Selbsterforschung am Abend
Auch heut hab' ich Dich oft vergessen,
Nach meinem Heil nicht viel gefragt:
Getrunken hab' ich und gegessen
Und Dir, o Gott, nicht Dank gesagt.
Wie kann es sein, daß meine Seele,
O einzig Gut, Dich so vergißt?
O richte nicht, bis meine Seele
In Dir, o Gott, befestigt ist!
Du hast die Stimme mir gegeben,
Daß ich Dich preisen soll, mein Hort!
Und Andern auch das Herz erheben
Durch frommes und einfält'ges Wort.
Weh' mir, wenn ich zurücke zähle,
Was ich Unnützes heut gesagt!
O richte nicht, bis in der Seele
Der Wahrheit reiner Morgen tagt!
Doch nein, Du woll'st auch dann nicht richten!
O nein, Du mußt auch dann verzeih'n:
Gerechtigkeit wird mich vernichten,
Nur Gnade kann mein Leben sein.
Wie bald ist doch ein Wort gesprochen,
Das unser Mund nicht wieder fängt;
Wie leicht ein Vorsatz, ach! gebrochen,
An dem des Herzens Ruhe hängt!
Berlin, 1816.
Hingebung
Zu Dir, zu Dir, hinweg von mir
Will meine Seele fliehen;
Nur Dein allein, Dein soll sie sein,
Du mußt zu Dir sie ziehen!
Die Welt ist leer; ich will nicht mehr
Nach ihren Gütern fragen;
Für Dich, für Dich soll ewiglich
Dies Herz allein mehr schlagen.
Was Du nicht bist, Herr Jesu Christ,
Danach laß mich nicht streben!
Laß mich nicht mehr, o lieber Herr,
Ohn' Dich auf Erden leben!
Nur Du, nur Du, sonst keine Ruh',
Kein Auge! keine Ohren!
Was ist die Welt, wenn der mir fehlt,
Den ich allein erkoren?
Stirb hin, stirb hin, mein Eigensinn!
Scheid' ab, verworr'nes Streben!
Nimm hin, nimm hin den neuen Sinn,
Den Du, Herr, selbst gegeben!
Berlin, 1816.
Kindeslallen
Herr Gott! Dich will ich preisen,
So lang mein Odem weht;
O hör' auf meine Weisen,
O sieh auf mein Gebet!
Bin ich im Himmel oben,
Da lern' ich andern Sang,
Da will ich hoch Dich loben
Mein ewig Leben lang.
Jetzt laß Dir wohlgefallen
Mein treu einfältig Lied;
Muß doch ein Kindlein lallen,
Wenn es die Mutter sieht.
Nun hab' ich auch gesehen,
Wie Du so väterlich;
Will nun nichts mehr verstehen
Als Dich, mein Vater, Dich.
Ich saß in meiner Kammer,
Sah trüb' in's Leben hin,
Die Seele rang in Jammer,
Voll Sorge war mein Sinn:
Da floß ein heilig Sehnen
Mir in das öde Herz;
Da brach mein Blick in Thränen
Und hob sich himmelwärts.
Bald sucht' ich Dich von Herzen
Und bat um Trost und Ruh':
Da wichen alle Schmerzen,
Da kamst und halfest Du.
Dafür will ich Dir danken
Und immer harren Dein;
Herr! laß nur sonder Wanken
Mich ganz Dein eigen sein.
Du kennst, mein Gott, die Herzen,
Du siehst mich, wie ich bin;
Du weißt auch alle Schmerzen,
Die noch im Busen drin.
Du siehst die Sündentriebe,
Die mich zur Erde ziehn,
Siehst auch die treue Liebe,
Die auf zu Dir will fliehn.
O hilf die Sünde dämpfen!
So lang' ich lebe schon,
Hab' ich ein stetes Kämpfen
Und nimmer doch den Lohn.
Mich drücken schwere Ketten,
Die unerträglich sind.
Herr! willst Du mich nicht retten? -
Herr, ja, ich bin Dein Kind!
Berlin, 1816.
Gebet um Beharrlichkeit
Bedenk' ich Deine große Treue,
Bedenk' ich meine tiefe Schuld,
Dann fühl' ich heiße Scham und Reue
Und preis' in Demuth Deine Huld.
Ich bin nur Staub, aus Staub geboren,
Bin irdisch und verweslich noch,
Und bin zur Herrlichkeit erkoren,
Bin himmlisch auch und ewig doch.
O Vater, Deine große Liebe,
Wie kann ein Mensch sie je verstehn!
Gieb, daß ich mich in Einfalt übe,
Den Weg, den Du mich führst, zu gehn.
Gieb, daß ich Dir nicht widerstrebe,
Wenn Dornen meinen Pfad umziehn,
Und daß ich Dir im Glauben lebe
Und nicht von dieser Erde bin.
Gieb, daß der Erde Eitelkeiten
Mir unbewußt vorüber wehn,
Und daß ich mag zu allen Zeiten
Auf Jesu Kreuz und Sterben sehn.
Gieb, daß ich nimmer möge schwanken,
Wenn mir der Erde Reichthum blinkt;
Laß mich von Deinem Weg nicht wanken,
Wo mir am Ziel die Krone winkt.
Gieb, daß ich dulden mag und hoffen,
Und gieb mir Deinen heil'gen Geist
Und zeige mir den Himmel offen,
Wenn mir der Tod das Herz zerreißt! Amen.
Berlin, 1816.