Johannes Spangenbergs Sammlung Deutscher GedichteGoethe Scherenschnitt

Deutsche Gedichte, eine Anthologie

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Robert Eduard Prutz



Gedichte





Weh' euch, ihr stolzen Hallen


Da soll die Hütte niemand bauen,
da siedle nie ein Mensch sich an,
wo man den Dichtern nicht mehr trauen,
wo man kein Lied mehr hören kann!
Wo man der Leier goldne Saite
weit schlimmer fürchtet als das Schwert!
Wo zu der Geister frischem Streite
man weder Raum noch Licht gewährt!
Was nützt es Tempel zu errichten,
wenn ihr die Götter selbst vertreibt?
Die Wahrheit sucht ihr zu vernichten:
Was nützt es, daß die Lüge bleibt?! -
Ihr habt euch selbst das Los gezogen,
die Stunde naht, das Maß ist voll;
und statt der Leier greift den Bogen
der rächende, der Gott Apoll!

1846






Wo sind die Lerchen hingeflogen


Wo sind die Lerchen hingeflogen,
die sonst den jungen Tag begrüßt?
Hoch schweben sie am Himmelsbogen,
von Morgenlüftchen wach geküßt:
Es floß ein Regen süßer Lieder
herab auf die beglückte Welt,
und alle Herzen tönten wieder,
und jedes fühlte sich ein Held.

Jetzt schweigt die Flur! - Lautlose Schwüle
liegt ausgegossen weit und breit,
die Willkür ruht auf seidnem Pfühle
und freut sich ihrer Sicherheit:
Als hätte mit den freien Kehlen
sie auch die Herzen stumm gemacht!
Als schwiegen zitternd alle Seelen,
weil sie die Lippen überwacht!

Ich aber sah die Wolken steigen,
und Blitze zucken um den Turm -
Ja, es ist wahr! Die Lerchen schweigen,
allein sie schweigen - vor dem Sturm!
Ihr habt das Lied nicht hören wollen,
euch hat die Lerche nichts gelehrt:
Wohlan, so wird der Donner rollen,
und statt der Saite klirrt das Schwert!

1844






Sie sähn es gern, ich würde kirre


Sie sähn es gern, ich würde kirre
und beugete mich niederwärts;
sie machten gern mein tapfres Herz
in seinem stolzen Glauben irre.

Sie sagten mir: Es ist vergebens,
du änderst nicht den Lauf der Welt;
Knecht bleibt sie doch! Und dir vergällt
hast du den Sommer deines Lebens.

Wohl, sei es so! Sich fügen lerne,
wem Fügsamkeit genügen kann,
auch Demut schmücket ihren Mann:
Ich aber folge meinem Sterne!

Da hilft kein Rat, da ist kein Wählen,
ich kann nicht anders, wollt' ich auch:
Die Freiheit ist mein Lebenshauch,
sie ist die Seele meiner Seelen!

So laßt mich meine Bahn vollenden,
wie sie auch sei, mein Ziel ist mein;
ja, sollt' es auch ein Irrweg sein,
ich will ihn doch mit Ehren enden.




Ver sacrum


Das ist der Mai, der heut die Knospe sprengt!
Das ist der Lenz, der holde Liebesbote,
der jauchzend heut dem jungen Morgenrote
aus Blüten sich entgegendrängt!
Durch alle Bäume geht ein leises Rauschen,
und alle Ohren neigen sich und lauschen,
und alle Herzen fühlen warm und frei
und grüßen dich, o Blütenkönig Mai! -

Doch nicht ein Mai für Gras und Bäume bloß:
Ein andrer reißt, ersehnt mit tausend Schmerzen,
ein Frühling heut der Geister und der Herzen
sich aus dem Grund der Zeiten los.
Er grüßt uns auch mit Nachtigallenschlägen,
er streckt uns auch ein sprossend Reis entgegen:
Nun was sich jung und kräftig fühlt, herbei,
zum Opferdienst dem Geisterkönig Mai!

Zwar wissen wir, der Sommer ist es nicht,
noch Größres bleibt die künft'ge Zeit uns schuldig,
nach dem das Herz sich sehnet ungeduldig,
gleichwie das Auge nach dem Licht.
Doch kommt auch dies! Die Knospe muß ja reifen,
es muß der Kern die Hülle von sich streifen,
der Wille führt die Taten doch herbei:
Und immerdar ein Sommer folgt dem Mai! -

Auf seine Früchte deute dieser Kranz!
Voll junger Knospen, sprossender Gedanken,
soll er sich kühlend um die Schläfe ranken
des wundgetretnen Vaterlands;
ein Weihefrühling, wird er ausgesendet,
bis sich die Zeit, die nahende vollendet:
Drum was sich jung und kräftig fühlt, herbei!
Die Fahne weht! Euch alle ruft der Mai!

1844






Auch ein Trinklied


Nun noch einmal, wackre Zecher,
füllet einmal noch die Becher,
füllt sie schäumend bis zum Rand:
Dieser letzte Becher allen,
die als Opfer sind gefallen
für das heißgeliebte Vaterland!

Selig, die den Tod gefunden
unter Leichen, unter Wunden
auf dem offnen Siegesplan!
Diese wohl sind zu beneiden,
denn sie durften hoffend scheiden,
eh' die Schmach sie unsrer Tage sahn.

Doch mit schwerverhaltner Träne
wir gedenken auch an jene,
die der Kerker uns entrafft;
die wie Blumen tun im Sande,
welkten in dem Druck der Bande,
in dem Elend der Gefangenschaft!

Oder die in öder Ferne,
unter fremdem, kaltem Sterne,
einsam starben und verbannt!
Die in Sehnsucht sich verzehrten,
die den letzten Blick noch kehrten
nach dem teuren, undankbaren Land! -

Schweb, o schweb mit leisen Flügeln,
schweb, o Lied, zu allen Hügeln,
wo der Teuren Asche ruht:
Sie auch sind für uns gestorben,
sie auch haben mitgeworben
für des Lebens allerhöchstes Gut.

Sag, daß, wie in ihren Tagen,
auch noch jetzt die Herzen schlagen
für die Freiheit stolz und heiß;
sag, daß, ähnlich ihrer Tugend,
auch noch heute Deutschlands Jugend
für das Vaterland zu sterben weiß! -

Horch, welch Brausen in den Lüften!
Aus den Gräbern, aus den Grüften
Flammen schlagen hell hervor:
Kampfplatz ist die Welt geworden,
Schrecken faßt die feilen Horden,
und der Freiheit Sonne schwebt empor!