Brautlied
Welch ein Scheiden ist seliger,
Als zu scheiden von Mädchentagen?
Welch ein Klagen ist fröhlicher,
Als in Myrten um Veilchen klagen?
Als dein Schifflein im Hafen lag,
Meerwärts oft sich die Wimpel regten,
Ob auch heimischer Wellenschlag,
Land und Himmel es treulich hegten.
Nun die Anker gelichtet sind,
O wie köstlich die Fahrt ins Weite!
Düfte schwimmen im Frühlingswind,
Und du lächelst an
seiner Seite.
Manch ein segnender Seufzer schwingt
Sich ins Segel, es lind zu schwellen.
Laß dies Lied, das die Liebe singt,
Sich als günstigen Hauch gesellen!
Zuflucht
Und so hebst du meiner Seele
Schleier mit der weichen Hand,
Daß sie nichts mehr dir verhehle,
Die errötend vor dir stand.
Ach, was ihr im Übermute
Lieblich an ihr selber deucht',
Seit darauf dein Auge ruhte,
Ist der eitle Wahn verscheucht.
Nun entkleidet ihrer Flittern,
Nun so scheu in sich geschmiegt
Überrieselt sie ein Zittern,
Zwischen Glück und Scham gewiegt.
Bis sie sich mit heft'gem Triebe
Dicht an
deine Seele schließt
Und die Fülle deiner Liebe
Wie ein Schleier sie umfließt.
Im Walde
Heut beschlichen mich die Träume,
Da es heller Mittag war.
Durch des Waldes junge Bäume
Flog's wie Duft von deinem Haar.
Leise klang ein holdes Lachen,
Wie nur deine Lippe lacht,
Wenn des Morgenrots Erwachen
Deine Seele fröhlich macht.
Ja, mir war's, als ob mich träfe
Deines Auges stiller Geist
Und ein Kuß an meiner Schläfe,
Wie nur du zu küssen weißt.
Amor in der Mauser
Einsam, traurig und gefangen
Sitzt der kleine Gott zu Haus,
Und mit naßgeweinten Wangen
Rupft er sich die Federn aus;
Spitzt sie fein an seinen Pfeilen,
Taucht sie in ein Tröpfchen Blut,
Schreibt damit entflammte Zeilen,
Brief' und Lieder voller Glut.
Ach, und kann's ihm denn genügen,
Daß er lahm die Feder führt,
Da er einst in sel'gen Flügen
Zweier Schwingen Kraft gespürt?
Heil'ge Venus, laß geschwinde
Hingehn diese Mauserzeit,
Die dem armen Götterkinde
Sichtbar kümmerlich gedeiht.
Neu beschwing ihm das Gefieder,
Das nun kriechend kritzeln muß:
Blick und Wort statt Brief' und Lieder,
Statt der Siegel Kuß um Kuß!
Bei Nacht
Rausche, Brunnen, rausche du,
Singe mir das Herz in Ruh!
Könntest du die Flammen kühlen
In der Nacht, der sommerschwülen,
Mir im Nu
Aus dem Blut das Fieber spülen!
Rausche, Brunnen, rausche du!
Was ich sinne, was ich tu',
Wie die Stunden leer sich dehnen,
Zuckt und zehrt in mir das Sehnen
Immerzu -
Öl ins Feuer sind die Tränen.
Jetzt wohl aus dem kleinen Schuh
Schlüpft ihr Fuß und geht zur Ruh'.
Und nun liegt sie wach im Bette:
»Ach, daß ich ihn wiederhätte!« -
Herz, und du
Zerrst dich wund an deiner Kette!
Unterwegs
Nun brause mich, Wind, nach Hause geschwind,
Dort sitzt mein Liebchen und sehnt und sinnt,
Ihre einz'ge Gesellin die flackernde Kerz',
Und sie horcht auf den Sturm und horcht auf ihr Herz.
O trage mich, Wind, durch den sausenden Hag,
Beflügle den Fuß mir dein Flügelschlag,
Beflügle die Zeit, und mit klirrendem Ton
Poch an ihr Fenster: wir kommen schon!
Wir kommen! Und brechen wir ein in das Haus,
Dann stürme dein Atem das Flämmchen aus,
Dann saus' und brause hinaus in die Nacht,
Um die Hütte der Glücklichen halte die Wacht!
Verklärung
Nicht weinen sollst du, sollst frohlocken
Und still dich segnen früh und spät,
Wenn deine Seele tieferschrocken
Am Abgrund unsrer Liebe steht.
Der Lärm des Lebens ist versunken,
Kaum dringt der Freunde Ruf herauf.
Wir schauen stumm und wonnetrunken
Zu seligen Gestirnen auf.
Und wie des Friedens sanfte Welle
Begräbt den schwanken Grund der Zeit,
Wird's vor den Sinnen morgenhelle
Und tagt wie Glanz der Ewigkeit.
In so und so viel Wochen
Als ich von Reisen heimgekehrt,
Wie froh begrüßt' ich Haus und Herd!
Die Zeit ist hingeschlendert,
Hat nirgend nichts verändert.
Zum Willkomm trug mein Weib herein
Dieselbe Flasche Cyperwein,
Die wir mit Herzenspochen
Beim Abschied angestochen.
Die Bettchen hab' ich still beschaut,
Drin lagen unsre Kinder traut
Mit rotgeschlafnen Wangen,
Wie da ich fortgegangen.
Rings alles an der alten Statt,
Im Buch noch eingemerkt das Blatt,
Bei dem ich abgebrochen
Vor so und so viel Wochen.
Doch morgens, horch! was trippelt da?
Was ruft mir: Guten Tag, Papa!
Der Tausend! Ernst, mein Junge,
Wer löste dir die Zunge?
Wer half dir auf die Beine flink?
Du rutschtest kaum noch, als ich ging,
Und hast kein Wort gesprochen
Vor so und so viel Wochen.
Ach freilich, deine Welt, mein Kind,
Verwandelt noch sich blitzgeschwind.
Erst wenn wir älter werden,
Geht's fein im Schritt auf Erden.
Dann klärt der Siebenmeilenlauf
Der Jugend wunderlich uns auf,
Daß wir auch vorwärts krochen
Um so und so viel Wochen.
Nachtgesicht
Ich lag und schlief im Windsgebraus,
Da hab' ich ein Gesicht geschaut.
Viel Gäste kamen zu mir ins Haus,
Mein kleines Hündchen winselte laut.
Ich kannte sie alle ganz genau,
Es ward geschmaust, getanzt, gescherzt.
Ich saß bei meiner lieben Frau
Und sah, wie sie ihr Jüngstes herzt'.
Sie war ein wenig blaß und still,
Doch schön wie je und sanft und gut.
Sie sprach: Was nur das Hündchen will?
Ich sprach: Es bellt aus Übermut.
Mein Vater schenkte vom besten Wein
Und rief: Das Leben, es lebe hoch! -
Meine Mutter lud zum Essen ein:
Kommt, Kinder, wir haben Vorrat noch!
Meine Jugendfreunde traten heran,
Das Glas in der Hand, und tranken mir zu.
Ich leerte das meine und rief: Wohlan,
Auf Brudertreue in Kampf und Ruh'!
Dann faßt' ich meiner Liebsten Hand,
Sie küßte mich sanft und sprach: Gute Nacht!
Ich muß nun fort in ein andres Land;
Nimm unsre kleinen Kinder in acht! -
Da schrie ich auf und sah mich verwaist,
Da krähte der Hahn, und der Morgen graut'.
Mit den Toten hatt' ich zu Nacht gespeist -
Mein kleines Hündchen winselte laut.