Die Heimkehr
Zu Paris am Königsschlosse,
Das der Prinz nunmehr bezogen,
Harrt der Wagen lange Reihe,
Drängen sich des Volkes Wogen.
Auf der kunstgeschmückten Treppe
Stehn die königlichen Garden,
Dem Andrang des Volkes wehrend
Mit dem Stoß der Hellebarden.
Johann Kasimir, gebleichet
Von des Kummers langem Drucke,
Stieg herab, seit lange wieder
Heut im vollen Fürstenschmucke.
Auf dem Haupt die samtne Mütze;
Um den Busch des Reihers brannten,
In vielfache Schnur gewunden,
Große helle Diamanten.
An dem samtnen Oberkleide
Weite Ärmel niederhangen,
Drauf das goldne Fell des Widders
Und die Demantkette prangen.
Der kostbare Persergürtel
Trägt des Säbels Eisenbogen
Mit rubinbesetztem Griffe,
Den der Jüngling oft gezogen.
Ihn umrauschen die Begleiter:
Sully, Angoulême, nebst andern,
Sagen ihm viel süße Worte,
Wünschen ihm ein glücklich Wandern.
Doch der Zug, die Treppe nieder,
Muß auf jeder Stufe stocken,
Unaufhaltsam strömt das Volk zu,
Mit gutmütigem Frohlocken.
In der Treppe tiefster Ecke,
Hinter des Hatschieren Rücken,
Hat ein Mädchen sich geschmieget,
Auf den Zug hervorzublicken.
Eingebettelt in die Stelle
Hat sie sich mit bangem Flehen,
Daß sie dürfe nur noch einmal
Unbemerkt den Prinzen sehen.
Also hat in scheuer Demut
Klara Hebert sich verborgen;
Nicht mehr braucht ja ihre Liebe
Für den Teuren mehr zu sorgen.
Nicht gewahrt der rauhe Wachmann
Ihres Herzens lautes Pochen,
Und wie manche heiße Träne
Aus den Augen ihr gebrochen.
Plötzlich hält Johannes inne,
Forschend blickt er ins Gedränge;
Doch nicht sieht er, die er suchet
In des Volkes bunter Menge.
Und der Liebe bange Zweifel
Ihm die Seele jetzt erfassen;
»Klara!« ruft er laut und schmerzlich,
»Willst du mich im Glück verlassen?« -
Wie sie so ihn höret rufen,
Stürzt sie hin mit lautem Weinen,
Und ohnmächtig liegt das Mädchen
Auf der Treppe Marmorsteinen.
Festgedrückt an seinen Busen,
Hält Johannes sie umfangen,
Mit unendlich süßer Wehmut
Küßt er ihre bleichen Wangen.
Lange noch auf ihrem Antlitz
Ruht sein seliges Betrachten,
Und es zittert seine Stimme:
»Lebewohl!« der Auferwachten.
Zu Graf Angoulême nun spricht er:
»Eurem Schutz sei sie befohlen:
Ehret sie, wie es der Freundin
Ziemen mag Johanns von Polen!
Meines Lebens kühne Rettung
Dank ich diesen zarten Händen;
Und daß ich zur lieben Heimat
Wieder mag die Schritte wenden!«
Rasch besteigt er seinen Wagen;
Und den Prinzen segnet jeder.
Jetzt verliert sich in der Ferne
Schon das Rollen auch der Räder.
Die Sehnsucht
Haben wir auch schön geträumet
Von des Glückes Zauberlanden,
Wo sich ewge Freudenkränze
Um die trunknen Schläfe wanden;
Und wir wachen auf am Morgen,
Kehren zu des Lebens Mühen
Ohne Klagen wir zurücke;
Träume müssen ja verblühen.
Also waltet in dem Gasthof
Klara nach der alten Weise;
Nur ein seliges Erinnern
An den Traum umschwebt sie leise.
Mit gewohnter holder Miene
Grüßet sie die frohen Zecher;
Doch am freundlichsten vor allen
Füllet einem sie den Becher.
Oft auch sah man, wie die Jungfrau
Und der Krieger lange sprachen;
Heinrich ist es, der gestanden
Bei des Prinzen Kerkerwachen.
Heinrich weiß gar viel zu rühmen
Von dem schönen Fürstenjungen,
Wie dem Stolzen nie das Unglück
Einen Klagelaut erzwungen.
Eines aber hoch zu preisen
Seine Worte nie vergaßen:
Wie der Prinz den bösen Hauptmann
Chantereine einst angelassen.
Dieser trat mit plumpem Trotze
Vor den Stillen, scheinbar Zahmen,
Ihm den Säbel abzufordern
Frech in König Ludwigs Namen.
Doch wie donnerte der Jüngling:
»Ich bin Johann, Prinz von Polen!
Lüstet ihn nach meinem Schwerte,
Mags dein König selber holen!«
Feig verzagend vor dem Kühnen
Sucht der Hauptmann seine Rotte
Zu Gewalttat aufzustacheln
Mit Befehl und scharfem Spotte.
Ha! wie hat der Polenjüngling
Jetzt sein tapfres Schwert geschwungen!
Ha! wie ist er auf den Hauptmann,
Auf die Knechte eingedrungen!
Und die Rotte feiler Schergen
Taumelte zurück, erschrocken,
Wie der Sturmwind auseinander
Jagt der Spreu geringe Flocken. -
Schwellend hat bei solchen Reden
Klaras Busen sich erhoben;
Süßer Klang ists für die Jungfrau,
Hört sie den Geliebten loben. - -
War nun Klara gegen jeden
Froh und freundlich tagesüber;
Wenn sie endlich kann allein sein,
Ist sie abends um so trüber.
Ist ihr auch das Glück der Liebe
Wie ein Traum vorübergangen,
Werden doch in stiller Sehnsucht
Täglich blässer ihre Wangen.
Oft in heitern, schönen Nächten,
Wenn der Mond, die Sterne scheinen,
Wandelt Klara, sein gedenkend,
An dem Strand mit leisem Weinen;
Horchet in die Meeresweiten,
In die stummen, regungslosen:
Keine fernen Ruderschläge? -
Keine Lieder der Matrosen? -
Wirft das Meer in trüben Nächten
Seine Wellen ans Gestade,
Wandelt Klara still und einsam
Ihres Grams geheime Pfade.
Aber nicht vom stillen Meere,
Nicht vom Meere sturmgeschlagen,
Harret sie auch manche Jahre,
Wird der Teure her getragen.
Der Ring
Jubelnd ist der Tag erschienen,
Schwingt den Goldpokal der Sonne,
Gießt auf Berg und Tal berauschend
Nieder seine Strahlenwonne.
In den Lüften aufzutauchen
Darf kein Wölkchen sich getrauen,
Auf das Glück der treuen Liebe
Will der
ganze Himmel schauen.
Nur die Lerchen, Freude singend,
Steigen auf im Morgenglanze,
Trunken von den Strahlengüssen
Jauchzt die Welle der Durance. -
In dem Garten, wo vor Jahren
Gingen in der Schattenkühle
Klara Hebert und Johannes
Mit verschwiegenem Gefühle;
Wo die lauten Nachtigallen
Süß verräterische Lieder
Sangen auf den grünen Zweigen:
Wandeln sie auch heute wieder.
Und in seliger Verschlingung
Kehren sie zum trauten Orte,
Wo vor Jahren ihre Liebe
Fand die ersten, leisen Worte.
Klara blüht in neuer Schöne,
Rosen, Fremdlinge seit lange,
Kehrten schüchtern heute wieder
Auf die freudenhelle Wange.
Nach dem hohen Felsenhause,
Das nun wieder wüst und einsam,
Wandeln Klara, ihre Mutter
Und Johannes froh gemeinsam.
Selbst die rauhen, öden Klippen
Hält die Freude jetzt umschlungen;
Nur wie leichte Nebel schleichen
Durchs Gestein Erinnerungen.
Als sie treten in das düstre
Und verhängnisvolle Zimmer,
Treffen die erstaunten Frauen
Kruzifix und Kerzenschimmer.
Und dem Priester, der sie grüßet,
Harrt am Munde schon der Segen;
Auch der alte treue Marko
Eilt der Jungfrau froh entgegen. -
Klara trug das goldne Ringlein
Auf der stillen Herzenswunde,
Das ihr scheidend einst gegeben
Johann in der bangen Stunde.
Den Smaragd am Ringe damals
Sah das Volk gar hell erglänzen,
Mit prophetischem Gemahnen
An das Grün von Myrtenkränzen.