Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Otto Julius Bierbaum



Sprueche





Drei Sprüche in einem Gedicht


(Frau Dr. Blei zugeeignet.)


Geh zum Tisch des Lebens: nimm!

Sieh, es ist ein bunter Strauß,
Weiße Lilien und rote Rosen
Blenden, stammen zwischen großen
Grünen Blättern bunt heraus.

Glaube nicht ans ewige Grau!

Sei nur selber froh und bunt;
Schluckst du Staub, so trinke Weines,
Schmäle nicht, daß nur ein kleines
Glas dir ward für deinen Mund.

Schiel nicht auf der andern Art!

Sei getrost auf dich gestellt,
Sei Kristall und fange Strahlen
Und laß dir im Herzen malen
Sich aus Strahlen deine Welt.






Reimhatz


Die Erde, der runde,
Der bunte
Ball,
Spektakelt,
Mirakelt
Durchs Weltenall.

Wir taumeln
Und baumeln
Spektakelnd mit,
Werden älter,
Werden kälter,
Tante Mors ruft: Quitt!






Die gute Aerztin


Die Zeit / Die eilt / Die Zeit / die heilt.

Weis deine Wunden!
Oh Schmerz, und Blut!
Wird alles wieder gut:
Kühl wehen die Stunden.






Zwischen Saat und Sense


Das beste Werk auf Erden ist:
Korn in die Scholle säen,
Und aller Freuden vollste ist:
die schweren Schwaden mähen.
Rund geht der Wurf des Säemanns
und rund des Mähders Eisen,
Des ganzen Lebens Auf und Ab
liegt mitten diesen Kreisen.




Spruch


Ein jeder Mann hat seine Rüpeljahr.
Der wird kein ganzer Kerl, der nie ein Rüpel war.
Nur freilich, daß es geht, so wie mans treibt:
Mancher sein Lebtag bloß ein Rüpel bleibt.






Wahlspruch


Tragt Stein auf Stein zum Bau der Zeit:
Ich bau mich;
Türmt Türme für die Ewigkeit:
Ich bau mich;
Schleift spiegelblank die Menschheit glatt:
Ich bau mich;
Ich bin der blauen Pläne satt:
Ich bau mich.






Schwerthuldigung


Mit meinen Speeren
Will ich dich ehren,
Mit meinen Schwerten
Will ich dich werten,
Mit Stechen und Hauen
Will ich dir trauen,
Herr Feind!






Quietistendevise


Weise bin ich worden,
Wie der König Salomo,
Stifte mir den Orden
Zum gezähmten Floh.






Künstlerkernspruch


Welch Gegacker! Welch Gemecker!
Schriller Streit um die Geschmäcker.
Laß sie meckern! Laß sie gackern!
Wir wolln unsern Acker ackern.






Aesthetisches von den Kühen


Ah, wie glänzt das neue Thor!
Jede Kuh fürcht sich davor;
Es ist viel zu reine.
Laßts mit Mist beschmissen sein,
Gehen alle wedelnd ein,
Und es fürcht sich keine.






Vom Lorbeer


Lorbeer ist ein gutes Kraut
Für die Saucenköche;
Wers als Kopfbedeckung wünscht,
Wisse, daß es steche.






Das kommt von den Ochsen


Weil Ochsen ihm sein Rosenbeet zertraten,
Ward er Aristokrat aus einem Demokraten.






Eheglücksspruch


Es steht kein Wort in unserm Ring;
Rein ist der Reif um unser Leben.
Für unser Glück, dies stille Ding,
Wollts keine Goldschmiedworte geben.






Hans und Grethe


Hans und Grethe, Grethe und Hans;
Ueberall derselbe Tanz;
Immerfort derselbe Kreis,
Von Adam her im Paradeis
Zielt alles auf denselben Strich:
Das Ding ist unabänderlich.






Zwei Sprüche für Prüde





Zwei Sprüche für Prüde


1.


Die Sittlinge müssen sich immer genieren,
Wenn Einer recht herzhaft von Liebe spricht.
Sie denken halt immer ans »Amüsieren«,
An des Rätsels Heiligkeit denken sie nicht.






2.


Natur, mein Freund, ist immer sittlich.
Der Staatsanwalt freilich ist unerbittlich.
Jüngst hat er ein Andachtsbuch konfisziert,
Weil sich zwei Fliegen drauf kopuliert.






Sprueche





Misch dich nicht drein


In Liebesdingen raten,
Das heiß ich Narrenthaten.
Red an die Wand, red in den Wind,
Sie werden eher hören, als Die in Liebe sind.






Reisespruch


Bunte Dörfer, bunte Kühe,
Ackerpracht und Ackermühe,
Reichsten Lebens frischer Lauf.
Dreht sich alles weit im Kreise;
Mittendurch geht deine Reise:
Thu nur Herz und Augen auf.






Wetterregeln des Bunten Vogels


(Meinem Vater und meiner Mutter.)


Januar


An Fabian und Sebastian
Geh in den Keller, dreh auf den Hahn.

Februar


Wenn es um Lichtmeß stürmt und tobt,
Sei Grogk und Punsch gleich hochgelobt.

März


Gute Dinge sind Märzen-Ferkel und Märzen-Fohlen,
Aber die meisten Märzlieder soll der Kuckuck holen.


April


So lange die Dichter schweigen vor Georgi und Markustag
So lange dichten sie hernach.

Mai


Warmer Mai:
Viel Stroh und Heu;
Ein paar Gedichte sind auch dabei.

Juni


Das erste Wetter brüllt,
Die erste Rose lacht,
Nun, bitt ich, Menschenkind,
Ein klar Gesicht gemacht!


Juli


Magdalene, Margarethe
Weinen gern allebeede.
Brauchst dir nichts daraus zu machen;
Andre Mädel giebts, die lachen.

August


Kräht der Dichter auf dem Mist,
Nennt er sich feierlich Naturalist,
Aber das Wetter bleibt doch, wies ist.

September


An Mariä Geburt
Fliegen die ersten Schwalben furt,
Aber am Geburtstag der lieben Frau
Werden auch die ersten Trauben blau.


Oktober


Nach dem Tag Sankt Gall
Bleib die Kuh im Stall,
Nach dem Tag Lukas
Bleib der Mann am Faß.

November


Sankt Martin:
Feuer im Kamin;
Nun singe mit Luthern:
Laß fahren dahin!

Dezember


Eis hängt an den Weiden,
So ists an der Zeit.
Hat sichs ausgeschneit,
Wirst du Palmen schneiden.