Die Vätergruft
Es ging wohl über die Heide
Zur alten Kapell empor
Ein Greis im Waffengeschmeide
Und trat in den dunkeln Chor.
Die Särge seiner Ahnen
Standen die Hall entlang,
Aus der Tiefe tät ihn mahnen
Ein wunderbarer Gesang.
»Wohl hab ich euer Grüßen,
Ihr Heldengeister! gehört,
Eure Reihe soll ich schließen:
Heil mir! ich bin es wert.«
Es stand an kühler Stätte
Ein Sarg noch ungefüllt,
Den nahm er zum Ruhebette,
Zum Pfühle nahm er den Schild.
Die Hände tät er falten
Aufs Schwert und schlummert' ein.
Die Geisterlaute verhallten;
Da mocht es gar stille sein.
Die sterbenden Helden
Der Dänen Schwerter drängen Schwedens Heer
Zum wilden Meer.
Die Wagen klirren fern, es blinkt der Stahl
Im Mondenstrahl.
Da liegen sterbend auf dem Leichenfeld
Der schöne Sven und Ulf, der graue Held.
Sven:
O Vater! daß mich in der Jugend Kraft
Die Norne rafft!
Nun schlichtet nimmer meine Mutter mir
Der Locken Zier.
Vergeblich spähet meine Sängerin
Vom hohen Turm in alle Ferne hin.
Ulf:
Sie werden jammern, in der Nächte Graun
Im Traum uns schaun.
Doch sei getrost! bald bricht der bittre Schmerz
Ihr treues Herz.
Dann reicht die Buhle dir bei Odins Mahl,
Die goldgelockte, lächelnd den Pokal.
Sven:
Begonnen hab ich einen Festgesang
Zum Saitenklang
Von Königen und Helden grauer Zeit
In Lieb und Streit.
Verlassen hängt die Harfe nun, und bang
Erweckt der Winde Wehen ihren Klang.
Ulf:
Es glänzet hoch und hehr im Sonnenstrahl
Allvaters Saal,
Die Sterne wandeln unter ihm, es ziehn
Die Stürme hin.
Dort tafeln mit den Vätern wir in Ruh,
Erhebe dann dein Lied und end es du!
Sven:
O Vater! daß mich in der Jugend Kraft
Die Norne rafft!
Noch leuchtet keiner hohen Taten Bild
Auf meinem Schild.
Zwölf Richter thronen hoch und schauerlich,
Die werten nicht des Heldenmahles mich.
Ulf:
Wohl wieget
eines viele Taten auf -
Sie achten drauf -,
Das ist um deines Vaterlandes Not
Der Heldentod.
Sieh hin! die Feinde fliehen; blick hinan!
Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn!
Der blinde König
Was steht der nord'schen Fechter Schar
Hoch auf des Meeres Bord?
Was will in seinem grauen Haar
Der blinde König dort?
Er ruft, in bittrem Harme
Auf seinen Stab gelehnt,
Daß überm Meeresarme
Das Eiland widertönt:
»Gib, Räuber, aus dem Felsverlies
Die Tochter mir zurück!
Ihr Harfenspiel, ihr Lied, so süß,
War meines Alters Glück.
Vom Tanz auf grünem Strande
Hast du sie weggeraubt;
Dir ist es ewig Schande,
Mir beugt's das graue Haupt.«
Da tritt aus seiner Kluft hervor
Der Räuber, groß und wild,
Er schwingt sein Hünenschwert empor
Und schlägt an seinen Schild:
»Du hast ja viele Wächter,
Warum denn litten's die?
Dir dient so mancher Fechter,
Und keiner kämpft um sie?«
Noch stehn die Fechter alle stumm,
Tritt keiner aus den Reihn,
Der blinde König kehrt sich um:
»Bin ich denn ganz allein?«
Da faßt des Vaters Rechte
Sein junger Sohn so warm:
»Vergönn mir's, daß ich fechte!
Wohl fühl ich Kraft im Arm.«
»O Sohn! der Feind ist riesenstark,
Ihm hielt noch keiner stand;
Und doch! in dir ist edles Mark,
Ich fühl's am Druck der Hand.
Nimm hier die alte Klinge!
Sie ist der Skalden Preis.
Und fällst du, so verschlinge
Die Flut mich armen Greis!«
Und horch! es schäumet und es rauscht
Der Nachen übers Meer.
Der blinde König steht und lauscht,
Und alles schweigt umher;
Bis drüben sich erhoben
Der Schild' und Schwerter Schall
Und Kampfgeschrei und Toben
Und dumpfer Widerhall.
Da ruft der Greis so freudig bang:
»Sagt an, was ihr erschaut!
Mein Schwert, ich kenn's am guten Klang,
Es gab so scharfen Laut.« -
»Der Räuber ist gefallen,
Er hat den blut'gen Lohn.
Heil dir, du Held vor allen,
Du starker Königssohn!«
Und wieder wird es still umher,
Der König steht und lauscht:
»Was hör ich kommen übers Meer?
Es rudert und es rauscht.« -
»Sie kommen angefahren,
Dein Sohn mit Schwert und Schild,
In sonnehellen Haaren
Dein Töchterlein Gunild.«
»Willkommen!« ruft vom hohen Stein
Der blinde Greis hinab,
»Nun wird mein Alter wonnig sein,
Und ehrenvoll mein Grab.
Du legst mir, Sohn, zur Seite
Das Schwert von gutem Klang,
Gunilde, du Befreite,
Singst mir den Grabgesang.«
Der Sänger
Noch singt den Widerhallen
Der Knabe sein Gefühl;
Die Elfe hat Gefallen
Am jugendlichen Spiel.
Es glänzen seine Lieder
Wie Blumen rings um ihn;
Sie gehn mit ihm wie Brüder
Durch stille Haine hin.
Er kommt zum Völkerfeste,
Er singt im Königssaal,
Ihm staunen alle Gäste,
Sein Lied verklärt das Mahl;
Der Frauen Schönste krönen
Mit lichten Blumen ihn;
Er senkt das Aug in Tränen,
Und seine Wangen glühn.