Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Gustav Schwab



2. Geschichtliche und halbgeschichtliche Sagen





Der Schwedenthurm


Zu Würzburg steht ein grauer Thurm
Weitab vom lust'gen Maine,
In seinen Balken pickt der Wurm,
Es nagt das Moos am Steine.

Die hohle Brust durchröchelt schwach
Ein rostig Uhrwerk stöhnend,
Sein Stundenschlag ist auch noch wach,
Doch nur die Zeit verhöhnend.

Denn wenn die Glocken alle ruhn
Ein Viertel vor der Stunde,
Beginnt er ein verkehrtes Thun
Mit eh'rnem Lügenmunde.

Ob seinem frühen Schlage quält
Sich, was auf Märkten handelt,
Der Kranke, der die Stunden zählt,
Der Reisende, der wandelt.

Wie dulden es die Städter nur,
Den Trüger stets zu hören?
So wißt: sie mögen seiner Uhr
Den alten Fluch nicht stören.

Denn in dem dreißigjähr'gen Sturm,
Im langen Jammerkriege,
Da war der falsche Schwedenthurm
Einst eines Greuels Wiege.

Verschwörer saßen dort versteckt
In seiner Glockenstube;
Ein dumpfer Streich ward ausgeheckt
In luft'ger Mördergrube.

Als drauf die Stadt voll Frieden schlief,
Die unbewehrte Rechte
In sichrem Schlummer senkten tief
Des Reiches treue Knechte,

Ein Viertel hub vor Mitternacht
Der Thurm an irr zu reden:
Zwölf Schläge dröhnten da mit Macht,
Laut riefen sie dem Schweden.

Und der verstand das Zeichen wohl,
Ein Pförtlein fand er offen,
Das Blut in allen Kammern quoll,
Die Schlummerkissen troffen.

Der Strom empfing, als tiefes Grab,
Der Leichen schwer Gerölle;
Doch Jubel soll vom Thurm herab,
Hoch oben jauchzt die Hölle.

Ihr Sieg war kurz, ihr Stachel ward
Geknickt durch schnelle Rache;
Dem Thurm verräterischer Art
Ließ man des Truges Sprache.

Im Räderwerk der Wahnsinn knarrt;
So steht er grau, zerfallen;
Muß, bis man ihn als Schutt verscharrt,
Von seiner Sünde lallen. -




Soldatenrache


Trommel schallt,
Lustig wallt
Auf dem Weg Turenne's Heer,
Wie die Flut im blauen Meer,
Alles zieht
In geschlossnem Glied.

Einer nur
Durch die Flur
Schlendert seitwärts von der Schar,
Nimmt der strengen Zucht nicht wahr,
Lehnt am Baum
Im Gedankentraum.

Bald erwacht
Er nicht sacht.
Denn der Marschall stieß mit Zorn
In sein schnelles Roß den Sporn,
Jenem gab
Grimmen Streich sein Stab.

»Fort von hier,
Musketier!
Willst du schnell in Reih und Glied?«
Doch ein dunkles Auge sieht
Unterm Hut
Zu ihm auf in Glut.

Herr! Euch reut,
Daß Ihr heut
Einen Braven unbefugt
Um des kleinen Fehles schlugt!« -
Murrt's in Bart
Nach Soldatenart.

Trommel schallt,
Feld und Wald
Zieht das stolze Heer entlang:
Hoch vom Felsenüberhang
Aus dem Moos
Ragt es riesengroß.

Finster liegt
Nie besiegt,
Nicht vom Hunger, nicht vom Sturm,
Dort die Veste Thurm an Thurm.
»Auf zum Wall!«
Ruft der Feldmarschall.

Zögernd sieht
Glied um Glied
An dem steilen Stein empor,
Endlich treten zwanzig vor:
»Folget mir!«
Ruft ein Musketier.

Pulverdampf,
Sturm und Kampf;
Von der Leiter stürzen viel!
Jetzund oder nie an's Ziel!
Einer steht
Von der Fahn' umweht.

Jubelschall
Tönt vom Wall.
»Sagt, wer drang so kühn empor,
Sagt, wer öffnet uns das Thor?« -
Durch den Schwall
Ruft's der Feldmarschall.

Und zur Stund
Blutig wund,
Bringt man einen Musketier:
»Dieser Held ist's, dieser hier!
In dem Heer
Ist kein solcher mehr!«

Trommel schallt,
Und alsbald
Blinkt das grüßende Gewehr,
Und der Marschall reitet näh'r;
Und erschrickt,
Wie er den erblickt.

Unter'm Hut
Glüht aus Blut
Ein bekanntes Augenpaar -
Ist es möglich, ist es wahr?
Solches kann
Ein beschimpfter Mann?

Dieser spricht:
»Staune nicht;
Aber sag', ob dich nicht heut,
Daß du mich geschlagen, reut;
Ob nicht Scham
Auf die Stirn dir kam?«

Vor dem Heer
Athmet schwer,
Seinen Helm, lorbeerumlaubt,
Nimmt Turenn' vom Lockenhaupt;
Abgewandt
Reicht er ihm die Hand.

Trommel schallt,
Lustig wallt
Alles Heer mit Siegerschritt;
Wo ist, der so herrlich stritt?
Stille zieht
Er in Reih' und Glied.




Der Sohn des Regenten


1747.

Vor der letzten engen Zelle
In Sanct Genofevens Haus
Murmelt schwach die ferne Welle
Von der Weltstadt Lustgebraus.

Kein Gemach ist so voll Bängniß
In den Gäßchen von Paris,
So voll Schatten kein Gefängniß,
Keines Mörders Thurmverließ.

Hier wohnt Einer, müd' von Plage,
Harmvoll, in geringer Tracht.
Auf dem Knie liegt er am Tage,
Hart auf Stroh ruht er zu Nacht.

Und kein Holz am kalten Morgen
Knistert lindernd im Kamin,
Selbst die Bettler sind geborgen,
Keinen schüttelt Frost, wie ihn.

Bei dem kargen Mittagsmahle
Speist das schwarze Brod ihn kaum,
Und zum Wasser in der Schale
Mischt sich nie des Weines Schaum.

Sechsmal nach dem Winterreife
Hat sein Fenster ihm gethaut,
An dem schmalen Himmelsstreife
Sechsmal ihm der Lenz geblaut.

Da erscheint in seiner Pforte
Goldbetreßter Diener Hauf',
Und mit ehrfurchtsvollem Worte
Stört er den Versenkten auf:

»Gnäd'ger Herzog! drin im Schlosse
Harrt der Sohn in Liebe dein:
Wollest seinem ersten Sprosse,
Deinem Enkel, Pate sein!«

Und er hebt, gedenk der Würde,
Von den Knieen sich empor,
Schreitet mit der Purpurbürde
Ludwig Orleans durch's Thor.

In dem schimmernden Palaste
Seiner Väter weilt er stumm,
Sieht sich in dem eiteln Glaste
Wie ein Grabentstiegner um;

Wiegt den Enkel in den Armen,
Bis das Taufbad ihn geweiht,
Läßt mit Blicken voll Erbarmen
Ihn im Schoos der blinden Zeit.

Wie er in der Halle wieder
Einsam seinem Heiland lebt,
Wirft er sich auf's Antlitz nieder,
Daß sein Innerstes erbebt:

»Einer liegt vor dir von allen
Kindern üppigen Geschlechts,
Herr, o Herr! laß dir gefallen
Tiefste Buße deines Knechts!

Was mein Vater wild gesündigt,
Hat ihm nachgethan das Land.
Neuer Greuel ist verkündigt;
Drum ersticke du den Brand!

Wieder Einer ist geboren!
Sei, o Herr, es nicht zum Fluch!
Ist zum Retter der erkoren,
Lieg' ich gern im Leichentuch!«

Auf der Streu' sinkt er zusammen,
Keiner eignen Schuld bewußt;
Fremde Missethaten flammen
Brennend in der keuschen Brust.

Des Gewissens Glut zu dämpfen
Speist er Arme nah und fern:
»Helft mir beten, helft mir kämpfen,
Kommt, ihr Höflinge des Herrn!«

Und so gehet, rein von Fehle,
Nach gedehnter Erdenpein
Endlich die gequälte Seele
Hoffend in den Himmel ein.

Doch am Thor der Herrlichkeiten
Mahnt den Geist der Welt Geschick,
In die Niederung der Zeiten
Wirft er einen scheuen Blick.

Und was schaut er? überbordet
Ist vom Blute Land und Thron.
Königmordend und gemordet
Stürzt zum Pfuhl sein Sohnessohn.

Weh! der Wahnsinn strecket Larven
In die Seligkeit herein -
Da erklingen Wunderharfen,
Da sprüht auf der Himmel Schein.

Und der Erde ganz Gedächtniß,
Blut, Geschlecht, Geschichte sinkt.
Nur der Ewigkeit Vermächtniß
Einem neuen Engel winkt.




Ein Vorbote


Im Café Greco trinken spät
Zu Rom die Künstler plaudernd.
Die Thür sich in der Angel dreht,
Ein Diener naht sich schaudernd.

»Woher noch, Mensch, so bleich und stumm?
Ist Mord los, oder Feuer?« -
»Herr! in Thorwaldsens Studium,
Dort ist es nicht geheuer!«

Und bei dem Namen - weiß nicht wie -
Die Herzen ernster schlagen;
Des greisen Meisters denken sie
Im fernen Kopenhagen.

»Was ist's?« - »Mich führte spät am Tag
Ein Auftrag, Herr, zur Stelle;
Da hört' ich drinnen Meißelschlag
Und rief: mach' auf, Geselle!

Kein Wort. Mein Schlüssel thut mir auf:
Im Vorplatz nichts zu schauen,
Doch hinterm Umhang, drauf und drauf,
Da meißelt's, mir zum Grauen.

Ich schlüpf' hinein; der Saal ist leer,
Ganz öde, Mondenschimmer.
Vom zweiten Vorhang schallt es her,
Vom Heiligtum im Zimmer.

Dort, wo ich oft den alten Herrn
So mutig hämmern hörte,
Mit Frag' und Sendung gar nicht gern
In tiefer Arbeit störte.

Ich mußt' hinein - da schwieg der Laut;
Doch sah ich jetzt Gesichte:
Denn Bild an Bild herunterschaut
Beseelt im Mondenlichte.

Und Lippen rührten hier und dort
Sich, marmorne, zum Klagen,
Als wollten sie ein schrecklich Wort,
Ein schrecklich Wort mir sagen!

Wenn Totes, Herr, lebendig wird,
So will der Tod an's Leben!
Ein Lufthauch zieht, ein Käuzchen schwirrt;
Ich eilte weg mit Beben.«

Nachdenklich hört's der Künstlerkreis,
Doch zwinget Scherz das Grausen:
»Nicht mach' uns da Gespenster weiß,
Wo nur die Genien hausen!

Hebt hoch den Kelch! stoßt an mit Macht!
Thorwaldsen lebe, lebe!
Zerreißt der abergläub'schen Nacht
Ihr närrisch Traumgewebe!«

Des Meisters treuster Schüler saß
Allein verstummt im Bunde;
Beiseite ließ er stehn das Glas,
Und merkt sich Tag und Stunde. -

Und wieder - ohne Sang und Klang -
Die Künstler sind beisammen;
Ein Flüstern geht den Reihn entlang,
Und Totenkerzen flammen.

Dort in Thorwaldsens Studium
Beweinen sie den Vater.
An jenem Abend sank er um
Im dänischen Theater.

Des Künstlerlebens klarer Strom
Verrann im heim'schen Sunde.
Die Seele, scheidend, flog nach Rom,
Bracht' ihren Werken Kunde.