Neuspanische Romanzen
Neuspanische Romanzen
nämlich von einem dem Verschiedenes heutzutage spanisch vorkommt
1.
Um die Kirche zu Sankt Paul
einen Schatten sieht man reiten,
mitternachts auf hohem Gaul,
auswattiert die magren Seiten.
Pfeile trägt er nicht noch Köcher,
führt kein Schlachtschwert um die Lenden:
Aber einen Tintenstecher
sorgsam trägt er in den Händen.
Statt des Fähnleins, statt der Lanze
ragt ihm eine ries'ge Feder
hinterm Ohr im stolzen Glanze:
Und die Ohren sind von Leder.
Hinter ihm auf einem Grauen -
oder sag' ich Esel füglich? -
läßt sein Knappe sich erschauen,
wohlbeleibt und höchst vergnüglich.
Nicht zum Kämpfen, nicht zum Fechten,
besser wohl ist der beim Trinken;
eine Wurst hängt ihm zur Rechten,
auf der andern ihm ein Schinken.
Eine purpurne Melone
sieht man auf der Faust ihm prahlen,
um die Scheitel eine Krone,
aber nur von Eierschalen. -
So in mitternächt'ger Stunde,
auf dem Esel, auf dem Gaul,
reiten sie gespenst'ge Runde
um die Kirche zu Sankt Paul;
klopfen dreimal an die Pforte,
rufen dreimal, äußerst kläglich,
unvernommne, dumpfe Worte -
doch die Tür bleibt unbeweglich!
Unbeweglich, wie sie warten,
wie sie rufen, wie sie klopfen;
ja dem Öle selbst, dem zarten,
das sie auf die Angeln tropfen:
Bis beim ersten Hahnenschreie,
bei des Morgenlieds Gedudel,
heimwärts reiten diese zweie,
kläglich, wie begoßne Pudel. -
Diesen Ritter, diesen Knappen,
weiß ihn keiner mir zu nennen?
Ihre Namen, ihre Wappen,
lehrt die Seltsamen mich kennen!
Wär's vielleicht der große Tote,
der berühmte, vielgenannte,
wär's la Manchas Don Quichote,
wär es Sancho, der bekannte?
Oder aber (sprechet leiser,
denn es graut mich der Gemeinheit) -
wär's vielleicht der künft'ge Kaiser,
ihm voran die deutsche Einheit?
2.
Sechsunddreißig Vaterländer
hatte sonst der gute Deutsche,
sechsunddreißig bunte Bänder
flicht man jetzt zu einer Peitsche:
Einer Peitsche, leicht und zierlich,
um die Ohren uns zu wippen,
wenn der Mund zu unmanierlich,
wenn zu plauderhaft die Lippen.
Ja, ich schwör's bei diesem Blute,
halten wird man, was versprochen,
wird uns mit derselben Knute,
einheitselig, unterjochen!
Einen Kaiser, ohne Zweifel
werden ebenfalls wir kriegen:
Nikolaus, den großen Teufel -
Und dann wird die Freiheit siegen!
3.
Ach, wie ist die Welt so eitel!
Magre Bissen, fette Kröpfe,
krause Locken, volle Scheitel,
und darunter leere Köpfe -
Ach, wie ist die Welt so eitel!
Ach, wie ist die Welt so eitel!
Kleine Flaschen, große Keller,
goldgestickte seidne Beutel
und darin nicht einen Heller -
Ach, wie ist die Welt so eitel!
4.
Deutscher Kaiser, deutscher Kaiser,
sag, wie wirst du nur erscheinen?
Trägst du etwa Birkenreiser,
wie der Ruprecht unsrer Kleinen?
Oder führst du, mit Permisse,
eine Spritze zum Klistieren,
um Beschwerden uns, gewisse
drückende, uns abzuführen?
Deutscher Kaiser, deutscher Kaiser,
zwar es fröstelt mir im Blute,
doch ich fasse mich als Weiser -:
führst gewißlich eine Knute!
9.
Ist doch auf der Welt nichts besser
als solch deutscher, solch Professor!
Stillvergnügt, ein mäß'ger Esser,
läßt er fließen sein Gewässer,
füllt es selber noch auf Fässer -
gut verpicht hält es sich besser -
spaltet Haare mit dem Messer:
und indes ein kühner Fresser
stiehlt dem Allerweltsvergesser,
sel'gem Himmelsraumdurchmesser,
vor der Nase stiehlt der Fresser
Braten ihm und Brot und Messer! -
Deutsche Freiheit, dir wär' besser,
stürben sämtliche Professor,
sie - und andre Bettdurchnässer!