Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Richard Fedor Leopold Dehmel



Zweite Stufe: Liebe





Deine Nähe


Zitternd bin ich aufgesprungen,
glühend, mit dem Tageslichte,
dir zu singen die Gedichte,
die im Traum ich dir gesungen:

nie ertönte Zauberklänge,
wunderzarte, weiche, milde, -
nie erbrauste, heiße, wilde,
heilig rauschende Gesänge;

mußten alle alle preisen
Deinen, immer Deinen Namen,
bis der Erde Völker kamen,
fromm zu lauschen meinen Weisen;

kamen aus den fernsten Landen,
sprachen wohl in allen Lauten,
aber wie sie Dich nur schauten,
haben Alle mich verstanden.

Eines nur der tausend Lieder,
Eines nur noch Einmal singen!
ewig würd' es weiterklingen!
Ach, ich finde keines wieder:

tief im Herzen welch ein Bangen,
welch ein zagendes Beginnen,
welch ein bebendes Besinnen,
seit du von mir bist gegangen!




Entweihung


Wag' es selber kaum verstohlen
deinen Namen mir zu stammeln;
ist mir immer doch, als müßt' ich
still mich erst zur Andacht sammeln.

Und ich muß es schweigend leiden,
darf nicht heil'gen Zorns entbrennen
wenn die Andern ohne Scheu mir
diese keuschen Laute nennen, -

mit denselben Lippen nennen,
die des Neides Siegel tragen,
die mit Kuß und Lächeln feilschen,
die zur Lüge Weisheit sagen!

Fort! ich will aufs Pferd mich werfen,
in die freie Flur es lenken,
will zu meiner Mutter flüchten:
ganz in Reinheit Dein zu denken.




Frieden der Nacht


Nun ist der letzte Funken hingeschwommen,
der um die schwarzen Wipfel noch gespielt, -
im Strome auch der letzte Schein verglommen,
den zitternd noch die Welle hielt.

Tief im Gefild die blauen Nebel schleichen,
vermählen Erd' und Himmel sich im Duft; -
und wiegend tauscht die Pappel ihre weichen
schwermüt'gen Küsse mit der Luft.

Ich fühle lauschend meine Pulse stocken,
als strömt' ich in die Finsternis hinein;
der Nachtwind taucht mir in die feuchten Locken,
und meine Seele schlummert ein.




Waldnacht


Ganz still ist's, - nur ein Rauschen
schwillt durch die Bäume sacht,
als ob sie flüsternd lauschen
dem Schlummerhauch der Nacht.

Und in dem großen Schweigen -
da bin ich ganz allein,
da bin ich ganz mein eigen:
ganz nur Dein.




Käferlied


Maikäfer, surr,
bleib du sitzen nur!
Breite deine Fühler aus,
mach zwei kleine Fächer draus,
schwing sie hin und her,
zähle mi wat vör!
Zähle: ich will mit dir zählen,
wieviel noch Minuten fehlen,
bis die Liebste mein
wieder wird zuhause sein!
Maikäber, Maiker:
sonst holt dich der Deiker!




Jünglings Sehnsucht


Möchte von dannen
dies Sehnen bannen!
Weiß nicht, was thun ich will!
weiß nicht, ob ruhn ich will!
Jetzt Alles tragen
und stolz verzagen,
jetzt Alles wagen
und zu ihr jagen!
Ein unstät Rasten
all mein Thun,
ein zaudernd Hasten
mein Wille nun!
Möchte von dannen
dies Sehnen bannen:
ach, aber bin
so glücklich drin! -




Mädchens Sehnsucht


Möcht' ein Lied dem Liebsten singen,
daß er tief ins Herz mir sieht;
doch es will mir nicht gelingen,
und mein Sinn ins Weite flieht.
Ob es mir an Tönen fehle?
ob zu Ihm mein Sinn gleich flieht?
Aber meine ganze Seele
ist ein einzig Sehnsuchtslied.




Natur und Sehnsucht


1.


Schlaflos lieg' ich, wie im Fieber
starr' ich in die Schatten hin,
ob mir eben nicht ihr lieber
Augenstrahl erglänzte drin,

ob nicht solche Grüße brächten
auch zwei Seelen sich von fern,
wie in heitren Sommernächten
fällt vom Himmel Stern zu Stern.


2.


Wie der Mond im Wechsel wandelt
ruhlos je und je,
bis das blasse Antlitz wieder
ihm verklärt die See:

muß ich einsam immer schweifen,
schweifen ohne Ruh' -
ach, wann strahlet Frieden wieder
mir dein Auge zu?!


3.


Aus des Abends weißen Wogen
taucht ein Stern;
still von fern
kommt der blasse Mond gezogen.

Fern, ach fern
aus des Morgens grauen Wogen
langt der stille blasse Bogen
nach dem Stern!


4.


An dem Fluß die alte Stelle
hab' ich suchen müssen,
wo die Weiden niederhängen,
um die Flut zu küssen.

Doch es rinnt die kühle Welle
ungerührt von hinnen:
und ich muß bei ihren Klängen,
Liebste, Deiner sinnen!


5.


Stumm und schwer die Blätter hangen,
regungslos die Bäume stehen,
und ich fühl' ein seltsam Bangen
durch die heißen Lüfte wehen,

bis ins heiße Herz mir zittern,
ob ich flüchte, ob ich weile ...
Oh, ich lechze nach Gewittern!
komm, Geliebte! eile! eile!