Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Heinrich Christian Boie



Dr. Stauzius





Dr. Stauzius





Dr. Stauzius


1. Dr. Stauzius an seine Collegen.


Das, meine Herren Brüder, ist
Des Satanas infamste List
Daß just die Ketzer, die wir ihm ergeben,
So tugendhaft, ja fast gottesfürchtig leben,
Wodurch der Schalk manch unverwahrt Gemüt
Vom Glauben ab ins Netz der guten Werke zieht.




2. Dr. Stauz als er Steinbarten las.


Was rast der Mann? Wo bleibt denn das Verderben
Das wir von Adam erben?
Wohlwollen, Menschenliebe,
Geselligkeit und andre gute Triebe
Im Menschen von Natur?
Wie kann der Kerl auf solches Zeug verfallen?
Ich für mein Theil, ich merke von dem allen
In mir nicht die geringste Spur.




Ausgewählte Gedichte





Richtet nicht


Du gehst sehr ordentlich zu Kirch und Abendmahl;
Er etwa dann und wann einmal.
Du wartest des Gesangs, des Lesens und Gebets;
Er seiner Pflicht und Arbeit stets.

Du hörest, denkst und sprichst und liesest sehr viel gutes,
Er unterdessen thut es.




Der Kürbiss


Behängt mich nur mit den Ornaten,
So fehlt mir nichts zum würdigsten Prälaten.




Die trinkende Doris


Wenn Doris trinkt, steht Bachus tief entzückt,
Als wenn zu seinem Ruhm es wäre.
Doch Amor, der indess bescheiden nieder blickt,
Hat ganz allein davon die Ehre:
Denn wenn sie trinkt,
Macht sie der Wein so schön, daß der beseelte Zecher
Vielmehr aus seinem Becher
Als ihren Augen sich betrinkt.




Mein Barbier


Mein Herr Barbier hat eigne Gaben:
Er thut so gravitätisch langsam schaben,
Daß während er zur linken ist,
Der Bart zur rechten wieder sprießt.




Auf einen Palast mit Statuen


Die Mauern sind dick, die Diener sind dünn,
Die Götter draußen, der Teufel drin.




Auf Herrn Kakadu den Alterthumskenner


Potz! sprach die Zeit zu Kakadu,
Was ich vergeße, lernest Du!




Das Mädchen von dreizehn


Jung bin ich und unerfahren,
Wie man fangen und bewahren
Und der losen Ränke voll
Weilen nun, dann fliehen soll.

Noch kann ich mich nicht verstellen,
Weiß mit Blicken trüben hellen
Nicht zu spielen; nur der Lust
Schlägt die unentweihte Brust.

Will von euch mich keiner nehmen,
Weil ich gut noch bin und schämen
Des Verrathes noch mich kann?
Sieht mich arme keiner an?

Wartet ja nicht, bis zu lügen
Ich gelernet und zu trügen!
Für den ersten möcht' ich stehn,
Andre könnt' ich hintergehn!




An die Gräfin Julie Reventlow geb. Schimmelmann


Kopenhagen, 16. August 1780.


Nicht Menschen nur, Du lenkst auch Götter,
O Julia, und Wind und Wetter!

Mit holdem Zauberlicht umgoßen
War schon ein Mond bei Dir verfloßen.
Du lächeltest: Hain, Meer, Gefilde
Ward mir ein Abglanz Deiner Milde,
Und was Dich liebet, was Dich ehret,
Schien freundlich auch zu mir gekehret.
Mein Geist erhub sich wonnetrunken;
Doch bald zum eignen Werth gesunken,
Entsagt' er jener hohen Freude
Und rief mir: »Faße Mut und scheide!«

Schon sah ich mich getrennt von allen
Und still am krummen Ufer wallen,
Bald schwebend auf der blauen Wüste,
Gelandet bald an Holsteins Küste,
Die heimisch zwar und traulich winket,
Doch minder Heimat mir jezt dünket.
Da lächelst Du dem Gott der Winde -
Und folgsam gleich Cytherens Kinde,
Das, seit es Deiner Macht gehuldigt,
Kein Mensch der Unrat mehr beschuldigt,
Hemmt er den Nord, dem schon die Wogen
Vor Moens Geklipp vorüber flogen,
Und heißt mit sanftem Wellenkräuseln
Den Südwind mir entgegen säuseln.

»Warum, o Zauberin, erneuern
Den Schmerz der Trennung?« -

»Komm wir feiern,«
Antwortest Du mit süßem Tone,
»Den Tag, da Ring und Myrthenkrone
Mir segnend gab der frohe Hymen.
Komm, Freund, Du sollst mit uns ihn rühmen.«

Wohlan, mir heilig, drei mal heilig
Sei dieser Tag! Auf! eilig eilig,
Wer je mit uns in goldnen Stunden
Der Lieb und Freundschaft Glück empfunden!
Herbei zum Tag des Gläserklanges,
Des Tanzes und des Brautgesanges!
Auf, laßt uns singen, laßt uns singen,
Indess die vollen Gläser klingen:
Noch oft umarm an solchem Feste
Der beste Mann der Weiber beste!

Doch Freundin! soll mit leichterm Herzen
Ich froher unter frohen scherzen,
So laß mich aus dem Zauberkreise
Und gib mir morgen Wind zur Reise!