6.
Die Löwenmaske aus schwarzem Granit,
Die du mir heute geschenkt hast,
Mißbrauch ich zum Tintenfaß.
Ehemals spie sie,
Es sind gewiß vier Jahrhunderte her
(Weshalb Marzocco nicht mehr ganz komplett ist),
Aus diesem rundgeöffneten Maule
Wasser, wer weiß wo, in ein weißes Becken.
Das stand gewiß in einem schönen Garten,
Und manchmal kam Madonna Gemma
Und hielt die weißen, heißen Hände unter
Und summte sich ein Lied zum Zeitvertreib:
... Im Lorbeerbaum hat die Amsel ihr Nest,
- Singe, Verliebte, singe -
Ich weiß ein Herz, das mich nie verläßt ...
Nun ist der schwarze Löwenkopf
Voll schwarzer Tinte, und kein Lied
Erfreut ihn mehr aus schönem Mund.
Aber:
Wenn er gut hinsieht mit seinen zwei schiefen,
Dreieckigen Augen, kann er lesen,
Was für untoskanische Verse ein Deutscher
Für die allerschönste Toskanerin macht.
7.
In Monte Cassino sagte mir einmal
Ein feiner Benediktiner: Ihr Deutschen
Hättet nie aufhören sollen, katholisch
Zu sein.
Ich machte die schönste meiner Verbeugungen und fragte:
Warum?
Mein Herr! entgegnete er, ihr Deutschen seid
Romantiker, Schwärmer im Grunde des Herzens.
Ich sah euern Kaiser. Ich sprach ihn. Dio mio!
Niemals noch hörte ich so ritterlich reden
Vom heiligen Benedikt und seiner Inbrunst
In diesen Gewölben: vom Kreuz; vom Licht
Des Glaubens und der Liebe; von der Wonne,
Ein Christ zu sein.
Das nennen Sie Romantik? fragte ich. Er lächelte
Und sprach:
Bei euch. Ihr sprecht von diesen großen Dingen,
Die uns zwar heilig, doch gewissermaßen
Gewöhnlich sind, so, wie die Dichter von Geliebten sprechen,
Die sie verloren haben:
Mit banger Zärtlichkeit, erinnerungsbeglückt,
Scheu hoffend, kummervoll und träumerisch.
Wie Männer von der ersten Liebe reden,
Die sie verstoßen haben, redet ihr,
Dem Anschein nach nicht glücklich in der Ehe,
Die euch »Vernunft« gebot, von den Geheimnissen
Des wahren Glaubens.
Was schließen Sie daraus? war meine Frage nun.
Er sprach:
Was ich schon sagte: Euer deutsches Herz
Ist grundkatholisch. Jener Wittenberger,
Oh, daß er Papst geworden wäre! Glauben Sie
Es einem, der den Doktor Martin kennt:
Ein
großer Papst ging, ach, mit ihm verloren.
Ich war der Gast des heiligen Benedikt und schwieg.
Doch revidiert ich in der Nacht mein deutsches Herz und fand
Es zwar romantisch und voll Schwärmerei,
Doch weder protestantisch noch katholisch.
Christus war drin, doch Aphrodite auch.
Ich fand den heiligen Franz, fand Luther, fand
Sogar ein Stückchen Herrenhut: doch das
Lag alles tief im Schatten. Hell stand, hoch,
Gehämmertes Gold, der stolze Eremit
Von Sils-Maria.
8.
Glauben ist Kleben,
Zweifeln ist Schweben,
Schaffen ist Leben:
Fest und bewegt.
Glauben verzichtet,
Zweifeln vernichtet,
Schaffen errichtet
Leben: erregt.
9.
Hier ist das edelste Werk getan
Allerlebendigster Kunst: hier ist
Kunst und Natur ganz eins.
Nichts verlor die Natur an die Kunst auf diesen Terrassen,
Die sich ihr fügten, indem sie sie edel
Faßten: Steine aus deinem Kern,
Fels von Fiesole.
Feld und Garten ist eins: es schlingt,
Wachsend aus gleicher Furche mit ihm
Zwischen den üppigsten Halmen des Korns,
Wolluststark sich die Rebe empor,
Keine Räuberin: Geliebte,
Hoch in den Ölbaum.
Alles umarmt sich hier: Rose den Lorbeerbaum,
Efeu die Eiche, die
Nie ihr Blatt verliert.
Engelwurz flicht sich sanft,
Liebevoll, Schmuck, ins Grün
Steiler, schwarzer Zypressen. Es hängt,
Gleich einem riesigen Bacchusgelock,
Blau der Glyzine Blütentraube
Schwer vom Säulengebälk der Villa.
Iris und Tulpen säumen das Garten-Feld;
Überall Sterne und Glocken im Gras,
Seltsame, feurige: namenlos
Nordischer Zunge.
Nichts scheint wild hier; alles ist Zucht;
Aber es ist die edelste Freiheit.
Dienerin wurde Natur dem Geiste,
Der aus ihrem Geist regiert.
Hier erkannt ich die Kraft
Und die herrliche Ewigkeit,
Hellas und Rom, des Sinns
Eurer Zeiten: hier
Lebt noch die
Herrscherin Kunst, die
alles
Bindet und hebt und verklärt und den Menschen
Wirklich zum Herren der Erde macht.