Schwanenlied
Mir thut's so weh im Herzen!
Ich bin so matt und krank!
Ich schlafe nicht vor Schmerzen;
Mag Speise nicht und Trank;
Seh' alles sich entfärben,
Was Schönes mir geblüht.
Ach, Liebchen, will nur sterben!
Dies ist mein Schwanenlied.
Du wärst mir zwar ein Becher,
Von Heilungslabsal voll. -
Nur - daß ich armer Lecher
Nicht ganz ihn trinken soll!
Ihn, welcher so viel Süßes,
So tausend Süßes hat! -
Doch - hätt' ich des Genießes,
Nie hätt' ich dennoch satt.
D'rum laß mich, vor den Wehen
Der ungestillten Lust,
Zerschmelzen und vergehen,
Vergehn an deiner Brust!
Aus deinem süßen Munde
Laß saugen süßen Tod!
Denn, Herzchen, ich gesunde
Sonst nie von meiner Not!
Die Umarmung
Wie um ihren Stab die Rebe
Brünstig ihre Ranke strickt,
Wie der Epheu sein Gewebe
An der Ulme Busen drückt,
Wie ein Taubenpaar sich schnäbelt,
Und auf ausgeforschtem Nest,
Von der Liebe Rausch umnebelt,
Haschen sich und würgen läßt:
Dürft' ich so dich rund umfangen!
Dürftest du, Geliebte, mich! -
Dürften so zusammenhangen
Unsre Lippen ewiglich! -
Dann, von keines Fürsten Mahle,
Nicht von seines Gartens Frucht,
Noch des Rebengottes Schale,
Würde dann mein Gaum versucht.
Sterben wollt' ich im Genusse,
Wie ihn deine Lippe beut,
Sterben in dem langen Kusse
Wollustvoller Trunkenheit. -
Komm, o komm, und laß uns sterben!
Mir entlodert schon der Geist.
Fluch vermachet sei dem Erben,
Der uns von einander reißt!
Unter Myrten, wo wir fallen,
Bleib' uns Eine Gruft bevor!
Unsre Seelen aber wallen
In vereintem Hauch' empor,
In die seligen Gefilde,
Voller Wohlgeruch und Pracht,
Denen stete Frühlingsmilde
Vom entwölkten Himmel lacht;
Wo die Bäume schöner blühen,
Wo die Quellen, wo der Wind,
Und der Vögel Melodieen
Lieblicher und reiner sind;
Wo das Auge des Betrübten
Seine Thränen ausgeweint,
Und Geliebte mit Geliebten
Ewig das Geschick vereint;
Wo nun Phaon, voll Bedauren,
Seiner Sappho sich erbarmt;
Wo Petrarca ruhig Lauren
An der reinsten Quell' umarmt;
Und auf rundumschirmten Wiesen,
Nicht vom Argwohn mehr gestört,
Glücklicher bei Heloisen
Abälard die Liebe lehrt. -
O des Himmels voller Freuden,
Den ich da schon offen sah! -
Komm! Von hinnen laß uns scheiden!
Eia! wären wir schon da! -
Die Elemente
Horch! Hohe Dinge lehr' ich dich:
Vier Elemente gatten sich;
Sie gatten sich, wie Mann und Weib,
Voll Liebesglut in einen Leib.
Der Gott der Liebe rief: Es werde!
Da ward Luft, Feuer, Wasser, Erde.
Des Feuers Quell, die Sonne, brennt
Am blauen Himmelsfirmament.
Sie strahlet Wärme, Tagesschein;
Sie reifet Korn und Obst und Wein;
Macht alles Lebens Säfte kochen,
Und seine Pulse rascher pochen.
Sie hüllt den Mond in stillen Glanz,
Und flicht ihm einen Sternenkranz.
Was leuchtet vor dem Wandrer her?
Was führt den Schiffer, durch das Meer,
Viel tausend Meilen in die Ferne?
Ihm leuchten Sonne, Mond und Sterne.
Die Luft umfängt den Erdenball,
Weht hie und dort, weht überall;
Ist Lebenshauch aus Gottes Mund,
Durchwandelt gar das Erdenrund,
Wo sie durch alle Höhlung webet,
Und selbst des Würmchens Lunge hebet.
Das Wasser braust durch Wald und Feld.
In tausend Arme nimmt's die Welt.
Wie Gottes Odem, dringt es auch
Tief durch der Erde finstern Bauch.
Die Wesen schmachteten und sänken,
Wo sie nicht seines Lebens tränken.
Drei Bräutigamen hat, als Braut,
Gott seine Erde angetraut.
Wann Luft und Wasser sie umarmt,
Und von der Sonn' ihr Schoß erwarmt,
Dann wird ihr Schoß, zu allen Stunden,
Von Kindern jeder Art entbunden.
All' ihre Kindlein hegt und pflegt
Sie, an ihr liebend Herz gelegt.
Sie ist die beste Mutter sie;
Sie säuget spät, sie säuget früh.
Kein Kindlein, so ihr Schoß geboren,
Geht ihrem Schoße je verloren.
Sieh hin und her! Sieh rund um dich!
Die Elemente lieben sich;
Sie gatten sich in Himmelsglut;
Je Eins dem Andern Liebes thut.
Aus solchem Liebestrieb' empfangen,
Bist du, o Mensch, hervorgegangen.
Nun prüfe dich, nun sage mir:
Glüht noch des Ursprungs Glut in dir?
Erhellt, wie Sonne, dein Verstand,
Erhellt er Haus und Stadt und Land?
Entlodert, gleich den Himmelskerzen,
Noch Liebeslohe deinem Herzen?
Und deine Zunge stimmet sie
Zur allgemeinen Harmonie?
Ist deine Rede, dein Gesang
Der Herzensliebe Wiederklang?
Entweht dir Frieden, Freude, Segen,
Wie Maienluft und Frühlingsregen?
Hält unzerrissen deine Hand,
Das heilige Verlobungsband?
Reicht sie dem Nächsten in der Not
Von deinem Trank, von deinem Brot?
Und seinen nackenden Gebeinen
Von deiner Wolle, deinem Leinen? -
O du! O du! der das nicht kann,
Du Bastard du! was bist du dann? -
Und wärst du mächtig, schön und reich,
Dem Salomo an Weisheit gleich,
Und hättest gar mit Engelzungen
Zur Welt geredet und gesungen,
Du Bastard, der nicht lieben kann!
Was bist du ohne Liebe dann? -
Ein toter Klumpen ist dein Herz;
Du bist ein eiteltönend Erz;
Bist leerer Klingklang einer Schelle,
Und Tosen einer Wasserwelle.