Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Johann Gottfried Herder



Bilder und Sprüche





43. Philosophie


Mich zu vergnügen, wie es sei,
Sieh, das ist mir Philosophei.
Mein Tagewerk ist abgethan,
Wenn ich mich meiner Lebensbahn
So nach gerade
Entlade.






44. Musik


Das Leben und die Leyer wird
Durch weise Stimmung süß.






45. Schiffahrt


Zur guten Schiffahrt brauchst Du Wind und Steuermann;
Zum guten Leben dient Dir Glück und die Vernunft.






46.


Talare hindern freien Gang,
Reichthümer freie Seele.






47.


Wie sich bei sanfter Zeit der Schiffer auf Stürme faßt,
So fasse Du im Glücke Dich auf Unglück!




Adler und Wurm





Adler und Wurm


1.


Mit allen seinen Kräften schwang
Der Adler sich zur Sonne, drang
Schon durch die Wolken, reichte
Zum höchsten Felsen, keuchte
Und sprach: »Da bin ich doch
Der Erste meines Reichs. Wer fleugt
Mir nach auf diesen unbetretnen Fels? Ist noch,
Wo ich bin, wer?« »Ich etwa noch!«
Zischt's neben ihm. Er sieht zu seinen Füßen nieder:
Ein Erdwurm kreucht.
»Und wir sind Brüder?
Wo kommst Du her?« »Vom Schlamm.«
»Und wie denn her?« »Ei doch!
Verzeihen Sie, ich kroch.«


Minister, Weiser, General
Und Canzellar und Cardinal,
Auf Eurer rühmlichen, mit edler Müh und Qual
Erflognen Höh,
Ihr großen Männer allzumal,
Seht nicht, wer bei Euch steh':
Durch Kriechen kommt man hoch.






2.


»Elender!« sprach der Adler, »krochst, und doch -
Doch wagst Du Dich so hoch?«
»Verzeih, o kühne Majestät,«
Krümmt sich der art'ge Wurm und bläht
Sich klüger, »ach, dermalen kreucht
Man sichrer, als man fleugt.«






3.


Der Donnervogel zürnte: »Meinst Du gar,
Du Kriecher, mich den Weg zur Höh zu lehren?«
Und greift, ihn zu zerreißen. »Nein, fürwahr,
Fürwahr, wer wollte das begehren?
Allein, ich dachte nur, ein hoher Adler fleugt,
Allein - ein armer Wurm - was soll er thun? - er kreucht.«
Der Adler flog großmüthig fort
Und ließ dem Wurm den Ort.






4.


»Hab' ich das lange nicht gedacht,«
So höhnet nun der Erdwurm, »Zeit vertreibe
Die kurze Herrlichkeit? Nun muß er fort,
Ich aber bleibe!«
Und lacht und lacht.
Der Adler hörte nicht ein Wort
Und flog in seinen Himmel fort.


Und, Edler, Dich, wenn Du die kleine-große Welt
Nun lässest, Deines kahlen Gipfels Feld
Dem Wurme willig lässest und zeuchst fort
In Deine Königshöhle:
Dich kränkt in Deiner Seele
Des Wurmes Wort?






Fünftes Buch





Wozu es wird


Ein Himmelstropfe sank ins Meer;
Schnell schwamm die Perlenmutter her
Und trank ihn auf. Das Tröpfchen Thau
Ward eine Perle, silbergrau.

Ein ganzer Himmelsregen schwamm
Auf eines faulen Baumes Stamm,
Der gierig ein ihn schlang.
Was ward daraus? Aus ihm entsprang
Ein gelber, gift'ger Schwamm.


Der Himmelstropfe ist das Evangelium;
Der Himmelsregen ist das weite Christenthum;
Es ist mit seiner stillen Pracht,
Wozu es wird, wozu man's macht.






Natur und Schrift. Gleichnisse





Natur und Schrift. Gleichnisse


1.


Des Wunderkönigs Jesu Rath
Sollst Du verschweigen,
Des großen Gottes laute That,
Die zeigen!
Des großen Gottes laute That
Kann Wild und Vogel finden,
Des Wunders Jesu stillen Rath
Ließ Gnade Dir verkünden.
Natur ist heller Zeitungsstaat
Fürs Volk auf allen Gassen;
Das Wort ist Freund- und Vaterrath,
Nur Kinder können's fassen.






2.


Dem Herrn sieht jeder Sklave nach,
Sieht seinen Palast stehen;
Ins Rath- und Lieb- und Brautgemach
Kann Lieb' und Freund nur gehen.






3.


Die Welt ist Gottes Kleid;
Lobt sich ein edler Mann vom Kleide?
Zu Seel' und Herz und Freundlichkeit,
Wie ist's noch weit, noch weit
Vom Kleide!

Er zog sein Kleid, die Himmel, aus,
Kam arm wie wir auf Erden,
Kam Unsersgleichen in sein Haus,
Nur unser Freund zu werden,
Nur uns sein Herz anzuvertraun,
O Gottesherz zu lernen!
Sein Blick, ein Wörtlein sagt mir mehr
Als Laut von allen Sternen.