glück der Götterschaft
Mich hienieden schon erkoren.
Ohne Wandel! ewig so!
Ewig jung und ewig froh!






Trautel


Mein Trautel hält mich für und für
In festen Liebesbanden;
Bin immer um und neben ihr;
Sie läßt mich nicht abhanden.
Ich darf nicht weiter, als das Band,
Woran sie mich gebunden.
Sie gängelt mich an ihrer Hand
Wohl Tag für Tag zwölf Stunden.

Mein Trautel hält mich für und für
In ihrer stillen Klause.
Darf nie zum Tanz', als nur mit ihr,
Nie ohne sie zum Schmause.
Und ich bin gar ein guter Mann,
Der sie nur sieht und höret,
Und aus den Augen lesen kann,
Was sie befiehlt und wehret.

Ich, Trautel, bin wohl recht für dich,
Und du für mich geboren.
O Trautel, ohne dich und mich,
Sind ich und du verloren. -
Wann einst des Todes Sense klirrt,
Und mähet mich von hinnen,
Ach! lieber, lieber Gott! Was wird
Mein Trautel doch beginnen?