Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Gotthold Ephraim Lessing



Sinngedichte (Nachlese)





Sinngedichte (Nachlese)





An den Herrn R.


Es freuet mich, mein Herr, daß Ihr ein Dichter seid.
Doch seid Ihr sonst nichts mehr, mein Herr? Das ist mir leid.






Auf einen bekannten Dichter


Den nennt der Dichter Mars, und die nennt er Cythere;
Hier kommen Grazien, hier Musen ihm die Quere.
Apoll, Minerva, Zeus verschönern was er spricht;
Wen er zum Gott nicht macht, den lobt er lieber nicht.
Ihr, die ihr ihn der Welt verachtungswert gewiesen,
Trotz allen Tugenden, die er verstellt gepriesen;
Wenn er die Götter all auf fertger Zunge trägt,
Was wunderts euch, daß er im Herzen keinen hegt?






Der Zwang


Ich habe keinen Stoff zum Lachen,
Und soll ein Sinngedichte machen.
Doch wahrlich, Stoffs genug zum Lachen,
Ich soll ein Sinngedichte machen.






Auf das Heldengedichte Herrmann


Dem Dichter, welcher uns den Herrmann hergesungen,
Ist wahrlich, G** sagts, ein Meisterstück gelungen.
Und ich, ich sag es auch. Wir müssen es verstehn.
Nur wünscht ich vom Geschick, noch eins von ihm zu sehn.
Und was? Ein Trauerspiel. Ein Trauerspiel? Wovon?
Wenn mein Rat etwas gilt, so seis vom Phaeton.






Gespräch


X.

Soll ich vergebens flehn,
Und keinen Brief von dir in Versen sehn?
Du schenkst ja wohl an Schlechtre deine Lieder.

L.

L. Nun wohl, das nächstemal will ich in Versen schreiben.

X.

Topp! und ich schreibe dir gewiß in Versen wieder.

L.

So? Großen Dank! Nun laß ichs bleiben.






Turan


Die Knabenliebe log dem redlichen Turan
Der ungerechte Pöbel an.
Die Lügen zu bestrafen,
Was konnt er anders tun, als bei der Schwester schlafen?






Sertor


Sagt nicht, daß seiner Frau, dem Inventar der Zeit,
Sertor den Tod gewünscht. Was sonst? Die Ewigkeit.






An den Dorilas


Sagt nicht, daß Dorilas sich schämt, mit mir zu gehen.
Sein Rock ists, der sich schämt, bei meinem sich zu sehen.






Auf die Thestylis


Die schiele Thestylis hat Augen in dem Kopfe,
So hat ein Luchs sie nicht.
Glaubt ihr, sie sieht euch ins Gesicht,
So sieht sie nach dem Hosenknopfe.






Auf den Sophron


Damit er einst was kann von seinen Eltern erben;
So lassen sie ihn jetzt vor Hunger weislich sterben.






Nachahmung des 84ten Sinngedichts
im 3ten Buche des Martials


Was macht dein Weib? Das heißt im mystischen Verstand,
Wenn man es Staxen fragt: Stax, was macht deine Hand?






Auf das Gedicht »Die Sündflut«


Durch den ersten Regenbogen
Sprach der Mund, der nie gelogen:
Keine Sündflut komme mehr,
Über Welt und Menschen her.

Die ihr dies Versprechen höret,
Menschen sündigt ungestöret!
Kommt die zweite Sündflut schon,
Sie trifft nur den Helicon.






Auf den Urban


Er widersprach - - Was kann an ihm gemeiner sein?
Und widerlegte nicht - - Auch das ist ihm gemein.






Charlotte


Die jüngst ließ ihren guten Mann begraben,
Charlotte wünscht, statt seiner, mich zu haben.
Gewiß Charlott ist klug.
Wir haben uns vor dem schon oft gesehen,
Drum glaub ich wohl, die Sache möchte gehen,
Wär ich nur dumm genug.






Auf den Herrn M**
den Erfinder der Quadratur des Zirkels


Der mathematsche Theolog,
Der sich und andre nie betrog,
Saß zwischen zweimal zweien Wänden,
Mit archimedscher Düsternheit,
Und hatte - - welche Kleinigkeit!
Des Zirkels Vierung unter Händen.
Kühn schmäht er auf das x + z
(Denn was ist leichter als geschmäht?)
Als ihn der Hochmut sacht und sachte
Bei seinen Zahlen drehend machte.
So wie auf einem Fuß der Bube
Sich dreht, und dreht sich endlich dumm,
So ging die tetragonsche Stube,
Und Stuhl und Tisch mit ihm herum.
O Wunder, schrie er, o Natur!
Da hab ich sie, des Zirkels Quadratur.






Auf einen elenden komischen Dichter


Ein elend jämmerliches Spiel
Schrieb Koromandels stumpfer Kiel,
Als er in der Entzückung dachte,
Daß er wohl Plautos schamrot machte,
Und daß kein Molier
Ihm zu vergleichen wär.
Er, der sie beide kennt,
Wie ich den großen Mogul kenne,
Und sie zu kennen brennt,
So wie ich ihn zu kennen brenne.
Er, der der Feinheit keuscher Ohren,
Dem Witz, den Regeln, dem Verstand,
Den lächerlichsten Krieg geschworen,
Der je im Reich der Sittenlehr entstand;
Für ihn ein unentdecktes Land!
Doch muß ich, kritisch zu verfahren,
Dem Leser treulich offenbaren,
Daß ich an seinem Stücke
Auch etwas Treffliches erblicke.
Und was? - - Er macht damit, Trotz einem komschen Werke!
Voll ungeborgter Stärke,
Den dümmsten Witzling in der Welt,
Den je ein Schauplatz vorgestellt,
Unnachzuahmend lächerlich.
Und wen denn? Welche Frage! Sich.






Auf - - - -


Dem schlauesten Hebräer in B**
Dem kein Betrug zu schwer, kein Kniff zu schimpflich schien,
Dem Juden, der im Lügen,
Im Schachern und Betriegen,
Trotz Galgen und Gefahr,
Mehr als ein Jude war,
Dem Helden in der Kunst zu brellen,
Kams ein - - - Was gibt der Geiz nicht seinen Sklaven ein!
Von Frankreichs Witzigen den Witzigsten zu schnellen.
Wer kann das sonst als - - - - sein?
Recht, V** wars, der von dem schrecklichen Oedip,
Den saubern Witz bis zu Montperniaden trieb.
Schon war die Schlinge schlau geschlungen;
Schon war sein Fuß dem Unglück wankend nah,
Schon schien die List dem Juden als gelungen,
Als der Betrieger schnell sich selbst gefangen sah.
Sagt Musen, welcher Gott stand hier dem Dichter bei,
Und wies ihm unverhüllt verhüllte Schelmerei?
Wer sonst, als der fürs Geld den frommen Tor betrog, Wenn er vom Dreifuß selbst Orakelsprüche log?
Er, der Betrug und List aus eigner Übung kennet,
Durch den V** gebrannt, und jeder Dichter brennet.
Ja, ja, du wachtest selbst für deinen braven Sohn,
Apoll, und Spott und Reu ward seines Feindes Lohn.
Du selbst - - doch wackrer Gott dich aus dem Spiel zu lassen,
Und kurz und gut den Grund zu fassen,
Warum die List,
Dem Juden nicht gelungen ist;
So fällt die Antwort ohngefähr:
Herr V ** war ein größrer Schelm als er.