Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Paul Fleming



4. Liebesgedichte





94. Auf ihrer Beider Tränen


Ach! ist es noch nicht Zeit, o du gesalzne Flut,
die aus vier Augen hier in einem Rinnen rinnet,
ach! ist es noch nicht Zeit, daß ihr einmal beginnet,
ihr Tränen, aus zu sein? Es muß das rote Blut

auch sein heraus geweint? Ach! tut nicht, wie ihr tut,
seid gnädig unsrer Angst, als die ihr mindern könnet,
wenn ihr zu trucknen aus nur selbsten seid gesinnet.
Ihr löscht nicht, wie ihr meint, die heiße Liebesglut.

O daß Cupido doch Register halten solte
und nur das zehnte Teil des Wassers messen wolte,
o möchte Venus nur sein Richtrin dieser Pein,

ich weiß, es würde nicht der Himmel so viel haben,
so viel an alter Lust der ganze Himmel haben,
als viel der Tropfen nun von uns vergossen seyn.






95. Auf ihr Verbündnüß


Ihr Schatten, die ihr nur alleine bei uns seid,
und du auch stille Luft, die unsern Odem reget,
seid Zeugen zwischen uns! Der Eid ist abgeleget,
der Eid, der mir und ihr sol nimmermehr sein leid, -

diß ist mein und ihr Schluß: es berste List und Neid, -
so lang' ein Pusch sein Laub, die Erde Kräuter träget
und ein belebter Geist sich in der Flut beweget.
Diß soll sein Ende sein, wenn mehr ist keine Zeit.

So treue Fulvia, so liebet sichs ohn Schmerzen,
wenn solche Freundschaft macht ein Herze mit dem Herzen.
Es mögen Andre nun von ihrer Liebe Pein,

von Angst, von Grausamkeit, von dem und jenem klagen;
zwei Herzen, das sind wir, die können redlich sagen,
daß von der Liebe sie noch nie betrübet sein.






96. An seinen Ring


1639 Juli 26.

Der schöne Namenstag der Liebsten ist erschienen,
die Anmut macht mich froh, die aus der halben Nacht
ganz wie der Lilgen Milch und Blut der Rosen lacht,
mit Safran angemischt. Ihr müsset euch erkühnen

zu wagen einen Gang, ihr funkelnden Rubinen,
eilt, eh das schöne Kind von ihrer Ruh' erwacht,
und sehet, wie ihr euch an ihren Fingern macht!
So wird ihr sanfter Schlaf zu eurem Vorteil dienen.

Geht, bindet sie also! Wie aber, wollt ihr nicht?
Wie werdet ihr so blaß um euer Angesicht'
und was verstellt ihr euch in sterbende Geberden?

Ists etwan, daß ihr meint, wo sie schon sei erwacht,
ihr möchtet schamrot stehn für ihrer Lippen Pracht
und diß Gold bleiches Blei für ihren Augen werden?






97. An einen andern


Sei willig, edler Ring, mich willig zu gelosen
und einer schönern Hand forthin geschenkt zu sein,
die zwar nicht edler macht ein mehr als edler Stein.
Nein, darum send' ich ihr versetzt in dieser Rosen

die angenehme Nacht der günstigen Türkosen,
darmit sie nicht soll sehn des Scheines Widerschein,
der aus der Stirnen blinkt und auch den Stein nimmt ein,
daß er von ihrer Zier ihr gleichsam lieb muß kosen.

Der lichte Diamant blitzt, wie ihr Antlitz tut,
der blutende Rubin trinkt ihrer Lippen Blut,
der Wangen wahres Bild lebt in den Karniolen.

Lieb, liebe diesen Stein, ders redlich mit dir meint.
Denn daß ein andrer dir mehr hell' und reiner scheint,
das hat er deiner Zier und Schönheit abgestohlen.






98. Noch an einen


So reise denn auch du, du freundlicher Smaragd,
zu meiner Freundin hin und lasse dir behagen,
daß eine solche Hand dich förderhin soll tragen,
die auch, wie keusch du bist, dich doch noch keuscher macht.

Sei um sie, wenn sie schläft, sei um sie, wenn sie wacht.
Oft wird sie dich von mir und meiner Liebe fragen.
Halt' andrer Steine Brauch, die nichts nicht wieder sagen;
schweig, was du siehst und hörst und nim dich selbst in Acht.

Geschicht es etwan denn, daß sie dir in Gedanken
ein feuchtes Küßlein reicht, so heb' es auf für mich
bis morgen gegen Nacht. Und wolten etwan sich

die Lüfte, die es sehn, hierüber mit dir zanken
und mir es bringen eh', als ich mich stellet' ein,
so send' es mir durch sie und laß es heimlich sein.






99. Er redet den Mund seiner Freundin an, die er bei sich hatte


Hab' ich dich nun einmal, du Kühlung meiner Hitze,
du Labsal meines Dursts, den du mir selbst gemacht
nach deinem Lebenstau, als du mich angelacht
und ernstlich hast bestrahlt mit deiner Äuglein Plitze!

Wol mir Glückseligem, der ich den Göttern sitze
selbselbsten in dem Schoß'! Ich find an mir vollbracht
all', alle Süßigkeit, so werden kan erdacht,
und biete nun auf Lust den Göttern selbst die Spitze.

Tut, bitt' ich, tut euch auf, o ihr Korallenpforten,
und sagt mir eure Gunst mit halbgemachten Worten.
Doch, was begehr ich das? Du bist ihr Herzens Rat,

du rosengleicher Mund, das, weils nicht kan geschehen,
daß sich es bloß von mir und leiblich lasse sehen,
dich mir an seine Stat hieraus gesendet hat.






100. Er redet ihre Tränen an


Versieget doch einmal, ihr siedenheisse Tropfen,
die wie das fremde Pech mein Feuer stecket an,
das ohne das für sich kein Wasser löschen kan,
schließt euer' Adern zu und laßt sie sich verstopfen!

Ihr seid der herbe Saft aus Wermut, Gall' und Hopfen,
für meinen Durst erpreßt. Was Labsal hab ich dran?
Hört auf, sonst wird mir noch von euch der Tod getan,
in dem ihr mir erweckt ein solches Herzenklopfen.

Was könnt ihr Anders tun, ihr Schmerzenkinder, ihr,
als daß ihr Schmerzen auch und Pein erweckt in mir,
die wieder von mir aus in eure Brunnen quellen?

O Angsttau, der mein Herz' hat matt und welk gemacht,
ists noch nicht gnung, daß du bisher dich um hast bracht,
wilst du dich, mich und sie in eine Grube fällen?






101. An Volinien


1639 Herbst.

Wenn ich, Volinie, wie ich denn stetig pflege,
besinne deine Gunst und reiche Freundlichkeit,
die du mir hast bezeigt so eine lange Zeit,
und gegen dessen Wert mein armes Tun erwäge,

darmit ich dankbar bin, was Wunder, werd ich träge,
zu treten vor das Licht? Es ist mir mehr als leid,
daß ihr so ungeneigt, ihr harten Götter, seid,
der ich doch vor euch geh' auf einem reinen Stege.

Nim dieses mein Sonnet zur Handschrift und zum Pfande,
daß ich dein Schuldner bin, aus meinem Vaterlande,
von dem ich nun so weit und ach! wie lange! bin.

Livonie, dein Preiß soll neben seinem stehen
und über das Gestirn' in reinem Glanze gehen,
nach dem so mancher wündscht und ich nur komme hin.






102. An das Jahr, daß es doch balde verlaufe


1640 Januar 1.

Zwölf Fürsten dienen dir, vier Häuptern untertan,
die Wochen sind dein Heer, als welche du aus Tagen,
aus Stunden diese machst. So fährst du auf dem Wagen,
den Mon und Sonne ziehn. Die Zeit, die fleucht voran,

häut Alles vor ihm um und macht dir reinen Plan.
So sieht man weit und breit des Sternen Pövel jagen
um, neben und nach dir. So wirst du hingetragen
ins Haus der Ewigkeit, der Niemand folgen kan.

Lauf, Vater Jahr, diß Jahr lauf mehr als sonst behende
und komme noch einmal so balde zu dem Ende,
o meiner Arbeit Trost, daß ich das schöne Tun,

auf das mein Vaterland in langer Hoffnung denket,
recht führe wol hinaus, und, die sich itzt so krenket,
alsdenn mit Freuden mög' in diesen Armen ruhn.