Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Ludwig Achim von Arnim



Band 2





Wettstreit des Kukuks mit der Nachtigal


Docen Miscellaneen. I, S. 284.

Einsmals in einem tiefen Thal
Der Kukuk und die Nachtigal
Thäten ein Wett anschlagen,
Zu singen um das Meisterstück:
»Gewinn es Kunst, gewinn es Glück,
Dank soll er davon tragen.«

Der Kukuk sprach: So dirs gefällt,
Ich hab zur Sach ein Richter wählt,
Und thät den Esel nennen,
Denn weil er hat zwey Ohren groß,
So kann er hören desto bas,
Und was recht ist, erkennen.

Sie flogen vor den Richter bald,
Wie ihm die Sache ward erzählt,
Schuf er, sie sollten singen:
Die Nachtigal sang lieblich aus,
Der Esel sprach, du machst mirs kraus,
Ich kanns in Kopf nicht bringen.

Der Kukuk drauf anfing geschwind
Kukuk! sein Sang durch Terz, Quart, Quint
Und thät die Noten brechen;
Er lacht auch drein nach seiner Art,
Dem Esel gefiels, er sagt, nun wart,
Ein Urtheil will ich sprechen.

Wohl sungen hast du Nachtigal,
Aber Kukuk singst gut Choral,
Und hältst den Takt fein innen;
Das sprech ich nach mein hohen Verstand,
Und kostets gleich ein ganzes Land,
So laß ich dichs gewinnen.






Vom Buchsbaum und vom Felbinger


Felbinger so viel als Buche.
Altes Blat. Straßburg bei Jakob Frölich.

Nun wollt ihr hören neue Mähr
Vom Buchsbaum und vom Felbinger,
Sie zogen mit einander über Feld,
Und kriegten wider einander.

Der Buchsbaum sprach: Bin ich so kühn,
Ich bleibe Sommer und Winter grün,
Das thust du leidiger Felbinger nit,
Du verlierst dein beste Zweige.
Felbinger wie gefällt dir das?

Der Felbinger sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die lange Zäun,
Wohl um das Korn und um den Wein,
Davon wir uns ernähren.
Buchsbaum wie gefällt dir das?

Der Buchsbaum sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Kränzelein,
Mich trägt auch manch schöns Jungfräulein,
Mit Freuden zu dem Tanze.
Felbinger, wie gefällt dir das?

Der Felbinger sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Mülterlein,
Mich trägt manch schöne Jungfraue
Dem Metzger unter die Bänke.
Buchsbaum wie gefällt dir das?

Der Buchsbaum sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Löffelein,
Mit Silber und rothem Gold beschlagen,
Thät mich für die besten tragen.
Felbinger wie gefällt dir das?

Der Felbinger sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Fässelein,
In mich thut man den besten Wein,
Roth, Welsch und Malvasier.
Buchsbaum wie gefällt dir das?

Der Buchsbaum sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Becherlein,
Aus mir trinkt manch schön Jungfräulein
Mit ihrem rothen Munde.
Felbinger wie gefällt dir das?

Der Felbinger sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Sättelein,
Auf mir reit mancher gute Gesell,
Wohl durch den grünen Walde.
Buchsbaum wie gefällt dir das?

Der Buchsbaum sprach: Bin ich so fein,
Aus mir macht man die Pfeiffelein,
Auf mir pfeift mancher gute Gesell,
Im Feld wohl in den Kriegen,
Felbinger wie gefällt dir das?

Der Felbinger sprach: Bin ich so drat,
Ich steh dort mitten in der Matt,
Und halt ob einem Brünnlein kalt,
Daraus zwei Herzlieb trinken.
Buchsbaum wie gefällt dir das?

Der Buchsbaum sprach: Bist du so gerecht,
So bist du mein Herr, und ich dein Knecht,
Der Sach geb ich dir alles Recht,
Das Spiel hast du gewonnen. -
Leser, wie gefällt dir das?






Vom Wasser und vom Wein


Mündlich.

Ich weiß mir ein Liedlein, hübsch und fein,
Wohl von dem Wasser, wohl von dem Wein,
Der Wein kanns Wasser nit leiden,
Sie wollen wohl alleweg streiten.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Man führt mich in alle die Länder hinein,
Man führt mich vor's Wirth sein Keller,
Und trinkt mich für Muskateller.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Ich laufe in alle die Länder hinein,
Ich laufe dem Müller ums Hauße,
Und treibe das Rädlein mit Brauße.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Man schenkt mich in Gläser und Becherlein,
Und trinkt mich für süß und für sauer,
Der Herr als gleich, wie der Bauer.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Man trägt mich in die Küche hinein,
Man braucht mich die ganze Wochen,
Zum Waschen, zum Backen, zum Kochen.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Man trägt mich in die Schlacht hinein,
Zu Königen und auch Fürsten,
Daß sie nicht mögen verdürsten.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Man braucht mich in den Badstüblein,
Darin manch schöne Jungfraue
Sich badet kühl und auch laue.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Bürgermeister und Rath insgemein
Den Hut vor mir abnehmen,
Im Rathskeller zu Bremen.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Man gießt mich in die Flamm hinein,
Mit Spritz und Eimer man rennet,
Daß Schloß und Haus nicht verbrennet.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Man schenkt mich den Doktoren ein,
Wenns Lichtlein nit will leuchten,
Gehn sie bei mir zur Beichte.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Zu Nürnberg auf dem Kunstbrünnlein,
Spring ich mit feinen Listen
Den Meerweiblein aus den Brüsten.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Ich spring aus Marmorbrünnelein,
Wenn sie den Kaiser krönen,
Zu Frankfurt wohl auf dem Römer.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Es gehn die Schiffe groß und klein
Sonn, Mond auf meiner Straßen,
Die Erd thu ich umfassen.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Man trägt mich in die Kirch hinein,
Braucht mich zum heiligen Sakramente,
Dem Menschen vor seinem Ende.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Man trägt mich in die Kirch hinein,
Braucht mich zur heiligen Taufen,
Darf mich ums Geld nicht kaufen.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Man pflanzt mich in die Gärten hinein,
Da laß ich mich hacken und hauen,
Von Männern und schönen Jungfrauen.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
Ich laufe dir über die Wurzel hinein,
Wär ich nicht an dich geronnen,
Du hättst nicht können kommen.

Da sprach der Wein: Und du hast Recht,
Du bist der Meister, ich bin der Knecht,
Das Recht will ich dir lassen,
Geh du nur deiner Straßen.

Das Wasser sprach noch: Hättst du mich nicht erkannt,
Du wärst sogleich an der Sonn verbrannt!
Sie wollten noch länger da streiten, -
Da mischte der Gastwirth die beiden.