Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Otto Julius Bierbaum



Sinngedichte





Bellender Neid


Wie es dir schlecht ging, ließen sie dich gelten,
Du warst talentvoll und ein Biedermann;
Da führte dich das Glück nur einen Schritt voran,
Und schon hubs an, das dumpf verhaltne Schelten.

Nun aber, da sich ganz die Himmel dir erhellten
Und dir das Glück sehr hold zu sein begann,
Jetzt fangen heulend sie zu bellen an,
Wie hungerstoll nur je im Walde Wölfe bellten:

Du bist ein Stümper und ein Schuft, pack ein!
Talentlos, ehrlos, schamlos ohnegleichen;
Der Speichel ist zu gut, dich zu bespein.

Du wirst doch nicht vor diesen Kläffern weichen?
Hör das Konzert an, Freund, es muß so sein:
Die Bettler sind es am Portal des Reichen.






Glück auf die Reise!


Sie machen die Luft dir dumpf und schwer,
Die kreischenden Zwerge?
Lach ihnen Abschied! Fahr über das Meer!
Steig über die Berge!

Doch, ehe du gehst, nimm einen am Ohr
Und schüttel ihn leise.
Verloren ist, wer den Humor verlor.
Glück auf die Reise!






Meinen werten Feinden


Die Feinde haben mich weise gemacht,
- Die guten Feinde!
Erst hab ich gebrummt, dann hab ich gelacht
Der grimmen Gemeinde.

Sie haben mir, was ich bin, gezeigt,
- Die lieben Leute!
Nun weiß ich, wie man lächelt und schweigt.
Wer haßt mich heute?






Rat


Was machst du für ein schief Gesicht?
- Ach Gott, der X, der miserable Tropf,
Spie Tinte mir auf mein Gedicht.

Du Kinderkopf!
Kein größer Ehr könnt dir geschehen sein.
Geh hin und trinke einen Freudenwein!






Einem Geräuschvollen


Laß mir mein Glück,
Ich laß dir deins;
Mir thuts nicht weh,
Wenn ich mit Hengsten viere lang
Dich fahren seh.

Laß mir mein Glück,
Ich laß dir deins;
Laß mich allein.
Ein Stückchen Erde will ich und
Ein Bauer sein.






Ach so!


Wohin denn, wohin denn so schnelle,
Du Mann mit der Elle?
Siehst nicht den schönen Regenbogen?

Frivoler Geselle!
Den eben will ich messen gehn.
Wär mir eine Art, so dazustehn
Und bloß die Farben anzusehn.
Ich bin gründlich!






An die Verschämlichen


Ihr armen Schächer, wie thut ihr mir leid
In eurer Tugend engem Kleid,
Darunter die Triebe zu Krankheiten werden,
Zu bösen Dünsten und allen Beschwerden
Der Leibeslüge und Heuchelei.
Nie seid ihr froh, nie seid ihr frei,
Denn euer Wahn hat zur Sünde verdacht,
Was Kreaturen selig macht.
Des Lebens Quell mit Schmutz zu verschlammen,
Tragt alle Unnatur ihr zusammen;
Was fröhlich, rein, lebendig fließt,
Wird euch und uns zum faulen Bache,
Zur giftigen Sünden-Unken-Lache,
Wenn eure »Moral« hinein ihr gießt.
Oh Jammermißbrauch mit dem Wort!
Was blüht, ist Leben, tot, was dorrt;
Ihr aber streut Salz auf des Lebens Fluren,
Was keimt und treibt, ist euch verhaßt,
Dem Leben grabt ihr ohne Rast
Das Grab, ihr »sittlichen« Lemuren.






Der Kunstmäcen


»Sieh den kunstergebenen Herrn,
Fortgeschritten und modern!
An den Wänden: Thoma, Klinger,
Stuck, Rops, Goya, Stauffer-Bern,
Und die neuesten Meister-Singer
Kennt er, kauft er, liest er gern!«

»Gut, gut, gut. Ich weiß es schon.
Leider - spricht er auch davon.«






Der Dichter an den Philosophen


Was willst du alles wissen?
Oh Weiser, sei kein Thor!
Wer klug ist, zieht dem Leben
Leis einen Schleier vor.

Das Nackte ist das Leere,
Wenn du es nicht verklärst,
Und keine Schönheit wäre,
Wenn du kein Seher wärst.






Meine Antwort


»Freund, ob künde dein Verlangen!«
-: Einsam sein und Verse fangen.






Sprueche





Mein ABC


(An Frau Gutheil-Schoder in Verehrung und Dank- barkeit.)


A


Arbeitstag,
Pendelschlag,
Ackermühe, Ackerglück,
Furche bin, Furche zurück:
Wer das versteht,
Hat sich Frieden gesät.

B


Baumeister sei, wer du auch bist;
Der Bauherr Gott gab dirs Gerüst
Und was zum Baue nötig ist.
In dir und um dich liegts bereit.
Hast etwa vierzig Jahre Zeit:
Nun baue dich empor:
Schiff und Umgang, Turm und Thor.
Ich hoffe, du bist nicht so gemein,
Willst mehr als Stall und Scheune sein.


C


Cicero, ein Biedermann,
Catilinan gar nicht leiden kann;
Cäsar sieht sich beide an
Und denkt: die kamen wie gerufen:
Ich will steigen, da sind die Stufen.

D


Damen hab ich viel gesehn,
Schöne und gescheidte,
Nach Frauen mußt ich auf die Suche gehn,
Und oft ins Weite.

E


Ernstlich, ehrlich, ehrerbietig, eigen:
Wer die vier E ins Schild sich setzen kann
Und sie in Wort und Thaten zeigen:
Der ist ein Mann.


F


Feigheit und Neid, das schlimmste Paar,
Vom Teufel eingesegnet:
Laß sie nicht ein,
Bleib ihrer rein,
Und was dir auch begegnet!

G


Glück suchst du, das von außen kommt?
Das ist ein Glückwunsch, der nie frommt.
In dir liegt Gold! Leg nur die Ader bloß!
Sei auch die Ader klein, des Findens Glück ist groß.

H


Hurra rufen, ist das Tapferkeit?
Ist der der kühnste, der am lautsten schreit?
Wer fest die Zähne aufeinanderbeißt
Und drum nicht schreien kann ,
Das ist der Mann,
Der Feindesfahnen sicher an sich reißt.


I


Irdisches Jammerthal, - jämmerlich Wort!
Die es hier rufen,
Jammern sicher auch einmal dort
An des Ewigen Stufen.

J


Jubilate heißt jeder Tag,
Auf dem der Arbeit Segen lag.

K


Kosten und Küssen
Muß man nie müssen .

L


Lust, Liebe, Leid, - drei Ehe-L,
Folgen einander und wechseln schnell;
Wird aber kein L durchs andre gestört.
Wos Ehepaar recht zusammengehört,
Da findet sich auch als Ringgeschmeid
Das allerköstlichste: Lauterkeit.

M


Marschieren und lustig sein, das laß ich gelten,
Doch darf kein Feldwebel fluchen und schelten.
Das Allervergnüglichste wird Verdruß,
Steht auf der Fahne das grämliche Muß.

N


Niedertracht, Neid, Nörgelei
Bilden gerne Kumpanei,
Immer sind zusammen die Drei.
Laß sie, Freund, geh still vorbei,
Lach dir eins und laß sie lästern,
Diese dürren Kaffeeschwestern.

O


Oberflächlichkeiten
Sind geschickt, zu gleiten,
Wissen ihren Weg gar schnell zu gehn.
Denn sie lassen sich treiben.
Doch auf Pfützen bleiben
Breit sie und mit vieler Würde stehn.


P


Pietist
Reimt sich auf Christ, -
Was doch die Sprache oft scherzhaft ist.

Q


Quappen und Quallen
Mag Schlamm gefallen;
Wir von den Hellen
Gehn zu den Quellen.

R


Redlich und reinlich:
Darin sei peinlich!

S


Sorgen, das sind schlimme Gäste,
Kleben zähe, sitzen feste.
Mußt ihnen nur hurtig den Rücken drehn;
Wenn sie dich bei der Arbeit sehn,
Bleibt ihnen nichts übrig, als weiter zu gehn.

T


Teufel bannen, heißt thätig sein;
Herr Urian kehrt bei Frau Schlafhaube ein.

U


Undank ernten, das läßt sich tragen;
Wens ankommt, je nach Dank zu fragen,
Kann keiner vom Herrengeschlechte sein;
Aber Undank üben, macht pöbelgemein.

V


Versuch dein Glück! So rufen die Lotterien.
Zieh, doch bedenk: Du kannst auch Nieten ziehn.
Viel sicherer geht, wer, statt zu spielen, schafft.
Drum folg dem Ruf: Versuche deine Kraft!


W


Wirbelwinde, Wirbelköpfe
Zerschmettern Schiffe, zerbrechen Töpfe.
Klar und gradaus der Wind, der Kopf:
Im Hafen das Schiff, voll Speise der Topf.

X


X wird nie U, und machts dir einer vor,
Nimm ihn gelassen nur beim Ohr
Und setz ihn säuberlich vors Thor.

Y


Ypsilon ist gar so selten,
Schwer will sich ein Vers drauf melden.
So giebts im Leben auch leere Stunden,
Auf die ein Reim schwer wird gefunden.
Fällt uns nur sonst was Rechtes ein.
Eine Lücke wird immer verziehen sein.


Z


Zier dich nicht und sperr dich nicht,
Bürger dieser Erde.
Dazu ist das Mahl gericht,
Daß gegessen werde.