Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Ludwig Achim von Arnim



Ausgewählte Gedichte





Die Uebergabe von Stettin, Küstrin, Magdeburg und Hameln


1806.

Trompeter, komm' uns nicht zu nah!
Die Wälle möchten fallen,
Was auch bei Jericho geschah,
Erst glaubt man's nicht, dann ist es da,
Wenn die Trompeten schallen.

Du Gouverneur der Stadt Stettin
Machst gar sehr schwache Mienen,
Du bist sonst grob, sei einmal kühn,
Wenn sie an unsr Wälle ziehn,
Mit Kugeln sie bedienen.

Er füllet mit gewalt'ger Eil'
Die eingestürzten Wälle,
Geschieht das nur zur Kurzeweil,
Da tausend Mann mit Axt und Beil
Die schönen Bäume fällen.

Sie fordern auf, und meinen nicht,
Daß du dich würdest geben;
Doch du verträgst kein solch Gericht,
Der Tag sich auch schon wieder bricht,
Du mußt dich übergeben.

Wie das erhört ein altes Weib,
Sie ging mit dem Pantoffel
Dem Kommandanten sehr zu Leib,
Es war ihr gar kein Zeitvertreib,
Er schrie, der arme Teufel.

Die Garnison hat kurz und klein
All ihr Gewehr' zerbrochen,
Zerrissen muß der Rock auch sein,
Wir alle schwören Stein und Bein.
Daß sie sich gern gerochen.

Ihr Gouverneurs, denkt diesem nach,
Nichts müßt ihr halb beginnen,
Und brennt das Schnupftuch auch zu Asch'
In eurer weiten alten Tasch',
Ihr müßt euch nicht besinnen.

Für Zaubereien hütet euch,
Küstrin ist so gefallen,
Der Kommandante kam sogleich
Mit den Franzosen in Vergleich,
Wie er hört Geld erschallen.

In Magdeburg, da baten drum
Elftausend der Jungfrauen,
Sind so viel drin, so sei es drum!
Der Kommandante war so dumm,
Kaum will der Feind ihm trauen.

In Hameln pfiff den Kommandant
Der alte Rattenfänger,
Es kräht der Hahn zu seiner Schand',
Er hat verrathen Leut' und Land
Und hielt sich auch nicht länger.






Todtenopfer


1806.

Nun die Schlacht vorüber,
Nun die Lebenden gezählt,
Ach der Todte, der uns fehlt,
War vor allen uns doch lieber;
Und der Nachruf klingt so trüb:
Ach der Todte war uns lieb,
Und die Nacht, die uns umgiebt,
Hat vor allen ihn geliebt,
Hat ihn an ihr Herz gelegt,
Und so schwer an Thränen trägt.

Wache auf, du Treuer,
Ruft der Geister Himmelsschaar,
Jeder Stern glänzt freudenklar
Zu dem neuen Schlachtenfeuer,
Sieh auf himmlischem Gefild
Fromme fest und Böse wild,
Schon erhebt sich Wolkendampf
Von dem höhern Geisterkampf
Über unserm Sternenzelt
Sind sie schon zum Kampf gestellt.

Kennst du deine Brüder,
Die du lange hast vermißt,
Freue dich, du frommer Christ;
Schlage nicht die Augen nieder,
Christus will vor ihnen ziehen,
Seine Wunden rosig blühen;
Und er winkt und rufet dich;
Alle Brüder freuen sich,
Ihre Schaar ist noch nicht groß,
Du bist heut ihr Schlachtgenoß.

Und jemehr hier fallen,
Dort so größer wird das Heer,
Zu des heil'gen Thrones Wehr,
Der vom Bösen angefallen,
Wundert euch darum nicht mehr,
Daß die Frommen hier im Heer
Früher sinken in dem Streit,
Sie gehören hehrer Zeit,
Wo ihr Herz einst ganz erkannt
Und ihr Muth zur That entbrannt.

Klein ist irdisch Streiten
Gegen jene Heldenschlacht;
Doch auch in der Erdennacht
Wird ein Dämmerschein uns leiten,
Himmelszeichen retten oft,
Wer auf Himmelsgnade hofft,
Steigern muß der ird'sche Streit
Daß zum Höhern wir bereit;
Ja, das Leben wäre Wahn,
Wenn es nicht des Himmels Bahn.

Sagt, was ist hier Lieben?
Alles, was uns hier entzückt,
Uns der Erde frei entrückt!
Und ihr fragt, wo er geblieben?
Droben weiß das Herz die Lust,
Die es suchte unbewußt,
Und der Schmerz enträthselt sich,
Und was mit der Zeiten wich,
Kommt dort endlich doch zurück.
Trauert nicht um Todesglück!