Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Richard Fedor Leopold Dehmel



Zweite Stufe: Liebe





Ballnacht


Schwirrende Klänge,
rauschend Gewirre!
Ich im Gedränge
einsam irre;
weiß es und weiß es, du bist nicht hier,
und muß doch spähen, suchen nach dir!

Aller der Blicke
gaukelndes Plaudern,
der Händedrücke
flüchtiges Zaudern, -
Alles ein großer wogender Traum:
leer mir, leer mir der schwüle Raum!

Köpfe sich neigen,
Füße schweben,
Körper sich beugen:
sinnlos Leben!
Flutendes, flitterndes, zitterndes Licht
trübe ins trübe Auge mir bricht.

Wie dort die Sterne
durchs Fenster glimmen!
Fort in die Ferne
möchte ich schwimmen
auf ihren Strahlen zu Dir, zu Dir,
die du erglühend träumest von mir.




Tiefste Sehnsucht


Wollte gerne gleich vergehen,
wenn du jetzt ans Herz mich nähmest, -
mit dir, ohne dich vergehen,
wenn du nur ganz stille kämest,

nur die glühende Stirn mir küßtest,
nur mein brennend Auge kühltest:
daß du all mein Sehnen wüßtest,
all mein heiß Verlangen fühltest!




Geständnis


Daß deiner ich so ganz vergessen
in einem wilden Augenblick,
in wüster Laune mich vermessen
zu lösen Dein und mein Geschick:
kannst du's verzeihn?

Mein Sinn so trüb! die Nacht so dunkel!
heiß schoß ins Auge mir das Blut!
im Strome unten welch Gefunkel!
ein weher Schrei, ein Sprung zur Flut!
Kannst du's verzeihn?

Kannst du dem Freunde mit mir danken,
daß Du noch mein, daß Ich noch Dein?
Du Reinste, kannst du ohne Wanken
dem Frevler noch dein Leben weihn? -
Kannst Du verzeihn?!




Rückkehr


Ich seh' in deine Augen wieder,
so friedevoll, so still und tief;
da schweigen all die falschen Lieder,
die schrill in mir der Zweifel rief.

Du darfst den trüben Wahnsinn wissen,
der gräßlich lacht in mir und schreit,
daß ich vom Mutterleib gerissen
zu graunvoll freudelosem Streit,

daß mich Natur mit allen Trieben
im Schooß der Wonne schon verdammt,
daß Die verflucht sind, die mich lieben,
daß meine Brunst nur Unheil flammt!

Du, Du, die Eine, hast ergründet
mein innerst Sündenangesicht,
hast mich entsühnt, zur Glut entzündet
in mir der Reinheit schwaches Licht.

Vor Deiner Seele heil'gem Zwange
weicht meiner Sinne dumpfe Nacht:
Natur von ihrem rohen Drange
erlöst der Liebe höhere Macht.

In Thränen stirbt mein bittres Bangen,
ob ich berufen sei zum Glück;
besänftigt ist mein trüb Verlangen,
der Menschheit gabst du mich zurück!




Sühne


Erwachen endlich denn die Töne wieder,
die mir so dumpf und schwer im Herzen schliefen?
Oh steigt empor aus euren dunklen Tiefen,
schwingt rauschend auf zum Licht euch, meine Lieder!

Nehmt mit die Thränen alle im Gefieder,
die Thränen der Geliebten, die euch riefen!
aus euren sel'gen Höhen laßt sie triefen
wie Tau des Himmels dann auf mich hernieder!

daß sie mir fluten durch die stillsten Gründe
der kranken Seele und gesund sie baden,
bis ich, erlöst von aller meiner Sünde,
mich vor mir selbst kann zu Gerichte laden

und jubelnd vor mir selbst entsühnt mich künde:
weil jede Thräne eine Welt voll Gnaden!




Einst!


O weine nicht! die Wunden heilen bald,
die uns ins Herz der Sehnsucht Dornen rissen.
Du wirst noch jubeln, wenn mit Allgewalt
das Licht hervor bricht aus den Finsternissen!

Denn siehe: um dein Haupt ein Kranz erblüht,
wie schöner niemals ihn ein Weib getragen,
drin jeder Schmerz als Purpurblume glüht,
den dir um Mich die Liebe hat geschlagen!

Schon tauch' ich meine Hand ins Morgenrot,
das einst auch Deine Stirne wird verklären,
wenn eine ferne Sage unsre Not
und wenn als Sterne glänzen Deine Zähren!




Gebet an die Geliebte


Hoffe, hoffe! daß auch Ich kann hoffen!
Schleicht der Winter schon in unser Leben,
das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen?
sahen darum wir den Himmel offen,
daß wir nun zu Grabe sollen streben?!

Glaube, glaube! nimm mir nicht den Segen,
daß ich Einen durch mich glücklich wisse!
Oh, es geht sich schwer auf meinen Wegen:
Schnee und Eis starrt von den Höh'n entgegen,
und im Abgrund gähnen Finsternisse!

Nein! von Liebe will ich Nichts dir sagen!
mußt es selber fühlen, ob die Gluten
dir empor zu heil'gen Flammen schlagen,
in der Lohe uns gen Himmel tragen,
Schnee und Eis zerschmilzt in Lava fluten!




Du zürnest nicht


O zürne nicht, wenn mein Begehren
aus seinen Tiefen lodernd bricht!
soll es sich selber nicht verzehren,
muß zuckend es hinaus ans Licht.

Fühlst ja, wie heiß mein Leben glutet
und wenn empor die Flamme bricht,
dich meine Liebe jäh umflutet,
dann bebst du, - - doch du zürnest nicht.