Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Gustav Schwab



Wanderlieder eines Mannes





8. Im Kursaal


Nun gar hinein zur großen Welt,
In ihren grellen Saal!
O Wandrer, was dein Herz erhellt,
Such's nicht im Kerzenstral!

Und doch - was fesselt mich denn hier?
Warum verweil' ich gern?
Was wird es ruhig still in mir
Wie unter Mond und Stern?

Ach, in dem brausenden Gewühl,
Wund von der Lüge Schmerz,
Fand plötzlich ich ein ernst Gefühl,
Ein Wahrheit spendend Herz.

Wie mitten in dem dürren Sand
Ein Quell dem Waller springt,
Wie er sich von der Felsenwand
Aus Dorn die Rose ringt:

So perlt aus einem Auge klar
Mir frische Lebensflut,
So quillt von ros'gem Lippenpaar
Mir Geistes Duft und Glut.

Mir ist, als hätt' in Einsamkeit
Ich betend mich erquickt,
Und Engelshand giebt mir Geleit,
Daß mich kein Trug umstrickt.

Aus den erfüllten Hallen fort
Wandr' ich hinaus ins Feld,
Sie waren mir ein stiller Port,
Hab' Dank, du große Welt!




9. Rückblick


Mit zwanzig leichten Lenzen
Lag ich in diesem Wald,
Und seh' ihn heute glänzen
In gleicher Lichtgestalt!
Es duften seine Würzen
Und seine Bäche stürzen,
Ja, nimmer wird er alt.

Mit rüst'gen Mannesschritten
Geh' ich noch durch ihn hin,
Ich bin an Willen, Sitten,
Ich bin der Alt' an Sinn;
Und dennoch muß ich sagen,
Ich muß mit Schmerzen klagen,
Daß ich ein Andrer bin!

Die Buchen und die Eichen,
Mit Wurzeln tief und breit,
Sie waren meines Gleichen,
Was wußt' ich von der Zeit?
Gleich diesen Felsenquadern
Fühlt' ich in allen Adern
Getrost Unsterblichkeit.

Wohl bin ich jetzt ein Andrer,
Bin kein Gewächs des Hains;
Ich bin ein flücht'ger Wandrer,
Und denke nur an Eins:
Daß ich wie Windeswehen
Durch diesen Wald muß gehen -
O kurzer Traum des Seins!




10. Heimkunft


Jetzo steh ich vor dem Thale,
Das der Dunst nicht mehr verhüllt,
Das sich, eine blanke Schale,
Bis zum Rand mit Sonne füllt.

Bin aus ihm gleich einem Diebe
Durch der Nebel Nacht entflohn;
Komme jetzt voll Heimatliebe
Her, wie der verlorne Sohn.

Und dort winkt's aus hellen Fenstern,
Arme, Köpfe kreuzen sich.
Keine Schaar von Nachtgespenstern!
Traute Blicke grüßen mich.

Mutter, Kinder! was sind Blüten
Gegen euch, was Berg und Wald?
Schätze giebt es hier zu hüten;
Wieder wandr' ich nicht so bald.

Jüngster Knabe, komm und funkle
Mich mit schwarzen Augen an:
Wie das Erdenleben dunkle,
So ein Stral macht sich noch Bahn.

Alle künftigen Geschicke
Des bewegten Vaterlands
Les' ich hier in diesem Blicke,
Dieser Kinderaugen Glanz.

Wachse rüstig, lieber Knabe!
Vieles wartet wohl auf dich.
Doch als Greis am Wanderstabe
Siehst du Schöneres, denn ich!




1. Lieder und vermischte Gedichte





Heuernte


Heuernte, schönste Zeit im Jahr,
Der Wald längst grün und doch noch klar,
Die Blumen ganz im Blühn,
Die Saat noch hoffnungsgrün.

Grün hängt die Frucht im dichten Baum,
Halb ausgebildet, halb noch Traum;
Still steht des Lebens Flucht
Noch zwischen Blüt' und Frucht.

Nur erntereif das flücht'ge Gras,
Und frisch und duftig selber das.
Wohl, wenn's an's Welken geht,
Dem, der so süß verweht!

Die Luft noch nicht zu wild durchschwirrt,
Nur hier und dort ein Käfer irrt;
Im Grillchen kichert nur,
Im Vogel jauchzt Natur.

Vorüber schwebt ein geist'ger Duft,
Ein Aether durch den Dampf der Luft!
Ist's Engelsodem? Nein!
Es ist der blühnde Wein!

O Mensch, genieße dieser Zeit,
Und athme sie, wie Ewigkeit;
Leg' dich am Quell ins Heu,
Erbau' dein Traumgebäu!

Geschwind, eh dich ein Tropfen weckt,
Eh dich ein Blitz, ein Donner schreckt,
Denn auch der Wonne Born,
Wallt plötzlich auf in Zorn.

Dann sä't sein Korn der Hagel aus,
Der Sturm bricht Aeste sich zum Strauß,
Der Bach zerreißt das Land -
Frucht, Blüte, Gras verschwand. -




Der Bäurin Süden


»Herr Pfarrer, der ihr Vieles wißt,
Herr Pfarrer, sagt mir, wo Süden ist!«

Dort, wo von Felsen unterbaut,
Das Nest des Hohenzollers graut.

Das Weiblein schüttelt den Kopf und spricht:
»Ach, Herr, das ist mein Süden nicht!«

Nun, Süden ist, so weit man reist,
So weit, so weit mein Finger weist.

Erst hohes Land, Berg, Ebne, See,
Dann eine Mauer von ew'gem Schnee.

Dann Thäler, wo der Oelbaum blüht,
Die Pomeranze goldig glüht.

Dann breitet sich das Thal nach vorn
Mit gelbgelocktem welschem Korn,

Weinranken, klares Himmelblau,
Ein irdisch Paradies, o Frau!

Die Bäurin traurig wieder spricht:
»Ach, Herr, das ist mein Süden nicht!«

Dann Städte, Münster allenthalb,
Mit Thürmen hoch wie unsre Alb!

Dann grüner Bergwald in die Quer,
Und plötzlich dann das blaue Meer;

Und Schiffe gnug in schnellem Lauf -
»Das ist mein Süden, Herr, hört auf!

Dort zimmert im Schiff mein einziges Kind,
Behüt' es Gott vor Wellen und Wind!

Mir hat's gesagt sein Kamerad,
Der kommt auch heim vom Süden grad:

Dem Hans, dem thut der Fuß nicht weh,
Der hämmert im Süden auf der See.«

»Mehr wußt' er nicht, doch jetzt, haarscharf,
Weiß ich, wo Süden ich suchen darf.

Nun bohrt mein Auge dem grauen Haus
Dort auf dem Fels die Mauern aus,

Und von Gebet und Thränen schwer
Blickt es durch Berg und Land in's Meer.

Herr Pfarrer, lohn's euch Jesus Christ,
Daß ihr mir sagtet, wo Süden ist!«




Die Linde


November 1840.

Die Nacht durchbrauste wilder Wind,
Am Morgen war es blau.
Ich ging vorbei mit meinem Kind
Am Lindenbaum auf der Au'.

Der Knabe rief: »Sieh, Vater, ach!
Wie den der Sturm gefaßt!
Wie er ihm aus der Krone brach
Den schönen grünen Ast!«

Wir traten an, zu Boden hing
Der Ast, geknickt in den Staub,
Mein Knabe traurig ihn umfing,
Drückt' an die Wange das Laub.

Zum Stamm blickt' ich empor. O Schmerz!
»Schau,« rief ich, »liebes Kind!
Er ist geschlitzt bis an das Herz,
In's Mark fuhr ihm der Wind.«

Und durch die Herzenswunde sah
Der blaue Himmel herein.
Wir standen in langem Schweigen da,
Wir fühlten der Linde Pein.

Ich endlich sprach: »Es ist nun so,
Wir ändern es nicht mehr!«
Des Söhnleins Hand ergriff ich froh,
Mein Herz blieb mir nicht schwer.

Wir gingen heim, wir zogen fort,
Wir schauten Fluß und Land. -
Nun liegt der Knab' am fremden Ort
Begraben unter dem Sand.

Vier Wochen sind vorüber kaum,
Hier steh' ich, ohne mein Kind,
Vor dem zerrissnen Lindenbaum,
Ich selbst gespalten vom Wind.